New Yorker Künstlerin

Wie Jenna Gribbon Intimität in Malerei übersetzt

Die New Yorker Künstlerin Jenna Gribbon behauptet in ihrer Malerei einen Freiraum, in dem Gemeinschaft, Liebe, Begehren und Verführung ihren Ort haben - egal, ob queer oder straight. Jetzt sind ihre neuen Bilder in Berlin zu sehen

Es könnte auch ein Handy-Schnappschuss sein. Eine blonde, junge Frau in Boxershorts und nacktem Oberkörper steht in der Zimmertür, sie blickt nach unten, vielleicht zieht sie sich gerade die Hose hoch. Die Szene ist ein bisschen erotisch, vor allem aber familiär, ein Augenblick, wie man ihn vielleicht täglich erlebt, und doch wie einer dieser Momente, die für eine ganze Liebe stehen können. Jenna Gribbon hat diesen Moment zu einem Gemälde gemacht, eine kleinformative Leinwand, in scheinbar beiläufigem, weichem Gestus gemalt. "Objectified in Boxers" heißt das Bild von 2020, das eines der schönsten in der aktuellen Ausstellung der New Yorkerin in der Berliner Galerie Gnyp ist.

Die hier, wie der Titel selbstironisch sagt, zum Objekt gemacht wird, ist Gribbons Freundin, die Musikerin Mackenzie Scott. Sie schwebt als Muse durch viele neue Bilder Gribbons, mit schweren Westernstiefeln, mit Gitarre auf der Bühne oder auch beim Sex im Bett, zwischen den Beinen des beobachtenden Ichs hervorlugend.

Wie kaum einer anderen zurzeit gelingt es Jenna Gribbon, Intimität in Malerei zu übersetzen – nicht nur mit ihrer Freundin, sondern auch in den Bildern ihres kleinen Sohnes oder in Porträts ihres Freundeskreises. Damit hat sie sich über 45.000 Follower auf Instagram erarbeitet sowie bei der amerikanischen Kunstkritik den Ruf eines Shooting Stars. Gribbon schafft in der Malerei, was Ryan McGinley oder auch Lina Scheynius in der Fotografie erreichen: einen Freiraum zu behaupten, in dem Gemeinschaft, Liebe, Begehren, Verführung ihren Ort haben, egal ob queer oder straight.

Jenna Gribbon "Regarding Me Regarding You and Me", 2020
Courtesy the artist and Gnyp Gallery Berlin

Jenna Gribbon "Regarding Me Regarding You and Me", 2020


Eine Art Markenzeichen sind dabei die geradezu surreal leuchtenden, pinken Brustwarzen geworden, die in vielen ihrer Akte auftauchen. "Einerseits ist das eine Kompensation für diese lächerliche Zensur der Nippel in den sozialen Medien", erklärt sie im Interview. "Aber vor allem will ich dem Betrachter damit bewusst machen, dass er gerade den nackten Körper eines Menschen betrachtet. In der Malerei sind die Leute das so gewohnt. Aber ich möchte, dass die Betrachterinnen und Betrachter sich wieder klar machen, was das eigentlich bedeutet. Ich mache die voyeuristische Position bewusst. Ich bin natürlich auch Teil dieses Prozesses. Wenn der Betrachter und die Betrachterinnen voyeuristisch sind, dann bin ich es auch."

Gribbons Malerei scheint heute perfekt nach New York zu passen, aber sie selbst fühlte sich in der Kunstszene dort lange aus Außenseiterin. Geboren wurde die 41-Jährige in Knoxville, Tennessee, sie studierte Kunst an der University of Georgia, bevor sie 2003 nach New York zog. "Eine Community hier zu finden, hat lange gedauert. Das Umfeld war nicht gerade sehr offen für figurative Malerei", sagt sie.

2010 bekam Gribbon ein Kind mit dem Schriftsteller Julian Tepper, gemeinsam betrieben die beiden einige Jahre lang den Oracle Club, eine Art literarischen Salon, der in New York einige Furore machte. Aber für ihre eigene Kunst blieb wenig Raum. Auch um das zu ändern, schrieb sich Gribbon noch einmal für ein Postgraduiertenstudium am Hunter College ein. Gleichzeitig trennte sie sich von Tepper, begann, ihre queere Seite zu entdecken und verliebte sich schließlich in Mackenzie Scott. Angesichts der wachsenden Homophobie der Trump-Ära wurden die privaten Bilder ihrer Liebe auch zum politischen Statement: "Ich fand, das waren Bilder, die fehlten, und die gemalt werden sollten."

Balance zwischen Kunstgeschichte und Social Media

Schön ist dabei die Selbstverständlichkeit, mit der die Bilder von der Beziehung mit der Freundin sich abwechseln mit dem ebenso liebevollem Blick auf den Sohn. Noch auf das Picknick mit den Freunden ("Lunch on the grass, a recurring dream") strahlt diese Wärme aus – eine sehr zeitgenössische und diversere Variante von Manets "Frühstück im Grünen".

Mühelos durchstreift Gribbon die Kunstgeschichte, leiht sich mal die Tupftechnik der Impressionisten, wird fast akademisch im feinen Strich oder lässt Bildteile mit breitem Farbauftrag in die Abstraktion gleiten. "Die verschiedenen Maltechniken ermöglichen so etwas wie eine Zeitreise", erklärt Gribbon. "Wir haben die Sprache der Malerei jetzt über viele hundert Jahre gelernt. All diese Information ist heute da – warum soll man sie nicht benutzen? Und wenn man sie benutzt, kann man auch damit spielen."

Jenna Gribbon "Lunch on the grass, a recurring dream", 2020
Courtesy the artist and Gnyp Gallery Berlin

Jenna Gribbon "Lunch on the grass, a recurring dream", 2020

 

Die Anleihen an der Kunstgeschichte haben für Gribbon auch einen feministischen Unterton. "Die Kunstgeschichte ist nun mal fast ausschließlich männlich dominiert, und man kann das nicht rückwirkend ändern. Aber man kann sich darüber lustig machen. Manchmal benutze ich die traditionellen Maltechniken auch sehr camp, wie eine gleichzeitig ironische und liebevolle Referenz zu diesen alten Künstlern mit ihren aufgeblasenen Egos", sagt sie.

Das Künstlerinnensubjekt, das hinter Gribbons Malerei steckt, funktioniert da deutlich zurückgenommener. Entspannt balanciert Gribbons Malerei zwischen der Kunstgeschichte und den heutigen Social-Media-Bildwelten, die ihrer Ansicht nach auch die Machtverhältnisse zwischen Subjekt und Objekt der Kunst verändert haben. "Heute gibt es so viel mehr Interaktion und Feedback zwischen Künstler*innen, Abgebildeten und Betrachter*in", sagt sie.

Für Jenna Gribbon haben die sozialen Medien nicht nur unser Verhältnis zu Bildern und Öffentlichkeit verändert, sie haben auch die Kunstwelt geöffnet: "Früher musste man durch so viele Reifen springen und alle richtigen Türen öffnen, um sein Werk irgendwo zu platzieren, wo Leute es sehen könnten. Es war sehr befriedigend, als ich mit Instagram meine Arbeit mit Leuten teilen konnte, die sie sonst nicht hätten sehen können. Früher war Malerei ein physisches Objekt, die Leute mussten eine Art Pilgerreise machen, um es zu sehen, und nur ein kleiner Teil der Bevölkerung wusste, wo man die Malerei überhaupt aufsuchen kann. Heute ist Malerei viel mehr ein Teil des Lebens."