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"What People Do for Money"

Am Ziel vorbei

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In Zürich hebt sich die elfte Ausgabe der Manifesta an der Realwirtschaft einen Bruch

In der zunehmend digitalisierten und neo-liberalen Arbeitswelt entsteht der Eindruck, dass Fachwissen keine Rolle mehr spielt: Jeder kann – frei nach Marx – morgens Uber-Fahrer sein, mittags Chefkoch.de-Chefkoch und abends kritischer Kritiker, der die Kommentarthreads füllt. Die Herz-OP soll dann aber doch lieber kein ambitionierte Hobbychirurg durchführen, und auch die Diskussion über Einwanderung zeigt, welchen Wert eine handfeste Ausbildung hat.

Dass die Wanderbiennale Manifesta Branchen, Zünfte und Spezialwissen feiert statt wie die Berlin Biennale (die andere Großausstellung dieses Sommers) den Prosumer, der seine Turnschuhe selbst gestaltet, ist deshalb gar nicht mal so rückwärtsgewandt. "What People Do for Money", so der Titel der elften Manifesta-Ausgabe. Für 30 Neuproduktionen haben sich die eingeladenen Künstler mit Züricher Berufstätigen zusammengetan: mit Polizisten, Sexarbeiterinnen, Therapeuten, Lehrern. Der Berliner Künstler Christian Jankowski, der diese Ausgabe kuratiert hat, zog bereits früher in seine Videos Wahrsager, Moderatoren oder TV-Shopping-Verkäufer mit ein. In Zürich tun es ihm seine Kollegen nun gleich.

Manche Teilnehmer musste man sicher nicht lange von diesem Konzept überzeugen. So funktioniert der belgische Künstler Guillaume Bijl seit den 70ern Kunstorte in Turnhallen, Läden und Casinos um. Im Züricher Löwenbräuareal verwandelte er jetzt eine Galerie in einen Hundesalon. Ähnlich wie Bijl, nur ernster im Anspruch, hat auch Santiago Sierra einen Ausstellungsort zweckentfremdet: Mit einer Sicherheitsfirma verbarrikadierte er das Helmhaus, einen Hauptaustragungsort der Manifesta. Es ist nun gegen Limmat-Hochwasser und Angriffe gerüstet. Auch diskretere Eingriffe können für Irritation sorgen: Franz Erhard Walther entwarf mit einem Stoffentwickler eine Weste, die Angestellte des Hotels Park Hyatt während der Laufzeit der Manifesta tragen. Sieht aus, als hätte sich ein Kostümbildner für einen Science-Fiction-Film den heißen Scheiß von übermorgen ausgedacht.

Manche Orte sind indes selbst so stark, dass das Kunstwerk als unbedeutend erscheint, so etwa Jennifer Tees Objekte und Fotografien in einer Leichenhalle. Andere Neuproduktionen wirken lediglich wie Belegexemplare für die interdisziplinäre Hausaufgabe, ohne höheren künstlerischen Wert oder nähere Anbindung an den Ort. Man kann sich gut vorstellen, wie große Ideen unter den Anforderungen der jeweiligen Betriebsstätte und mit schwindendem Budget immer kleiner wurden, und am Ende waren die Beteiligten zu schwach oder zu nett, um den Kompromiss abzusagen.

Manche Satellitenorte lohnen deshalb nicht den Besuch, selbst wenn das Konzept für das Kunstwerk stimmt. Die mit Spannung erwartete Arbeit von Michel Houellebecq zum Beispiel. Der französische Schriftsteller, der in seinen Romanen immer wieder den körperlichen mit dem gesellschaftlichen Verfall in Beziehung setzt, hat sich von einem Chefarzt der Klinik Hirslanden durchchecken lassen. Die Ergebnisse des Ruhe-EKGs, Ultraschalls und der Blutabnahme liegen nun neben der Anmeldung des Spitals zum Mitnehmen bereit. Zum Glück ist das nur ein Bruchteil der Arbeit: Durchleuchtete Körperteile des Dichters sind im Helmhaus zu sehen und verweisen auf den Topos des leidenden Künstlers.

Ein beträchtlicher Teil des Ausstellungsbudgets ist offenbar im Pavillon of Reflections verbaut: Die Holzstruktur, die auf dem Zürichsee schwimmt, wird als Bar, Badeanstalt und Kino genutzt. Hier kann man unter anderem Making-ofs zu den Neuproduktionen sehen, gedreht von Schülern. Es tut der Biennale gut, diesen zentralen Ort zu haben. Ebenso das Cabaret Voltaire, in dem vor 100 Jahren die Dada-Bewegung entstand und das jetzt ein Zunfthaus für Künstler sein soll. Wer hier Performances sehen will, muss selbst zum Künstler werden und einen Entwurf für einen eigenen Auftritt einreichen. Die brave Themenausstellung im Löwenbräuareal taugt hingegen kaum als Herzstück der Biennale. Sie versucht anhand von älteren Positionen und Neuproduktionen die Beziehung von Kunst und Arbeit zu entschlüsseln – was zu seltsamen Kurzschlüssen führt. Diese historische Perspektive lässt die Manifesta nur noch unschärfer erscheinen, weil sie vorführt, dass Künstler-Fachkraft-Kooperationen gängige Praxis sind.

Was machen Menschen also für Geld? Über Ökonomie erfährt man wenig auf dieser Biennale. Eine Woche vor Eröffnung votierten die Schweizer gegen das bedingungslose Grundeinkommen. Nichts davon auf der Manifesta. Nichts zu Sharing Economy, Industrie 4.0 und anderen gravierenden Veränderungen der Arbeitswelt. Man begnügt sich damit, kunstbetriebsfremde Leute und Orte einzubeziehen. Das war sicher nett gemeint.

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