Jede Manifesta beginnt mit einer Recherche über den Ort, an dem sie stattfindet. Was haben Sie über das Ruhrgebiet herausgefunden?
Es hat eine bemerkenswerte Transformationsgeschichte. Um 1865 war Gelsenkirchen eine der reichsten Städte Deutschlands, dann kamen Krieg und Wiederaufbau. Jetzt ist sie eine der ärmsten. Das spiegelt sich in der urbanen Struktur wider. Charakteristisch waren hier die vielen Gartenstädte, es gab eigentlich eine sehr gute urbane Struktur mit kleinen Zentren, wo die Kirche, die Kita, die Schulen waren, wo die Nachbarschaft funktionierte. Aber jetzt sind diese Strukturen aufgelöst. Das Ruhrgebiet ist jetzt beinahe wie Los Angeles, man fährt Auto, es gibt Einkaufszentren, aber öffentliche Gemeinschaftsorte, wo die Leute zusammenkommen können, gibt es nicht mehr viele.
Und wie reagiert die Manifesta 16 darauf?
Wir haben uns gemeinsam mit dem Urbanisten Josep Bohigas mit den sogenannten Pantoffelkirchen beschäftigt. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Ruhrgebiet weitgehend zerbombt. Beim Wiederaufbau danach wurden viele Kirchen als Zentren der Stadtviertel geplant, auch als Symbole der Demokratisierung dieser Gesellschaft nach dem Ende des Nationalsozialismus. Sie heißen Pantoffelkirchen, weil sie so nah waren, alle konnten in Pantoffeln hingehen. Jetzt sind die christlichen Gemeinden geschrumpft, viele Kirchen sind entweiht und warten auf eine neue Aufgabe. Gleichzeitig gibt es ein großes Bedürfnis nach nicht kommerziellen Orten, wo die Leute sich treffen können – das war auch das Ergebnis der Bürgerbefragungen, die wir im Vorfeld der Manifesta 16 gemacht haben. Die Leute vermissen Orte, wo sie sich treffen können, grillen, zusammen spielen, Musik hören, gärtnern. Es ist die Nähe zu den anderen, die die Leute vermissen. Und so haben wir uns entschlossen, die Manifesta in zwölf Kirchen in Gelsenkirchen, Essen, Bochum und Duisburg zu veranstalten, mit dem Ziel, sie zu Gemeinschaftsorten zu transformieren.
Was sind das für Gebäude?
Viele sind architektonisch sehr interessant, von bekannten Architekten wie Hans Scharoun, Gottfried Böhm und Richard Schwarz gebaut und heute weitgehend unbekannt. Dass wir mit der Manifesta 16 in diese Kirchen gehen und nicht zum Beispiel in die 21 RuhrKunstMuseen, ist auch als Signal an die Politik zu verstehen: Es gibt all diese Gebäude, sie sind aufgeladen mit kollektivem Gedächtnis, sie waren mal das Zentrum der Nachbarschaften, bitte nutzt sie für die Gemeinschaft! Denn eines der zentralen gesellschaftlichen Probleme heute ist die Polarisierung, ist das Misstrauen der Menschen untereinander. Wir brauchen Orte, wo die Menschen wieder zusammenkommen können.
Die Kirchen sind Teil der christlichen Tradition der Region. Heute leben dort aber auch sehr viele Menschen anderer Glaubensgemeinschaften. Wie laden Sie die ein?
Wir dachten auch zunächst, es würde da eine Hemmschwelle geben. Aber als wir die Menschen in Gelsenkirchen-Ückendorf oder Essen-Karnap gefragt haben, ob sie in die Kirchen kommen würden, wenn sie keine christlichen Kirchen mehr sind – "This is not a church" lautet ja auch der Titel der Manifesta 16 –, haben sie gesagt: Ja klar, es ist für uns nicht relevant, was das war. Hauptsache, wir können an diesem Ort neue Verbindungen schaffen und Dinge tun. In der St.-Josef-Kirche in Gelsenkirchen-Ückendorf beispielsweise hat schon während der Vorbereitungszeit regelmäßig eine Basketball-Gruppe gespielt, und die würde nach Ende der Manifesta 16 den Ort sehr gerne dafür weiternutzen. Wichtig für die Akzeptanz ist natürlich auch, dass wir keinen Eintritt nehmen. Wir haben sehr dafür gekämpft, dass die Manifesta 16 kostenlos ist für alle, und das wird einen großen Unterschied machen.
Ist die Migrationsgeschichte der Region auch Thema der Ausstellung?
Sie ist einer der Schwerpunkte der Manifesta 16. Wir haben bewusst jemanden wie Gürsoy Doğtaş als Creative Mediator …
… so nennen Sie die Kuratoren …
… eingeladen, der sich seit Langem mit der Kunst der so genannten Gastarbeiter in Deutschland beschäftigt. Die Geschichte der Region ist in den letzten 30 Jahren sehr stark über die Monumente der Industriekultur erzählt worden. Es ist aber auch wichtig, die vielen Menschen, die die Arbeit gemacht haben, wie die Einwandererinnen und Einwanderer aus Polen oder der Türkei, mehr in den Vordergrund zu stellen.
Insgesamt haben acht Creative Mediators die Ausstellung kreiert. Warum so viele?
Wir feiern in diesem Jahr 30 Jahre Manifesta. Sie ist 1996 als spezifisch europäisches Projekt entstanden, als europäische Wanderbiennale. Und die Ausgabe im Ruhrgebiet wird von Tandems von Menschen verschiedener Generationen und aus unterschiedlichen europäischen Ländern kuratiert. Wir haben mit Anda Rottenberg, René Block und Henry Meyric-Hughes drei erfahrene Ausstellungsmacher im Team, die die gesamte Entwicklung der Europäischen Union im 20. Jahrhundert miterlebt haben, die nebenbei selbst so alt sind wie viele der Kirchen. Sie haben sich jeweils junge Kolleginnen und Kollegen dazugeholt, und es klappt sehr gut. Das Team soll für eine positive Vorstellung von Europa stehen, das zukünftige Europa der Willigen. Als ich die Manifesta gegründet habe, sagten die Leute: Wieso eine Institution, die sich mit Europa beschäftigt? Aber Europa ist heute wichtiger denn je.
Wie sieht die Künstlerliste aus?
Es ist eine interessante Mischung von etablierten Künstlerinnen und Künstlern wie Luc Tuymans, Wilhelm Sasnal oder Pedro Cabrita Reis und zahlreichen jungen Künstlerinnen und Künstlern, von denen auch ungewöhnlich viele in Deutschland leben oder irgendeine Verbindung zu Deutschland haben – fast 25 Prozent. Die Ausstellung soll eine intensive lokale Vernetzung haben.
Was ist der rote Faden der Ausstellung?
Die zentrale Frage lautet: Was hält die Gesellschaft zusammen? Wer gehört dazu, wie leben die Menschen in der Diaspora der ersten oder zweiten Generation? Und dann: Wie können wir die Kirchen in Orte der Gemeinschaft verwandeln, wo sich Gruppen jeder Herkunft wohlfühlen, Menschen jeder sexuellen Orientierung? Themen wie Klimaschutz und Zukunft werden verhandelt, aber es gibt auch gemeinsames Spiel, Teegärten, Musik, sogar eine Bäckerei.
Für welches Publikum ist die Manifesta 16 gedacht?
Wir wollen auch für Menschen interessant sein, die sonst nicht in Kunstausstellungen gehen – für die Menschen vor Ort. In Barcelona, wo die vorherige Ausgabe stattfand, kamen 89 Prozent des Publikums aus der Stadt und der direkten Umgebung. Auch deshalb fanden wir es wichtig, dass die Biennale keinen Eintritt kostet.
Und wenn die Biennale vorbei ist – was soll bleiben?
Für mich ist die Manifesta 16 Ruhr ein Erfolg, wenn das Thema der leeren Kirchen auf die politische Agenda kommt, wenn Menschen Initiativen starten, die Orte transformiert werden und dort kulturelle und soziale Projekte stattfinden. Und vielleicht kann die Manifesta 30 Jahre nach ihrer Gründung als europäische Biennale auch zum Nachdenken darüber anregen, was Europa heute bedeutet. Wie können unsere demokratischen Institutionen überleben? Wie können wir die Polarisierung, die Schere zwischen Arm und Reich, den Vormarsch rechten Gedankengutes überwinden, die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit verteidigen? Dafür ist Europa heute von zentraler Bedeutung.