Máret Ánne Sara in London

Wohin führt die Himmelsleiter?

Als erste Sámi-Künstlerin bespielt Máret Ánne Sara die monumentale Turbine Hall der Tate Modern. Damit verschafft sie indigener Kunst aus Nordeuropa die größtmögliche Sichtbarkeit - zeigt aber auch die Grenzen von Aktivismus im Museum 

Der Eingang zur Turbine Hall der Londoner Tate Modern bringt jedes Mal eine eigene Choreografie mit sich: Man nähert sich dem massiven Gebäude am Ufer der Themse auf Tiefgaragenniveau, doch beim Betreten der breiten Rampe öffnet sich der Raum in schwindelerregende Weite und vor allem Höhe.

Eine schmale Leiter ist zentral auf dieser Schräge platziert, wie ein Mast oder Blitzableiter, der die ganzen 26 Meter vertikal durchmisst. An den Seiten glimmen Leuchtstoffröhren, auf die Trittsprossen sind paarweise Rentierfelle drapiert, die ein bisschen wie pelzige Nachtfalter aussehen. Aus einem Lautsprecher erklingt Gesang. Ist das ein stairway to heaven, eine Himmelsleiter, die es nicht in den Himmel, sondern nur bis zur Decke der dann doch endlichen Museumshalle schafft?

Solche großen Assoziationen sind nicht ganz fehl am Platz, denn in der diesjährigen Turbine Hall Commission der Tate Modern geht es um Existenzielles. Die Installation der in Norwegen lebenden Sámi-Künstlerin Máret Ánne Sara dreht sich um das Überleben indigener Traditionen und Lebensweisen in der Arktis - und das ist eng mit dem Überleben der Rentiere verknüpft. Auch der Museumsraum gleicht einer Landschaft. Weit hinten in der Halle scheinen Gräser oder Schilf Inseln und labyrinthische Gänge gebildet zu haben, man kann sich hineinbegeben, Wandschmuck aus dutzenden Rentierschädeln begutachten, auf Fellen Platz nehmen und über Kopfhörer Interviews lauschen, die von der Künstlerin mit Sámi-Ältesten geführt wurden, die über besonderes Wissen verfügen. Die Form des Labyrinths ähnelt der Struktur einer Rentiernase, die eiskalte Luft in Bruchteilen von Sekunden extrem aufheizen kann; eine Grundbedingung für die Existenz im arktischen Winter. An Verweisen und Metaphern mangelt es also nicht in diesem Werk.

Kolonialismus mitten in Europa?

Will man beim Bild der Leiter bleiben, dann hat Máret Ánne Sara in den vergangenen Jahren so ziemlich jede Sprosse in Richtung Kunstolymp erklommen. 2017 stellte sie zusammen mit anderen samischen Künstlerinnen und Künstlern auf der Documenta 14 in Kassel aus, 2022 bespielte sie mit Pauliina Feodoroff und Anders Sunna den nordischen Pavillon auf der Venedig-Biennale. Die Auftragsarbeit für die Tate Modern ist nun so ziemlich der größte künstlerische Auftritt, den man im Vereinigten Königreich haben kann. 

Und doch ist die Kunst von Sara alles andere als triumphal. Vielmehr ist sie ein Mittel, um der Ohnmacht zu begegnen, die viele Angehörige der Sámi gegenüber den skandinavischen Regierungen empfinden. Die indigene Kunst aus Europa ist eine Erinnerung daran, dass man gar nicht bis in den "Globalen Süden" schauen muss, um auf dekoloniale Kämpfe zu stoßen. Denn auch die Sámi, die seit Jahrtausenden im Norden der heutigen Staaten Norwegen, Schweden, Finnland und Russland leben, sehen sich mit kolonialen Machtstrukturen konfrontiert. 

Heute gibt es schätzungsweise 80.000 bis 100.000 Menschen in Skandinavien, die sich als samisch identifizieren und zu etwa zwei Dritteln noch immer mit Rentierwirtschaft zu tun haben. Wer genau zur Community gehört, ist auch deshalb so schwer zu sagen, weil den Sámi ihre Kultur über Jahrhunderte systematisch ausgetrieben wurde. Ihnen wurde die Sprache verboten und Landrecht genommen, durch die Christianisierung gingen Rituale und Wissen verloren.

Kunst als Notwehr

Inzwischen gibt es in Norwegen, Schweden und Finnland jeweils ein eigenes Sámi-Parlament, allerdings mit begrenzter Macht und abhängig von der Finanzierung durch die Nationalstaaten. Norwegen unterzeichnete 1990 (als bisher einziges der drei Länder) das ILO-Übereinkommen zum Schutz indigener Völker der Vereinten Nationen. In Oslo wurde 2017 außerdem eine "Wahrheits- und Versöhnungskommission" eingesetzt, die 2023 einen Bericht zu den Praktiken und Folgen der fornorskingspolitikk (Norwegisierungspolitik) vorlegte. Ein zentraler Befund: Stigmatisierung und Einschränkungen der traditionellen Lebensweise gibt es bis heute. 

Auch der Ursprung der Kunst von Máret Ánne Sara, die zuvor als Journalistin und Autorin arbeitete, lag in einer Erfahrung der Unterlegenheit gegenüber der Justiz. Mit einem Haufen voller blutiger Rentierschädel, einer Installation, die leise an Marina Abramovićs Knochenputzen erinnert, protestierte sie gegen die vom norwegischen Staat angeordnete Schlachtung von Teilen der Rentierherde ihres Bruders. Die Behörden beharrten da­rauf, dass es zu viele Tiere in der arktischen Tundra gebe, und verlangten die Keulung eines gewissen Prozentsatzes aller Bestände. Ein Beschluss, der gerade für junge Hirten existenzbedrohend war.

Eine abgewandelte Version des Werkes "Pile o' Sápmi", unter anderem einen Vorhang aus sauber aufgefädelten Rentierschädeln, brachte Sara dann 2017 auch mit zur Documenta nach Kassel. Es ist die Ironie der Geschichte, dass ihr das Projekt enorme Sichtbarkeit in der Kunstwelt verschaffte - ihr Bruder den Prozess jedoch verlor. Was auf der symbolischen Ebene Erfolg bedeutete, scheiterte in der nüchternen Realität der Justiz.

"Wir alle teilen uns diese erschöpfte Welt"

Máret Ánne Sara ist sich dieses Dilemmas bewusst und sagte schon vor der Venedig-Biennale, dass sie mit ihrer Zusage lange gezögert habe. Doch sie habe nicht aufgeben wollen und sehe die Kunst auch als Korrektiv für politische Instanzen, in die sie das Vertrauen verloren habe. "Es ist genau dieses demokratische System, das genutzt wurde, um unsere Rechte zu beschneiden und das Herz unserer lebendigen Kultur, die Rentierwirtschaft, zu schwächen", sagte sie im Monopol-Gespräch 2022. "Deshalb ist es so wichtig, immer wieder unsere Geschichten zu erzählen. Sie handeln von Umweltzerstörung, Klimawandel, psychischen Problemen aufgrund des staatlichen Drucks und von tiefer Erschöpfung. Diese Geschichten müssen gehört werden, denn wir alle teilen uns diese erschöpfte Welt."

Das Erzählen geht also weiter. Saras Installation in der Turbine Hall in London weitet den Blick nun von ihrem eigenen Fall und schaut auf die großen Entwicklungen im europäischen Norden: dort sind die Folgen der Klimakrise bereits besonders deutlich zu spüren. Die Winter werden unberechenbar; durch die Temperaturschwankungen taut und friert der Schnee im ständigen Wechsel - was die Rentierhirten und ihre Herden vor große Probleme stellt, weil sich die Tiere durch die Eisschichten nicht mehr zum Futter auf dem Boden graben können. Hinzu kommen die vielen Windpark- und Bergbau-Projekte, die heiliges Land entweihen, Rohstoffe ausbeuten oder im Namen der erneuerbaren Energien Wanderrouten der Rentiere stören. "Es ist sehr schwierig, sich als kleine Minderheit zu verteidigen, wenn die Argumente darauf abzielen, die Welt zu retten", sagte Sara kürzlich dem "Guardian" zum Thema Energiegewinnung und Rohstoffabbau in der Arktis. "Der Extraktivismus hat sich die Sprache der Ökologie zu eigen gemacht, aber dennoch zielt er nur darauf ab, geeignetere Wege zu finden, um die Konsumgewohnheiten fortzusetzen."

Dass dieses Thema jetzt auch den Weg nach London gefunden hat, dürfte mit der neuen Direktorin der Tate Modern zu tun haben. Die dänische Kunsthistorikerin Karin Hindsbo leitete vorher das ambitionierte Nationalmuseum in Oslo, das sie seit 2017 mit aufgebaut hatte. Das Haus hatte unter ihrer Leitung Máret Ánne Saras Rentierschädel-Vorhang angekauft und prominent gezeigt. Überhaupt ist in skandinavischen Institutionen ein Wandel zu beobachten: Sámi-Kunst findet immer mehr Eingang in Sammlungen und Ausstellungen und wird im Kontext anderer indigener Kämpfe auf der Welt gerahmt - eine Entwicklung, die sich einerseits als Anerkennung von Versäumnissen lesen lässt, gleichzeitig aber politischen Widerstand musealisiert und konsumierbar macht.

Immer weiter auf der Leiter

Es ist der bekannte Widerspruch, der mit dem Siegeszug indigener Kunst in den großen Häusern der Kulturwelt einhergeht, und der sich nun auch in London betrachten lässt: Im Idealfall wird das Publikum für die Anliegen gefährdeter Ökosysteme aus Menschen und anderen Lebewesen sensibilisiert (gerade der Blick auf die Arktis entlarvt den Irrtum, dass die Klimakrise in Europa schon nicht so schlimm werden wird). Aber dass die institutionelle Sichtbarkeit von Minderheiten zu Verbesserungen außerhalb der Kunstwelt führt, ist alles andere als garantiert, wie auch der Rechtsstreit von Máret Ánne Saras Familie zeigt. 

Kunst kann gegen Ohnmacht helfen, aber die Kunst wirkt auch ohnmächtig gegen globale politischen Entwicklungen, die sich gerade wieder von Klimazielen entfernen, weiter auf fossile Rohstoffe setzen und die schon längst spürbaren Folgen der Erderwärmung erfolgreich verdrängen. Die "Himmelsleiter" in der Turbine Hall könnte daher auch für das mühsame Weiterklettern stehen, das Nicht-Aufgeben, wenn das Ziel ungewiss erscheint.

In Ausnahmesituationen verlassen sich die Sámi auf Instinkte ihrer Rentiere. Oft wissen die besser, was zu tun ist, als die Menschen. Eine körperliche Ahnung davon können nun auch die Besuchenden der Tate Modern bekommen. Oder vielmehr, sie müssen sie erschnuppern. Zusammen mit dem Parfümeur Nadjib Achaibou hat Máret Ánne Sara eine Essenz entwickelt, die den Ausdünstungen von Rentieren ähnelt, wenn sie Angst haben. Doch bei dieser einzelnen negativen Emotion soll es nicht bleiben. In der Installation wabert genauso ein nährender Duft aus Rentiermilch und süßem Gras.