Wir schreiben das Jahr 2025. Der mächtigste Mann der Welt, Donald Trump, strebt nach absoluter Autorität, Frauen nach einem kindlich dünnen Körper, gewisse Männer danach, zu bestimmen, wie Frauen sich anzuziehen haben. Man könnte sagen: alles wie immer. Wenn da nicht vor etwa zehn Jahren eine Periode begonnen hätte, in der sich diese festgefahrenen Strukturen langsam zu verändern schienen.
Der Feminismus, zusammen mit einer neuen Körperfreundlichkeit und Hashtag-Kampagnen wie #MeToo, breitete sich immer selbstverständlicher im alltäglichen Leben aus. Verkörpert wurde dieser Geist auch durch eine Person, die eine für Frauen seltene Position erhielt, andere an ihrem Erfolg teilhaben ließ und das Thema Gleichberechtigung auch nach seiner Trendphase hochhielt: Maria Grazia Chiuri.
2016 wurde der 1964 geborenen Römerin einer der prestigeträchtigsten Jobs der Modebranche angeboten: Chefdesignerin beim französischen Couture-Riesen Christian Dior. Sie wurde die erste Frau auf diesem Posten in der bis dato 70-jährigen Geschichte des Hauses. Chiuri, nach Stationen bei Valentino und Fendi, wusste, was sie zu tun hatte. Schon in ihrer Debüt-Kollektion zeigte sie das berühmte weiße Shirt mit dem schwarzen Aufdruck "We Should All Be Feminists".
Die Ambivalenz des "Feminist"-Shirts
Ja, es kostete 750 Euro. Und ja, die Näherinnen des simplen Oberteils waren in dem weißen, privilegierten Feminismus, den das T-Shirt repräsentierte, vermutlich nicht inkludiert. Fast-Fashion-Firmen kopierten das Trend-Teil eins zu eins, was seine Ambivalenz unterstrich.
Und trotzdem erfüllte das textile Statement genau das, was von ihm gefordert war: Es überbrachte eine Nachricht an die Modewelt, die damals wie heute vor allem von weißen, privilegierten Männern regiert wird. "Es ist so einfach wie die Botschaft auf dem T-Shirt: Wir sollten alle Feministinnen sein. Es ist kein Geschlechterthema, es ist eine Frage von Werten und Verhalten", erklärte die Designerin damals ihr viel diskutiertes Kleidungsstück.
Eine "We Should All be Feminists" betitelte Rede und der gleichnamige Essay der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie hatten sie zu dem Entwurf inspiriert, der Modegeschichte schrieb. So begann eine Fusion von Kunst, Aktivismus und Mode, die sich durch Maria Grazia Chiuris Dior-Ära ziehen würde.
In der Mode bleibt immer die Frau ohne Stuhl
Zurück ins Heute. Die Sommer-Schauen für das Jahr 2026, die im September anstehen, versprechen, spannend zu werden. Wie gewohnt haben viele Kreativdirektoren ihre Plätze gewechselt und werden nun erneut Debüt-Kollektionen zeigen. Uns erwartet unter anderen Glenn Martens bei Margiela, Matthieu Blazy bei Chanel, Demna bei Gucci, Michael Rider bei Celine, Pierpaolo Piccioli bei Balenciaga, Jack McCollough und Lazaro Hernandez bei Loewe. Und: Jonathan Anderson bei Dior.
Wem an dieser Aufzählung nichts seltsam vorkommt, der ist, könnte man sagen, Teil des Problems. Die mächtigen Mode-Männer tauschen die Top-Positionen untereinander wie Kinder ihre Stühle bei dem stressigen Spiel "Reise nach Jerusalem". Hier sitzen zu Beginn alle auf ihrem eigenen Platz, müssen dann um die Möbel herumlaufen und bei Ende der Musik wieder einen Stuhl ergattern. Bei jeder Runde wird einer der Sitze weggenommen, sodass zwangsweise ein Mitspieler übrig bleibt.
In der Modewelt ist diese Person seltsamerweise fast immer die eine Frau, die entgegen aller Statistiken einmal einen Top-Job ergattert hatte. In diesem Herbst ist es Maria Grazia Chiuri, deren Stelle nach neun Jahren an Anderson übergeben worden war. Er wird die Marke sicher revolutionieren, Modekritiker befrieden, er hat wunderbare Visionen. Es wird grandios werden. Und trotzdem muss man feststellen: Eine der wenigen Frauen an der Fashion-Spitze musste das Feld räumen, wie gewohnt.
Kollaborationen mit den Künstler-Musen
In Chiuris Amtszeit hatte sich der Umsatz des Unternehmens zunächst vervierfacht, bevor er durch einen starken Rückgang der Nachfrage im Luxussegment erheblich zurückging. Nicht nur das Produktangebot, auch das Image Diors hatte die Designerin grundlegend verändert. Bekannt und beliebt wurde sie unter anderem durch ihre regelmäßige Zusammenarbeit mit Künstlerinnen, denen sie das Set-Design bei Modenschauen überließ.
Auch die Schaufenstergestaltung der wichtigsten Dior-Boutiquen legte sie oft in die Hände ihrer Künstler-Musen. Sie wandte sich für Choreografien, Archiv-Fotografien oder Neuauflagen von Dior-Klassikern fast ausnahmslos an weibliche Kreative. Judy Chicago, Mickalene Thomas, Eva Jospin, Brigitte Lacombe, Penny Slinger, Fulvia Carnevale, Silvia Giambrone, Anna Paparatti, Mariella Bettineschi oder Joana Vasconcelos sind nur einige der Frauen, die mit Chiuri kollaborierten.
Die Designerin entfernte sich von allzu dramatischen Kreationen, besann sich auf Tragbarkeit und ihre Protagonistin, die sich in der Dior-Mode von morgens bis abends wohlfühlen und bewegen sollte. Das führte auch zu schwierigen, zu kommerziellen Stücken, jedoch auch zu vielen begehrten Taschen, klassisch-eleganter Couture und vielseitig einsetzbarer Kleidung.
Eine Dior-Frau, die beflügelt um die Welt reist
Ihre Modeschauen zeigte Chiuri an extravaganten Orten, von Mexiko über Griechenland bis Indien. So unterstrich sie die Idee der Dior-Frau, die beflügelt um die Welt reist und all das erreicht, was ihre männlichen Gegenspieler vorgelebt haben. "Monsieur Dior entwarf für Frauen, die konservativer waren – Frauen bewegten sich damals weniger. Meine Obsession ist es, Stücke zu schaffen, die sich leicht tragen lassen, unter Einsatz von Technologie, aber auch mit dem savoir-faire der Couture", sagte Chiuri im September letzten Jahres dem Magazin "Elle UK".
Ihre "J’Adior" Kitten-Heels wurden zu Kultschuhen. Sie kreierte gefeierte transparente Roben, unter denen mit "J’adior Dior" beschriftete Unterwäsche hervorblitzte. Auch die millionenfach kopierte "Dior Book Tote" aus festem Stoff stammt aus Chiuris Feder.
Sie durchforstete das Archiv, interpretierte Klassiker neu und etablierte die Plus-Size-Version des ikonischen "New Looks", den Christian Dior Ende der 1940er-Jahre vorgestellt hatte. Die gerade für die Haute-Couture-Kollektionen viel genutzten, diversen Handwerkstechniken ließ Chiuri spezifisch in Zusammenarbeit mit Frauengruppen, wie etwa der Chanakya School of Craft in Indien, ausführen.
Seriosität, Kraft und Zartheit
Es zieht sich als roter Faden durch ihre Schaffensperiode bei der französischen Marke, dass sie Frauen an den Tisch holte und ihre Mitgestaltung nicht nur akzeptierte, sondern gezielt förderte. Ihre Kollektionen liefen meist in monochromen Farbfamilien, an amazonenhaften Models, vermittelten Seriosität, Kraft und Zartheit in einem. Als Frau erst genommen werden und gleichzeitig das Schöne in den Mittelpunkt stellen, das ging bei Maria Grazia Chiuris Dior.
Ihre letzte Modenschau für Dior realisierte sie im Mai in der Villa Albani Torlonia in Rom. "Ich möchte zeigen, was ich liebe – was ich wirklich liebe", erklärte Chiuri, bevor sie eine zutiefst persönliche, fast ganz in Weiß gehaltene Hommage an ihre Geburtsstadt präsentierte. Die Kollektion zeigte klare Bezüge zu ihrer eigenen Vergangenheit – etwa durch ein Kleid, das an Valentinos "White Collection" von 1968 erinnerte, oder durch religiös anmutende Elemente wie einen Kardinalsmantel.
Die Show endete mit einer römisch inspirierten, "gepanzerten" Silhouette – eine moderne Zenturio-Frau als Symbol weiblicher Stärke. Schauen wir mal, ob auch Maria Grazia Chiuri - wie ihre männlichen Kollegen - bald einen neuen Stuhl im Modespiel angeboten bekommt.