Marianna Simnett in Wien

Gebändigter Kontrollverlust

Urinieren, Ohnmacht und das Gefühl, gekitzelt zu werden: In der Wiener Secession verwandelt Marianna Simnett körperliche Grenzzustände in eindringliche Arbeiten aus Licht, Klang und skulpturalen Elementen, in denen sich Familiengeschichte, Folklore und Gewalt überlagern

Man hört die seltsamen Schreie schon, wenn man die Räume der Wiener Secession betritt. Sie dringen aus dem Keller, aus dem Dunkel. Je näher man Marianna Simnetts Ausstellung im Untergeschoss kommt, desto penetranter wird die Frauenstimme. Schreit sie? Stöhnt sie? 

Im ersten Raum ist man an der Quelle des Geräuschs angekommen. Ein seidig glänzender Rock rotiert unter der Decke des abgedunkelten Ausstellungsraums. Er zuckt und ruckt genau im Rhythmus der Tonspur. Auf der ertönt die Stimme der Künstlerin selbst. Vier Stunden lang ließ sich Simnett für diese Arbeit auskitzeln. Zu hören ist ein Wesen, das lacht, kreischt, stöhnt und der Erschöpfung und dem Wahnsinn immer näher kommt. "Catherine Wheel" heißt die Arbeit – so nannte man im Mittelalter in England das Rad, auf das Verurteilte gebunden wurden, um ihnen die Knochen zu brechen. Benannt wurde es nach der christlichen Märtyrerin Katharina, die der Überlieferung zufolge in römischen Zeiten auf diese Weise hingerichtet werden sollte.

Kitzeln ist eine anerkannte Foltermethode, und diese Stimme foltert nun uns. Man denkt an Hysterie, an Hexen, an Widerstand. Und vielleicht daran, dass dieses irre Lachen der einzige Kommentar ist, der einem zum Zustand der Welt eigentlich noch einfällt. 

Zwischen Tradition und Folter

"Circus" heißt die Ausstellung, und der kreisende Rock erinnert tatsächlich an Manege, an Performance. Simnett bezieht sich außerdem auf die folkloristischen Traditionen des Balkan. Ihre Mutter ist in Kroatien geboren, die dortigen Trachten schwingen mit bei dieser verrückten, technisch präzise inszenierten Rockinstallation. Und die Folterassoziation führt Simnett überdies zu ihrem jüdisch-kroatischen Großvater und dessen Erfahrungen im Holocaust. 

Marianna Simnett "Catherine Wheel", 2026
Foto: Sophie Pölzl, courtesy die Künstlerin und Société, Berlin

Marianna Simnett "Catherine Wheel", 2026

Der fliegende Rock verweist auch noch auf einen älteren, im Balkan weit verbreiteten Mythos: Frauen hoben ihre Röcke und zeigten ihre nackte Vulva, um die Götter zu erschrecken und beispielsweise schlechtes Wetter zu vertreiben. Das weibliche Genital als Schockmoment, das Heben der Röcke als Befreiung setzt sich im zweiten Raum der Ausstellung fort, in einer Neonarbeit mit wechselnden Bildern: In "Fountain" blinkt eine weibliche Figur, die ihren Rock hebt und in satten, gelben Strahlen auf den Boden pinkelt. Solche blinkenden Neons kennt man von Bruce Nauman – auf ein Motiv wie dieses ist der alte Herr der Konzeptkunst allerdings nicht gekommen.

Dreist leiht sich Simnett dann auch noch den Titel von Duchamps berühmtestem Readymade aus, dem – natürlich! – Pissoir "Fountain". Auch Frauen können Springbrunnen sein! Ihre pinkelnde Figur übrigens ist in der Kunstszene so bekannt, dass man sie sogar in den abstrahierenden Neonformen erkennt: Es ist Modell und Künstlerin Eliza Douglas. 

Rhythmisierte Ohnmacht

Die Körpergeschichten von "Circus" komplettieren sich im dritten Raum mit der Arbeit "Faint with Light" von 2016. Auch hier stammt die Tonspur von einer radikalen Aktion der Künstlerin: Simnett hyperventilierte, bis sie ohnmächtig wurde. Das blendende Licht der Installation leuchtet im Rhythmus ihres hektischen Atems auf, vergeht und kommt wieder, so wie ihr Bewusstsein. 

Zehn Jahre liegen zwischen "Faint with Light" und "Catherine Wheel". Zwei Arbeiten, für die Simnett an physische und psychische Grenzen geht und denen sie dann eine perfekte Form gibt. Kontrollverlust, technologisch meisterhaft gebändigt und doch direkt auf den Schmerzpunkt gezielt – das ist der Kern dieser konzentrierten Ausstellung, die man gleichermaßen aufgewühlt und beeindruckt verlässt.