Performance in London

Marina Abramović experimentiert mit Mixed-Reality

In London präsentiert Marina Abramović diese Woche ihre neue Performance "The Life". Wen man dort nicht antreffen wird: die Künstlerin selbst. Im Mixed-Reality-Experiment lässt die bislang technologiekritische Künstlerin ein virtuelles Abbild auftreten

"Ich möchte, dass die Leute offen und verletzlich zu mir kommen. Wenn sie die Galerie betreten, müssen sie ihre Uhren, ihre Computer, ihre Blackberrys, iPads und iPhones zurücklassen. Wir haben uns zu sehr an die Technologie gewöhnt, ich möchte sie loswerden", forderte Marina Abramović, als sie 2014 zu ihrer Dauer-Perfomance "512 Hours" in die Londoner Serpentine Gallery einlud. Was die Besucher im Galerie-Pavillon vorfanden, war die radikale Leere: In 512 Stunden präsentierte Abramović ein Nichts, das sie kraft ihrer eigenen Präsenz mit Energie zu füllen versuchte - befreit von jeglichen technologischen Einflüssen unserer Zeit.

Nun, rund fünf Jahre später, kehrt die serbische Künstlerin mit einer einwöchigen Performance an diesen Ort zurück – offensichtlich jedoch mit einer nahezu entgegensetzten Motivation: Wer heute Zeuge ihrer Arbeit wird, bekommt jenen Elektronik-Schnickschnack, den sie einst zu verbannen suchte, wohlwollend in die Hand gedrückt. Er ist sogar zwingend erforderlich, um die 19-minütige Performance "The Life" - eine Mixed-Reality-Experiment zwischen realer und virtueller Welt - erleben zu können.

In der Mitte der Galerie wird ein fünf Meter langer Seilzug zu sehen sein, in dem eine digitale, hyperrealistische Darstellung Abramovićs durch eine spezielle Brille sichtbar wird. Den Besuchern steht es frei, die rituellen Gesten ihrer virtuellen Performance zu erkunden und mit ihr zu interagieren. Im Gegensatz zu Virtual-Reality ermöglicht Mixed-Reality, dass der Galerieraum sowie die anderen darin befindlichen Besucher währenddessen als Teil des Erlebnisses vollständig wahrnehmbar bleiben. Der virtuelle Inhalt wird hier als authentischer Teil der realen Welt begriffen.

Diese aufwendig produzierte Performance wird von Tin Drum, einem Technologiekollektiv aus Designern, Programmierern, Wissenschaftlern und Künstlern umgesetzt. Um eine naturgetreue Version der Künstlerin zu erstellen, filmten die Techniker Abramović mit 36 Kameras mehrere Tage lang in einem hochmodernen Studio in Frankreich. Regie führte dabei Todd Eckert, der 2007 an der Produktion der Film-Biografie "Control" über den Joy Division-Sänger Ian Curtis beteiligt war. "Dies ist das erste Mal, dass diese Technologie für eine Performance verwendet wird - aber dieses Experiment ist erst der Anfang", sagt Abramović in einem Statement.

Nun ist es zugegebenermaßen etwas überraschend, dass ausgerechnet Abramović als Pionierin dieses künstlerischen Grenzgangs voranschreitet. War sie es nicht, die seit den 1970ern als unerbitterlichste aller Performance-Künstlerinnen unter Blut, Schweiß und Tränen die Möglichkeiten und Grenzen des menschlichen Körpers erkundete. Die sich in jüngster Zeit mit spirituellen Vorstellungen von Achtsamkeit, Präsenz und Energie beschäftigte: Für ihre weltberühmte Performance "The Artist Is Present" (2010) saß die Wahl-New Yorkerin den Besuchern des MoMAs 736 Stunden lang regungslos und stumm gegenüber.
 

Und heute? The Artist is not Present. Es mag kein Zufall sein, dass sie, wie damals in New York, in einem roten Kleid auftritt - doch "The Life" beruht auf der gegenteiligen Vorstellung einer materiellen Abwesenheit. Es geht zunehmend um die Rolle des Publikums – ihre eigene nimmt ab. Was bedeutet Präsenz und Intimität in einer Zeit neuer Technologien und virtueller Realitäten? Die 72-jährige Abramović stellt wichtige Fragen zu dieser neuen Welt und untersucht, was sie für die Künste letztlich bedeuten (können). Die Virtualisierung der Performance-Kunst ermöglicht nicht nur eine völlig neue Chance der Haltbarkeit, sondern auch einen weiteren Schritt in Richtung eines demokratisierten Zugangs: "Die Tatsache, dass das Projekt überall auf der Welt wiederholt werden kann, während ich nicht da bin, ist überwältigend. Ich kann an jedem Ort der Erde präsent sein."