Marina Abramović in Wien

Nichts für schwache Nerven

Blut, Schmerz, Stille: Marina Abramović hat den eigenen Körper zum Medium gemacht. Die Albertina Modern wagt nun, ihr extremes Werk museal zu denken – und bleibt dabei erstaunlich nah an seiner Intensität

Performancekunst lebt vom Augenblick. Anders als bei anderen Kunstformen zählt hier nicht das fertige Objekt, sondern der lebendige Prozess. Die Spannung, dass alles passieren kann, die Ungewissheit des Ausgangs und die Einzigartigkeit der Situation machen die Faszination für diese Kunstform aus. Ihre Wirkung entsteht aus der direkten Interaktion mit der Umgebung – das Erlebnis ist unwiederholbar, gebunden an einen konkreten Raum und einen bestimmten Moment. Doch wie lässt sich unter diesen Bedingungen das Werk einer Performancekünstlerin im Museum zeigen, ohne die theatrale Aura einzubüßen?

In der Albertina Modern in Wien ist derzeit die erste umfassende Retrospektive zum Werk von Marina Abramović in Österreich zu sehen. Die 1946 in Belgrad geborene Künstlerin gilt als Pionierin der Performancekunst – mit radikalen Aktionen, die seit den 1970er-Jahren weltweit für Aufsehen sorgen und das Genre bis heute prägen. 

Zu ihren ikonischsten Arbeiten zählt "The Artist is Present": Drei Monate lang saß Abramović im MoMA in New York täglich acht Stunden regungslos auf einem Stuhl, während Besuchende sich ihr gegenübersetzen konnten, um ihre Präsenz zu erleben. Die Reaktionen auf diese intensive Erfahrung waren überwältigend. Viele Menschen waren tief bewegt, weinten oder lachten.

Schmerz, Schweiß, Schreie

Abramović selbst sitzt diesmal nicht in der Albertina Modern. Stattdessen werden die Stationen ihres künstlerischen Schaffens multimedial anhand von Videos, Fotografien und Objekten gezeigt. Die unmittelbare Wirkung ihrer physischen Präsenz lässt sich dabei natürlich nicht reproduzieren – doch das ist auch nicht das Ziel. Vielmehr bietet die Retrospektive einen umfassenden Überblick über die Bandbreite ihres Œuvres: von der mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Performance bei der Biennale in Venedig bis zu den gemeinsamen Arbeiten mit ihrem langjährigen Partner Ulay. Über die gesamte Laufzeit hinweg werden zudem täglich Reenactments ihrer Performances durch verschiedene Künstlerinnen und Künstler gezeigt – wobei die brutalsten Aktionen vermutlich eher nicht zu sehen sein werden.

Und davon gibt es vor allem in Abramović' frühem Werk so einige. In ihrer Arbeit "Rhythm 0" machte sie sich selbst zum Objekt: Sie legte eine Reihe von Gegenständen – darunter eine Feder, mehrere Messer und eine geladene Pistole – auf einen Tisch, von denen sich das Publikum bedienen durfte, um mit dem Körper der regungslosen Künstlerin zu tun, was es wollte. Währenddessen übernahm Abramović die volle Verantwortung für alles, was passierte.

In "Lips of Thomas" aß sie ein Kilo Honig und trank einen Liter Rotwein, bevor sie sich mit einer Rasierklinge einen fünfzackigen Stern in den Bauch ritzte, sich auf einen großen Eisblock legte und gleichzeitig einen Wärmestrahler auf die Wunde richtete. Die Radikalität solcher Aktionen lässt sich in einer Ausstellung mit historischem Videomaterial naturgemäß nur erahnen. Doch die Inszenierung der Exponate verdeutlicht eindrücklich, wie kompromisslos Abramović in ihrem Schaffen vorgeht. Das ist auch ohne Live-Erlebnis grundsätzlich nichts für schwache Nerven. Regelmäßig geht die Künstlerin bis ans Äußerste, um die Grenzen des Körpers immer wieder neu auszuloten. Vor Selbstverletzungen, Nacktheit und exzessivem Schreien darf man auch in dieser Ausstellung nicht zurückschrecken.

Die Wirkmacht bleibt

Zur Teilnahme des Publikums bietet sich in etwas harmloserer Form Gelegenheit: Im letzten Raum wird man dazu eingeladen, sich an einen Tisch zu setzen und Reiskörner zu zählen – eine meditative Praxis, die Abramović als Vorbereitung auf ihre mental wie körperlich fordernden Performances entwickelte. Die "Abramović Method" findet ganz offensichtlich Anklang: Der Tisch ist fast immer besetzt, die Menschen zählen konzentriert, als suchten sie nach einem inneren Gleichgewicht. Vielleicht auch, um nach der Anspannung der vorangegangenen Räume wieder etwas runterzukommen.

Die Ausstellung ist so gelungen, wie die Retrospektive einer Performancekünstlerin nur gelingen kann. Das Werk von Abramović wird insgesamt recht zugänglich aufbereitet. Der neue Generaldirektor der Albertina Ralph Gleis beweist hier durchaus einigen Mut; die Annäherung an diese kuratorisch komplexe Form hätte auch misslingen können. Immerhin handelt es sich um ein relativ herausforderndes Konzept – auffallend viel Sicherheitspersonal ist darum bemüht, Besuchende vom Anfassen der teilweise trügerisch dazu einladenden Objekte abzuhalten.

Inhaltlich kann die Ausstellung mit den Wiener Aktionisten rund um Hermann Nitsch, Günter Brus oder Otto Muehl an eine reiche Tradition der Performancekunst in Österreich anknüpfen, immerhin leitet auch der ehemalige Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder mittlerweile das Wiener Aktionismus Museum. Es ist jedenfalls erfreulich, dass die Albertina an ihrer Lust zur Innovation der letzten Jahre festhält. Auch wenn die Interaktion mit dem Publikum nicht die Intensität erreicht, die in einem anderen Setting möglich wäre, zeigt die Abramović-Retrospektive, dass sich Performancekunst wirkmächtig im Museum ausstellen lässt, ohne ihr dadurch die Aussagekraft zu nehmen.