Atelierbesuch bei Künstlerin Marina Cruz

Stoffwechselprozesse

Im Studio der philippinischen Künstlerin Marina Cruz bei Manila werden alte Kleider zu Trägern kollektiver Erinnerung. Ein Besuch vor Ort zeigt: Ihre stille Malerei ist eine poetische Geste gegen das Vergessen

Es beginnt mit einem Kleid. Ein winziges, brüchiges Stück Stoff, aufbewahrt in einem alten Schrank bei der Großmutter. Marina Cruz entdeckt es 2001, als sie im zweiten Studienjahr ist. Und auf der Suche nach einem geeigneten Objekt für die Drucktechnik Collagrafie. Es ist das Taufkleid ihrer Mutter Elisa, das da vergilbt und fast durchsichtig im Schrank hängt.

Die Künstlerin ist zu diesem Zeitpunkt Anfang 20, bei ihrer Mutter wurde gerade eine unheilbare Lungenerkrankung diagnostiziert: Emphysem. Das fragile Material scheint zu zerfallen, genau wie der Körper, dem es einst gehörte. Und es spricht zu ihr: über Vergänglichkeit, Pflege, die Umkehrung von Rollen. "Ich sah meine Mutter als Baby vor mir", sagt Cruz. "Und gleichzeitig die Zerbrechlichkeit des Alters."

Die philippinische Künstlerin, geboren 1982 in der Provinz Bulacan, hat über die Jahre viele solcher Kleider gesammelt. Oder besser: geborgen. Aus Kartons, Truhen, Schubladen. Dass sie als Kind davon träumte, Archäologin zu werden, passt irgendwie dazu. Meist handelt es sich bei den Stücken um Kindersachen aus den 1950er- und 60er-Jahren, die von ihrer Großmutter aus alten Stoffen oder Futtersäcken genäht wurden.

"Kleider sind ganz gewöhnliche Gegenstände, aber hinter ihrer Banalität und Alltäglichkeit verbergen sich feine Geschichten – biografische ebenso wie kulturelle", sagt Cruz. "Ihre Bedeutung liegt in den persönlichen Erzählungen, die ihnen anhaften."

Wie sich Sorge einschreibt

Die ausrangierten Objekte werden für sie zu einem Ausgangspunkt für Gespräche, zu einer subtilen Möglichkeit, Dinge zu erfahren, zu hinterfragen, Details aus einem persönlichen Archiv sichtbar zu machen. "Es war wie ein innerer Drang, nach etwas zu suchen", sagt sie, "auch wenn ich nicht genau wusste, wonach."

Mit der Zeit beginnt die Künstlerin, die Kleider in Öl auf Leinwand abzumalen und so zu konservieren. Ihre Gemälde sind großformatig, hyperpräzise und mit so viel Textur, dass man glaubt, den Stoff zwischen den Fingern spüren zu können. In gewisser Weise sind es mehr Porträts als textile Stillleben – Porträts ohne Körper.

Cruz spricht von einer "Verbindung zu den Dingen, die unsere Haut berühren", von einer Intimität, die sich nicht über Gesichter, sondern über Stoffe vermittelt. Ihre Arbeit beginnt da, wo offizielle Geschichtsschreibung oft endet: im Intimen. In familiären Konstellationen, überlieferten Materialien, in Dingen, die zu klein scheinen für die große Erzählung.

An einer Pinnwand in ihrem Atelier hat die Künstlerin zwölf Kleider befestigt: Fotografien alter Kindergewänder, sorgfältig auf schwarzem Hintergrund arrangiert. Manche sind mit filigranen Stickereien versehen, andere wirken robust und geflickt. Es ist eine Gegenüberstellung von Zeit, Technik, Geschmack – aber auch ein Zeugnis von Fürsorge. Cruz spricht von "repetitions of care" – davon, wie sich Sorge einschreibt: in Falten, Farben und Gebrauchsspuren.

Geschichten aus verblassten Farben

Das Atelier der Künstlerin liegt in Guiguinto, rund eine Stunde von der philippinischen Hauptstadt Manila entfernt, in einem Dorf, das von Pflanzenzüchtern und Ziergärten geprägt ist. Im Inneren herrscht stille Konzentration: Gemälde lehnen an den Wänden, auf einem Tisch liegen Farbtuben, daneben steht eine alte Schreibmaschine. Stoffproben, Skizzen und Archivboxen sind systematisch sortiert, ein vergilbtes Kleidchen mit rosa Kragen und kleinen, roten Punkten liegt ausgebreitet auf dem Boden.

Gerade entstehen hier neue Arbeiten für Cruz' kommende Einzelausstellung bei der Galerie Silverlens in Manila. Sie soll Anfang Oktober eröffnen. Die unfertigen Leinwände zeigen Kleidungsstücke in Großaufnahme, sorgfältig ausgebreitet vor schwarzem Hintergrund, und Details von Stoffen: Punkte, Polka Dots, kleine Striche. Es ist, als würde man die Textilien unter dem Mikroskop betrachten.

Die Wiederholung wird dabei zum Prinzip: "Ich merke, dass ich in dieser Lebensphase von Mustern angezogen werde", sagt Cruz. "Etwas immer wieder zu tun, gibt mir Ruhe." Die Malerei wird dabei zum meditativen Gegengewicht zu einem Alltag, der von Ideenreichtum und innerer Unruhe geprägt ist. "Ich brauche diese Konzentration. Es ist, als würde ich mich durch die Wiederholung selbst sortieren."

Die Handarbeit der Großmutter, einst praktischer Ausdruck von Fürsorge, wird in den Werken zum Träger kultureller Erinnerung. Mit archäologischer Akribie rekonstruiert Cruz Geschichten aus Falten, Mustern und Nähten, aus verblassten Farben und ausgetretenen Stoffen. Und selbst wenn die Gemälde naturalistisch erscheinen – oft erinnern sie mit ihren Nahansichten, Ausschnitten und rhythmischen Wiederholungen ebenso an die Sprache der Abstraktion.

Gegenpraxis zur patriarchalen Kultur des Vergessens

In den Arbeiten von Marina Cruz ist das Persönliche nicht privat, sondern politisch. Die Kleider, die sie malt, sind keine bloßen Erinnerungsstücke, sondern Trägerinnen von Wissen: genäht von Großmüttern, gehütet von Müttern, konserviert von Töchtern. Wer die Werke der Künstlerin länger betrachtet, sieht: Die Oberfläche ist nie nur Oberfläche. Sie ist Archiv.

Falten, Knöpfe, Stickereien – jedes Detail trägt Zeichen der Abnutzung, des Werdens und Vergehens. Da sind Flecken, die nicht rausgehen, Nähte, die nachgeben, Säume, die sich auflösen. Diese Stoffe haben ein langes Leben hinter sich. Und Cruz behandelt sie mit der gleichen Sorgfalt wie ihre Vorbesitzerinnen. Der Pinsel wird zum Werkzeug der Erinnerung – und der Widerständigkeit.

Manchmal bringt Cruz’ akribische Arbeit jedoch nicht nur Fürsorge und Verlust an die Oberfläche, sondern auch ein bisschen Gossip. Etwa wenn ihre Mutter Elisa von einem Kleid aus den 1970er-Jahren erzählt – weiß, mit kurzen Ärmeln und kleiner Schleife am Kragen. Der Stoff sei ein Geschenk von Vicente gewesen, einem heimlichen Verehrer der Mutter. Aber weil diese eine Zwillingsschwester hatte, musste er den Stoff gleich doppelt kaufen. So wird aus einem Stück Kleidung auch eine Miniatur familiärer Diplomatie.