Neurologe Mario de la Piedra Walter

"Es gibt keinen wirklichen Normalzustand"

Menschlicher Kopf mit Zeichnung
Foto: Pexels

Der Mediziner Mario de la Piedra Walter geht mit wissenschaftlichem Besteck an die Fragen, wie der Funke zündet und welche Abweichungen von Normalhirnen zu kreativen Wundern führen können

Wie hängen Psyche, Gehirn und künstlerisches Talent zusammen? Der Neurologe Mario de la Piedra Walter hat Künstler retrospektiv untersucht und ein Buch über die biologischen Grundlagen von Kreativität geschrieben

Mario de la Piedra Walter, Sie sind Neurologe, aber Sie wissen sehr viel über Kunst. Was hat Sie zuerst fasziniert – die Kunst oder das menschliche Gehirn?

Vor dem Beginn meines Medizinstudiums fiel es mir sehr schwer, mich zwischen meinen beiden großen Leidenschaften – der Kunst und der Medizin – zu entscheiden. Schließlich entschied ich mich für die Medizin, habe aber seitdem immer versucht, beide Leidenschaften zusammenzubringen.

Wie geht das?

Ich habe mich schon immer für die Krankheiten von Schriftstellern interessiert. Mein Lieblingsautor ist Jorge Luis Borges. Als er im Laufe seines Lebens nach und nach erblindete, waren die Ursachen dafür unklar. Er selbst verwies immer darauf, dass sein Vater und seine Großmutter ebenfalls blind waren. Ich habe dann in seiner Literatur nach den Schilderungen seiner Symptome gesucht, denn er beschrieb ziemlich genau, welche Farben ihm zuerst abhandenkamen. Daraus konnte ich schließlich einen sogenannten klinischen Fallbericht erstellen. Zum ersten Mal hatte ich dabei den Eindruck, dass diese zwei Welten, die der Kunst und die der Medizin, hervorragend zusammenpassen.

Konnten Sie die Herangehensweise dann bei anderen Künstlerinnen und Künstlern weiter ausbauen?

Als ich nach Deutschland kam, um meinen Master in Neurowissenschaften zu machen, war ich zunächst vor allem mit einer neuen Kultur und Sprache konfrontiert. Besonders das deutsche Wort "Wahrnehmung" faszinierte mich, weil es so viel darüber aussagt, wie wir die Welt interpretieren – was wir also für "wahr" halten. Im Hinblick auf die Neurologie ist es genauso: Unser Gehirn interpretiert die Umwelt und trifft Annahmen darüber, was wahr ist. Diese Wahrnehmung kann aber gestört werden. Ich finde gerade diese Störungen der Wahrnehmung spannend. Daraus ergab sich für mich die Frage, wie sie möglicherweise die Werke von Künstlerinnen und Künstlern beeinflussen, und ich habe mich in das Thema vertieft.

Sie konnten keinen dieser Fälle selbst untersuchen. Haben Sie Ihre medizinischen Vermutungen allein aus dem Werk abgeleitet?

Ja, die meisten Beispielfälle im Buch ließen sich allein retrospektiv untersuchen. Viele Erkrankungen waren zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht erforscht. Wir wissen nicht genau, welche Art von Epilepsie Dostojewski hatte. Doch er beschreibt seine Symptome ziemlich genau und legt seine eigenen Erfahrungen in die Figuren seiner Werke, sodass ein Zusammenhang hergestellt werden kann.

Das Klischee vom verrückten Künstler ist weit verbreitet, aber was haben Sie darüber hinaus entdeckt?

Es gibt bereits mehrere Studien über Vincent van Gogh – doch Wassily Kandinsky ist mindestens genauso spannend: Er hatte die Fähigkeit zur Synästhesie, das ist die bildliche Wahrnehmung von Musik. Es ist unglaublich interessant, wie sich unterschiedliche Sinne in verschiedenen Hirnarealen abbilden. So ist der Okzipitallappen verantwortlich für visuelle Informationen und der Temporallappen für das Hörvermögen. Bei 20 bis 30 Prozent der Künstlerinnen und Künstler kommt es vor, dass sie Musik sehen können und als Farben interpretieren.

Wie definiert man einen Normalzustand, von dem aus man dann die Abweichungen bewertet?

Das ist sehr komplex. In meinem Buch argumentiere ich dafür, dass es keinen wirklichen Normalzustand gibt. Es gibt nicht eine objektive Realität, sondern jedes Individuum hat seine eigene Interpretation der Welt. Genau das ist es, was Künstlerinnen und Künstler machen: Im Endeffekt interpretiert ihr Gehirn Informationen. Dabei geht es nicht um eine Krankheit, sondern darum, wie Künstlerinnen und Künstler, beispielsweise Virginia Woolf oder Frida Kahlo, ihre Erfahrungen genutzt haben, um daraus etwas zu kreieren.

Über Frida Kahlos Unfall wissen wir vor allem, weil sie ihn auch in ihrer Kunst thematisiert.

Ganz genau. Sie erfuhr im Laufe ihres Lebens großes Leid, bereits als Kind erkrankte sie an Polio, und dann ereignete sich 1925 der bekannte Busunfall. Sie wuchs in den 1920er- und 1930er-Jahren im postrevolutionären Mexiko auf und wurde Vorreiterin einer neuen femininen Identität in Lateinamerika und in der ganzen Welt. Es gab viel Traumatisches in ihrem Leben, und man könnte annehmen, dass sie nach all diesen negativen Erlebnissen an einer posttraumatischen Belastungsstörung gelitten hat. Doch stattdessen hat sie gemalt: Viva la vida!

Künstlerinnen und Künstler teilen ja ihre spezielle Interpretation der Welt mit uns in ihrer Kunst. Es kommt mir daher auch fast ein bisschen brutal vor, zu sagen: Andy Warhol war halt Autist.

Autismus ist eine Neurodivergenz, keine Erkrankung. Daraus können wir viel lernen. Es ist genau das, was Andy Warhol tat: Er hat eine eigene Welt entwickelt, die er geteilt hat. Er hat sich Strategien ausgedacht, mit deren Hilfe er seine persönlichen Einschränkungen als Vorteil nutzen konnte. Einerseits war er sehr schüchtern, und es fiel ihm schwer, sozial zu interagieren. Erstaunlicherweise drehte sich andererseits sehr vieles bei ihm um gesellschaftliches Leben und Interaktion.

Welche Hinweise fanden Sie in seinen Kunstwerken für seine psychische Disposition?

Viele autistische Menschen brauchen Wiederholungen und Struktur. Es kann für sie zum Beispiel wichtig sein, immer das Gleiche zu essen oder immer die gleiche Kleidung zu tragen. Das Serielle bei Warhol, etwa bei seinen "Campbell’s Soup Cans", wird häufig allein als Kommentar auf die Warenwelt interpretiert, als Kritik an Kapitalismus und Produktion. Das ist sicher ein Aspekt, doch ich glaube, dahinter steckt außerdem sein Bedürfnis nach Struktur und Wiederholung.

Ein anderer Fall ist Leonora Carrington, die ihr Leben lang von einem unerschöpflichen Vorrat an inneren Bildern gezehrt hat. Was haben Sie bei ihr aus medizinischer Sicht entdeckt?

Für mich war dieses Kapitel zu Leonora Carrington sehr bedeutsam, weil hier die Verbindung zwischen Psychologie und Kunst deutlich zutage tritt. In Wien kamen Anfang des 20. Jahrhunderts die neuen psychoanalytischen Theorien von Siegmund Freud auf, die sofort von Künstlerinnen und Künstlern aufgesogen wurden. Das Konzept des Unbewussten war ganz neu und für die Künste sehr fruchtbar. Viele Künstler flohen dann im Zweiten Weltkrieg nach Mexiko, in ein Land, das an sich als surrealistisch bezeichnet werden kann. Leonora Carrington hat dort ihre Träume gemalt – und das Unbewusste zu ihrer Kunst gemacht.

Ist das, was Sie machen, auch eine Entzauberung der Kunst?

Für mich ist es genau das Gegenteil. Die Zusammenhänge zwischen Kunst und den Funktionsweisen unseres menschlichen Gehirns zu verstehen, ist Magie.