Mario García Torres in Berlin

Malerei als Mittel zur Verunsicherung

Der Konzeptkünstler Mario García Torres stellt plötzlich Gemälde aus – mit Motiven zwischen Romantik und Netzkultur. Was wie ein Bruch wirkt, ist in Wahrheit die konsequente Weiterführung seiner künstlerischen Strategie. Und ein heimlicher Triumph der Malerei

Ist ein Konzeptkünstler ein Maler, wenn er plötzlich Gemälde ausstellt? Es ergibt wohl kaum Sinn, Mario García Torres neuerdings in einer Linie mit Michelangelo, Picasso und Hockney zu stellen. Auch eher unwahrscheinlich, dass er sich in dieser Tradition sehen will. Der 1975 im mexikanischen Monclova geborene Garcia Torres ist dafür bekannt, dass er verlorene oder unvollständige Geschichten aufgreift – manchmal von anderen Künstlern, manchmal von Orten, manchmal von Ideen – und sie auf eine poetische und oft persönliche Art neu ausbreitet. Dafür benutzt er Film, Installation, Performance, Musik, Text und Archivintervention – je nachdem, was ihm für seine Rekonstruktionen zwischen Wahrheit und Erzählung gerade angemessen erscheint. Und jetzt also Malerei. Figurative Malerei!

In der Berliner Galerie Neugerriemschneider wird man von in Schwarz-Weiß gehaltenen Ölgemälden empfangen. Sie wirken trotz klar erkennbarer Sujets aufgrund ihrer Dunkelheit und leicht verwischter Farbe opak, wie verschleiert, unmalerisch wie ein Stück Papier aus dem Kopierer, wolkenverhangen wie dieser Berliner Sommer. Mario García Torres richtet seinen Blick in den Nebel der Geschichte, auf das Mexiko nach dem Bürgerkrieg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – eine Zeit des kulturellen Umbruchs, in der Intellektuelle und Künstler aktiv an der Konstruktion einer neuen nationalen Identität mitwirkten. Seine Gemälde versammeln zentrale Figuren dieser Ära – darunter Schriftsteller, Revolutionäre und politische Außenseiter – und erzählen von den Widersprüchen eines Landes im Wandel. 

Das ist zum Beispiel Salvador Novo. In fünffacher Ausführung sitzt der Schriftsteller (1904-1974) in Garcías surrealem Porträt an einem Tisch: ein Echo auf Marcel Duchamps ikonisches Mehrfachbildnis, doch hier verschwimmen die Konturen. Novo wird hier nicht als Denkmal inszeniert, sondern als Denkfigur – zersplittert, multiperspektivisch, eingebettet in ein kulturelles Zwielicht. Die Malerei fungiert dabei weniger als Repräsentation denn als dramatische Reinszenierung, die Fragen nach Subjektivität, Autorschaft und Inszenierung aufwirft.

Performative Wahrheit und die Macht der Bilder

Eine weitere Werkgruppe beschäftigt sich mit dem kubanischen Kommunisten Julio Antonio Mella (1903-1929) und dessen rätselhaftem Tod im mexikanischen Exil. Drei Gemälde rekonstruieren die Liebesgeschichte zwischen Mella und der Fotografin Tina Modotti – samt der bizarren Nachstellung seiner Ermordung, bei der Modotti selbst Regie führte. García Torres verwebt diese Episode zu einer Parabel über politische Vereinnahmung, performative Wahrheit und die Macht der Bilder. Seine Malerei fungiert hier als Mittel zur Verunsicherung und zugleich als Versuch, Dokumentation und Spekulation produktiv aufeinanderprallen zu lassen.

Neues Medium, altes Interesse also: Wie zuvor arbeitet García Torres mit unterschlagener Narration und rekonstruiert Gewesenes, wobei er die Grenzen zwischen Original, Nachstellung, Vergangenheit und Gegenwart verwischt. Wie meisterhaft ihm das in Videoessays, Soundarbeiten, Ephemera und konzeptuelle Installationen gelingt, kann man noch bis Sonntag in der Einzelausstellung "History of Influence" im Fridericianum Kassel bewundern, eine introspektive Schau, die ein Déjà-vu hervorruft, indem man sich immer wieder fragt, ob man etwas schon einmal gesehen oder gehört hat oder ob einen das Gedächtnis einen Streich spielt.

Woran liegt das? Alles scheint in einer ewigen, aber sich wandelnden, nicht fixierbaren Gegenwart zu existieren. García Torres datiert seine Werke nie, als würden sie in einem transhistorischen Raum entstehen. Man kann auch die Berliner Gemälde als Portale zu diesem chamäleonhaften, kollektiven (Un-)Bewussten sehen: Sie präsentieren zwar eingefrorene, beschreibbare Szenen, verweisen aber auf etwas Flüssiges, Unbeschreibbares. Einige Bilder der Ausstellung beziehen sich auf bekannte Memes, WhatsApp-Sticker und andere Ikonen der Netzkultur: der Shiba-Inu-Hund Cheems hat hier einen Auftritt, eine Taube in Chucks, eine Katze mit Thumbs-up-Geste. Auch Memes sind wiedererkennbar und werden gleichzeitig immer umgedeutet und weiterentwickelt.

Es kann eigentlich nur schiefgehen

Es scheint, dass Garcia Torres absurderweise genau diese Qualität von Memes in der Malerei sucht, ein Medium, das wie kaum ein anderes nach Letztgültigkeit und Originalität strebt. Das kann eigentlich nur schiefgehen, aber genau auf diese Irritation kommt es dem Künstler wahrscheinlich an.

Das wird besonders deutlich an zwei Kerzen-Bildern in der Ausstellung. Bei "A Beautiful Image of an Unreal Moment" und "Drama Mexicano" muss man unweigerlich an Gerhard Richters berühmte Kerzenbilder denken: schräge Flamme auf weißer Kerze vor funzelig ausgeleuchtetem Hintergrund. Der deutsche Künstler hat den flüchtigen, flackernden Zustand auch in Variationen festgehalten, als wolle er klarmachen, dass es den einen verbindlichen, stabilen Moment nicht gibt. Bei Garcia Torres' Bilder wiederum denkt man nun schon an etwas Festes, Starres, ganz und gar Monumentales: nämlich an die Malerei von Richter. An Kunstgeschichte.

Letztlich beweist der mexikanische Künstler – bewusst oder unfreiwillig – so eher die Kraft der Malerei und ihren Triumph über narrative Uneindeutigkeit. "Nada me han enseñado los años" heißt die Neugerriemschneider-Schau: Die Jahre haben mich nichts gelehrt. In dieser demütigen, vielleicht resignierenden Erkenntnis blitzt überraschend erzählerische Klarheit auf.