Was macht ein Pionier der KI-Kunst, wenn KI-Bilder plötzlich allgegenwärtig sind und die Aufmerksamkeitsspanne auf Goldfischniveau sinkt? Wie kann man noch interessante Bilder produzieren – oder sollte man vielleicht aufhören, der Bilderflut weitere hinzuzufügen? Diese Fragen stellt sich der Künstler Mario Klingemann.
Der Münchner Künstler ist unter anderem der Schöpfer des Projekts Botto: ein virtueller Künstler, der mithilfe von KI jede Woche zahlreiche Werke erstellt, die anschließend von einer Community bewertet werden. Die besten werden zu NFTs, die dann verkauft werden – bei Sotheby’s hat Botto bereits Millionen umgesetzt, an denen die Community wiederum beteiligt wird. Kürzlich war Botto auch bei der Art Basel / Hong Kong zu Gast und hat live, in Interaktion mit dem Publikum, seine Werke erschaffen.
"Conflict of Interest" heißt die von Anika Meier kuratierte Pop-up-Ausstellung, die Klingemann zum Berliner Gallery Weekend im Sleek Art Space zeigt – entstanden in Zusammenarbeit mit Art on Tezos, der Kunstplattform der Tezos-Blockchain. Überall spürt man die Fragen, die Klingemann an die Bildproduktion in der Gegenwart stellt. An der Wand hängt eine Zusammenstellung von Landschaftsfotografien: Klingemann hat private Dias gesammelt, "die langweiligsten Bilder, die man sich vorstellen kann", wie er sagt, und präsentiert sie hier als einfache Abzüge. Seine Frage: Wenn man von Reizen überflutet ist – schärft sich dann vielleicht wieder die Aufmerksamkeit, wenn man sich mit solchen unspektakulären Bildern beschäftigt? Wird die Differenzierungsfähigkeit größer, entdeckt man plötzlich etwas in diesen Durchschnittsaufnahmen von Bergen, Wiesen und unscheinbaren Wüsten?
Mario Klingemann "Landscapes", 2026
Eher seltsam als langweilig sind die Bilder von Roboter-Innerem und Clustern technologischer Fragmente aus Klingemanns Serie "Weapons of Mass Distraction". Für diese Reihe greift er in den Algorithmus einer bildgenerierenden KI ein und stört sie bei der Produktion von Bildern, die ihren eingebauten Normen entsprechen. Die KI, so erklärt er, verfügt über ein mathematisches Modul, den sogenannten Transformer-Layer, der mit Aufmerksamkeit arbeitet: Er entscheidet durch mathematische Prozesse, was in einem bestimmten Moment im Datenstrom wichtig ist und was nicht. In diesen Prozess greift Klingemann ein – und der Algorithmus versucht dennoch, Sinn zu produzieren. Die entstehenden Bildwelten sind das Ergebnis eines Ringens zwischen Künstler und Maschine.
Mario Klingemann vor seiner Arbeit "Weapons of Mass Distraction", 2026
Noch verstörender wirkt ein älteres Video von 2020: Damals konnte KI noch keine vollständigen Körper generieren, sondern nur Gesichter. Klingemann koppelte diese an Musik und ließ sie sich entsprechend der Klangveränderungen wandeln – sie altern, verjüngen sich, zerfallen manchmal vollständig. Ein ziemlich unheimlicher Effekt. Doch wer sagt, dass die künstlerische Auseinandersetzung mit dieser Technologie beruhigend sein muss? Sie ist vielmehr ein Eintauchen in ihre Möglichkeiten und Grenzen, und eine Reflexion der Konflikte, die sie hervorruft.
Mario Klingemann "Triggernometry", 2020