Marlow Moss in Berlin

Der dritte Raum

Marlow Moss inspirierte Mondrian und war Teil der Pariser Avantgarde, doch blieb ihr Werk lange unbekannt. Eine Berliner Ausstellung öffnet der queeren Konstruktivistin jetzt jenen Raum, nach dem sie ihr Leben lang suchte

Wer hat's erfunden, wer kam zuerst, wer wurde vergessen? Bereitete wirklich Wassily Kandinsky der Abstraktion den Weg, oder war Hilma af Klint etwas früher dran? Stammt die Idee fürs Readymade tatsächlich von Marcel Duchamp, oder doch von Elsa von Freytag-Loringhoven? Die Kunstwelt liebt es, sich gelegentlich "Entdeckungsgeschichten" zu erzählen, schon um neue Positionen in die Museen und auf den Markt zu bringen, doch an der Hackordnung des Kanons ändert dies wenig. Auch die lange Zeit übersehene britische Konstruktivistin Marlow Moss (1889-1958) könnte man in diesem Sinne als neueste Wiederentdeckung feiern: Ihre auf geometrische Grundformen und Primärfarben (Rot, Gelb, Blau) reduzierten Malereien sehen aus wie Zwillinge von Piet Mondrians Meisterwerken, ja sie war es, die noch vor dem weitaus berühmteren Kollegen die "Doppellinie" als Gestaltungselement entwickelte und sich mit ihm auf Augenhöhe austauschte.

Die von Lucy Howard und Elisa Tamaschke kuratierte Ausstellung im Berliner Georg Kolbe Museum geht einen anderen, klügeren Weg: Statt Moss einzusortieren, öffnet sie einen Raum jenseits bestehender Ordnungen. Sie ist so luzide wie ein Traum und so fragmentarisch wie eine Erinnerung, und sie beschwört in dieser Kombination Moss' ureigene künstlerische Vision herauf wie auch ihr von Verfolgung, Exil und queerem Selbstverständnis geprägtes Leben.

Eingestreut sind dazu Werke der zeitgenössischen Künstler Leonor Antunes, Tacita Dean, Florette Dijkstra und Ro Robertson, die Verbindungslinien zu Moss legen und Dialoge über Raum und Zeit hinweg eröffnen. Dabei sind es gerade die Leerstellen, die der Fantasie den größten Freiraum lassen. Denn was von dieser Künstlerin erhalten ist, sind Fragmente. Das Frühwerk von Marlow Moss: im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Das Spätwerk: nach einer posthumen Ausstellung in Arnheim 1994 auf mysteriöse Weise verschwunden. Aber was erhalten ist und was dazwischen entstand, entwickelt in dieser Ausstellung eine ungemeine Intensität und Dringlichkeit.

Künstlerin ohne festen Platz

Marjorie Jewel Moss, wie sie ursprünglich hieß, wurde 1889 in London geboren. Zunächst fühlte sie sich zum Tanz und zur Musik hingezogen, studierte dann aber Kunst an der Slade School of Fine Art in London. Moss glaubte fest an die existentialistische Idee des ständigen Werdens, an die Möglichkeit und die Verantwortung, die eigene Existenz durch Handeln zu gestalten – und genau das tat sie. Um 1919 zog sie nach Cornwall, änderte ihren Vornamen von Marjorie in den geschlechtsneutralen Namen Marlow, ließ sich die Haare kurz schneiden und nahm ein "männliches" Erscheinungsbild an. In den späten 1920er-Jahren zog Moss nach Paris, setzte ihr Studium bei Fernand Legér fort und wurde Mitbegründerin der Gruppe "Abstraction-Creation".

Im Café de Flore in Paris lernte Moss die niederländische Schriftstellerin Antoinette "Netty" Hendrika Nijhoff-Wind kennen, die mit dem niederländischen Dichter Martinus Nijhoff, verheiratet war, und die beiden wurden ein Paar. Nettys Sohn machte später eine Reihe von Porträtfotos, auf denen Moss kurzes Haar trägt, elegante Reiterhosen und eine Krawatte um ihren Hals; Aufnahmen, die an die geschlechterübergreifenden Porträts der französischen Künstlerin Claude Cahun erinnern. Doch auch wenn Moss und Nijhoff Teil der Pariser Avantgarde-Szene waren, rief ihr Auftreten selbst in der liberalen Kunstwelt gemischte Reaktionen hervor. Immerhin: 1937 nahm Moss an der internationalen Ausstellung "Konstruktivisten" in Basel und 1938 an der "Tentoonstelling Abstracte Kunst" im Stedelijk Museum Amsterdam teil.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs floh Moss vor den Nazis zunächst in die Niederlande und ging später zurück nach Cornwall. 1944 wurde ihr Haus in den Niederlanden, in dem sich noch immer ein Großteil ihres Werks befand, bei einem Bombenangriff zerstört. In dem kleinen Küstenort Lamorna in Cornwall nahm sie nach dem Krieg die Arbeit wieder auf und versuchte Kontakte zur britischen abstrakten Kunstszene zu knüpfen. Ganz in der Nähe wohnten die Bildhauer Ben Nicholson und Barbara Hepworth, doch wiederholte Kontaktversuche blieben erfolglos. Museumsdirektoren zeigten ebenso wenig Interesse, und auch in kunstgeschichtlichen Kompendien blieb Moss unerwähnt oder bestenfalls marginalisiert. Durch die Zerstörung ihres Vorkriegswerkes waren auch die Parallelen zu Mondrian oder Max Bill in Vergessenheit geraten, war sie ihres Kontextes beraubt worden: Das Werk der jetzt über 50-Jährigen wurde als anachronistisch abgetan. Dass man diese Künstlerin, die zugleich britische Konstruktivistin, Pariser Avantgardistin, niederländische Neoplastikerin, Frau und Mann war, nie wirklich in Schubladen stecken konnte, machte die Sache nicht besser.

Balance in Bewegung

"Art is as – Life – forever in the state of Becoming" – dieser Leitsatz prägte Moss Leben wie auch ihr Schaffen. Die Schau im Kolbe Museum fokussiert auf ihr bildhauerisches Werk. Eine Skulptur in Form einer Möbiusschleife drückt gleich zum Auftakt der Schau ein Gefühl der Unendlichkeit aus. Goldene Kugeln und ein Kegel trotzen der Schräglage auf einem an Cornwalls Küste gefundenen Granitstein, vereinen Natur und Konstruktion. In zwei runden Formen mag man Köpfe erkennen, die um eine Beziehung zueinander ringen. Auf zwei kleinen Stativen ruhen spiegelnde Metallkugeln, um die sich ein dynamisches Metallband schwingt, so dass sie zugleich wie Eier, aber auch wie Planeten oder Atome wirken. Es sind durchweg Abstraktionen, die jenseits des individuellen Ausdrucks, jenseits der Binaritäten nach einer universellen Ordnung von Farbe, Licht und Raum zu suchen scheinen – in der Ausstellung ist auch ein Karton voller farbiger Miniatur-Pappmuster zu sehen, mit denen Moss immer wieder neue Kombination erkundete.

In ihren geometrischen Reliefs und Malereien in den weiteren Ausstellungsräumen ist die Nähe zu Mondrian unübersehbar. Moss war zeitlebens in engem Austausch mit dem Niederländer, ein bezeichnender Briefwechsel zwischen beiden ist erhalten. Warum sie die Doppellinie eingeführt habe, wollte letzterer wissen. Einfache Linien teilen die Leinwand, lassen die Komposition in separate Ebenen zerfallen, machen die Komposition statisch, erklärte Moss. Doppellinien hingegen erzeugen einen Rhythmus, sie machen das Bild dynamisch. Mondrian verstand zunächst nicht ganz, übernahm die Neuerung später aber in sein eigenes Werk. Tatsächlich scheint auf Moss' Leinwänden alles zugleich in perfekter Balance und doch stets in Bewegung, offen für Veränderungen: "Räume schaffen", der Untertitel der Kolbe-Schau, lässt sich als ästhetische wie gesellschaftliche Losung lesen.

So sind auch die Annäherungen der vier zeitgenössischen Künstler in der Ausstellung tastend, spekulativ. Roy Robertson hat sich an der Küste von Cornwall auf die Spuren von Moss gemacht und konstruktivistische Skulpturen geschaffen, die zugleich zwischen Aneignung und Transformation schwanken, Nähe zu Moss herstellen aber auch Differenz anerkennen. Florette Dijkstra, die auch eine Moss-Biografie herausgebracht hat, zeigt in der Schau akribisch abgezeichnete Moss-Werke und Miniatur-Rekonstruktionen verschollener Skulpturen. Leonor Antunes hat im Untergeschoss eine Installation eingerichtet, die den Raum selbst in eine Skulptur verwandelt. Und von Tacita Dean ist eine Flaschenschiff-Sammlung zu sehen: Wie Moss' Konstruktionen vermitteln auch diese zarten Boote ein Gefühl schwebender Spannung: die Zeit ist angehalten, der Raum begrenzt, aber jeden Moment kann die Reise beginnen.