Matias Faldbakkens Terror-Mahnmal

Ein Tatort als Kunstort

Der Künstler Matias Faldbakken ist eigentlich für eine gnadenlos sarkastische Analyse skandinavischer Abgründe bekannt. Nun hat er ein Mahnmal für die Opfer der Anschläge von Oslo und Utøya gestaltet. Wie kann man Kunst über den Terror machen?

So gut wie jeder Mensch aus Norwegen weiß, wo er am 22. Juli 2011 war. An diesem Freitag vor 15 Jahren ließ der Rechtsterrorist Anders Breivik zuerst eine Autobombe im Regierungsviertel von Oslo explodieren und richtete dann ein Blutbad in einem sozialdemokratischen Jugendcamp auf der Insel Utøya an. 77 Menschen, darunter Dutzende Teenager, starben. Für das Fünf-Millionen-Einwohner-Land, in dem jeder jemanden kennt, der direkt betroffen war, markiert das Datum eine Zäsur. Der Täter Anders Breivik führte den Norwegern nicht nur vor Augen, dass sie in einem trügerischen Gefühl von Sicherheit gelebt hatten. Er war auch der Beweis dafür, dass inmitten einer wohlhabenden Gesellschaft, die sich für offen und demokratisch hält, rechtsextremistisches Gedankengut gedeihen kann. Breivik, ein Einzelgänger mit einem rassistischen und verschwörungstheoretischen Weltbild, war "Einer von uns", wie es die Autorin Åsne Seierstad in ihrem gleichnamigen Buch analysiert. 

Auch bei Matias Faldbakken ist die Erinnerung an den 22. Juli noch sehr präsent. Der norwegische Künstler und Schriftsteller war gerade in den USA, sprang aber sofort in den nächsten Flieger zurück in die Heimat, weil sich seine Familie im Osloer Zentrum nahe dem ersten Tatort befunden hatte. Obwohl niemand in seinem engeren Umfeld zu Schaden kam, ist dieser Tag auch für ihn noch immer auf unterschiedliche Weise prägend. Dass er jedoch irgendwann Kunst zu diesem Thema machen würde, konnte sich Faldbakken lange nicht vorstellen. Aber dann kam, wie so oft, das Leben dazwischen, und schließlich hat der 52-Jährige den offiziellen Gedenkort im Regierungsviertel der norwegischen Hauptstadt gestaltet. Sein Entwurf "En Oprettholdelse" (Eine Aufrechterhaltung) wurde bei einem internationalen Wettbewerb als Siegerentwurf gekürt und ist am Wochenende zum 15. Jahrestag des Anschlags feierlich eingeweiht worden. 

Dabei ist der bildende Künstler und Romanautor nicht unbedingt der naheliegendste Kandidat für einen so staatstragenden Auftrag. Denn bekannt wurde Faldbakken mit einer Kunst, die sich eher vom Vandalismus als von der Repräsentation einer Nation inspirieren ließ. Er stellte ein ausgebranntes Auto in eine Galerie in Birmingham, bediente sich an Graffiti-Ästhetik und huldigte dem Unperfekten und Widerständigen.

Jenseits des Sarkasmus

Auch in seinen Romanen wie "Unfun" oder "The Cocka Hola Company" geht es zwischen Trash und Gewaltexzessen, Sex mit Minderjährigen, Kindsmord und Pornografie alles andere als zimperlich zu. Faldbakken hat die Werke vor einigen Jahren im Interview mit Monopol als "toxic everything" bezeichnet. Ihn interessiere, dass es alle vorstellbaren menschlichen Abgründe auch in einer reichen, oberflächlich bürgerlichen Gesellschaft gebe vielleicht sogar gerade dort. Viele Szenen seiner Bücher aus den Nullerjahren würde er nach eigener Aussage aber heute nicht mehr so schreiben. Sein jüngstes Werk "Armes Ding" von 2024 ist eher eine Art Frankenstein-Volksmärchen um die Zivilisierung eines verwilderten Kindes, das unter der Pflege eines jungen Knechts zu einer monströsen Society-Lady erblüht. 

Und nun also das Mahnmal, das ein Bild für eine der tiefsten nationalen Wunden finden und Teil eines offiziellen Erinnerungs- und Bildungszentrums zum 22. Juli werden soll. "Das ist eine vollkommen andere Herangehensweise", sagt Matias Faldbakken bei einem Zoom-Gespräch in seinem Atelier in Oslo. "Ironie oder Sarkasmus sind bei diesem Thema kein hilfreicher Ansatz. Und sowieso gehören diese Stilmittel vielleicht eher zum Medium Text". Stattdessen hat sich der Künstler von der Umgebung des Gedenkorts inspirieren lassen, der gleichzeitig ein Tatort ist. 

Eineinhalb Jahrzehnte nach dem Bombenanschlag befindet sich das Regierungsviertel gerade in einem umfassenden Umbauprozess. Dafür wurde auch ein Bürogebäude, der sogenannte Y-Block, abgerissen, an dessen Fassade sich das Mosaik "Die Fischer" nach einem Motiv von Pablo Picasso befand. Dieses wurde abgetragen und stand lange in einem schützenden Stahlrahmen, der das Bild wie ein Exoskelett umschloss, auf dem Baustellen-Areal. Dieser Anblick, der sich dem vorbeispazierenden Matias Faldbakken immer wieder in seinem Alltag bot, führte ihn schließlich zu seinem Entwurf für "En Oprettholdelse". 

Ein schweres Objekt für ein schweres Thema

Darin nimmt er das bunte Metallgerüst auf und setzt ein Mosaik mit einem eigenen Motiv hinein. Auf dem vielteiligen Schwarz-Weiß-Bild sind Wasservögel zu sehen, die im Tyrifjord rund um die Insel Utøya vorkommen. Visuelle Verweise auf die Gewalt, das Leid oder die Trauer des Anschlags sucht man darin vergebens. Vielmehr soll das Werk eine Verbindung mit dem Stadtraum aufbauen und den Gedenkort symbolisch mit dem zweiten Tatort Utøya verknüpfen. Matias Faldbakken selbst vergleicht den Stahlrahmen mit einer "pragmatischen Abstraktion", die durch die Transformationsprozesse nach dem 22. Juli hervorgerufen wurde. "Bildlich gesprochen, könnte man sagen, dass er die Struktur eines kollektiven Traumas zeigt."

Ganze elf Meter hoch und 15 Meter lang ist das monumentale Kunstwerk. Man könnte also sagen, dass Faldbakken auf die Schwere des Themas mit einem Objekt von enormem Gewicht reagiert. Angst vor zu viel Pathos zeigt er jedoch nicht und auch als "Staatskünstler" will er sich trotz des öffentlichen und hochoffiziellen Auftrags nicht fühlen. "Ich sehe das Werk auch als eine antifaschistische Geste", sagt er. "Denn es geht schließlich auch darum, an die Folgen rechten Terrors zu erinnern." 

Auch die Jury des Kunstwettbewerbs sieht das Werk als politische Mahnung. "Es kann als Erinnerung an die unendlichen Anstrengungen und die Verantwortung von uns allen betrachtet werden, die Demokratie zu bewahren und die demokratische Widerstandsfähigkeit zu erhalten und zu fördern", heißt es in der Begründung.

Was soll ein Gedenkort leisten?

Wie eine gestalterische Idee zur Erinnerung an den Terror auch schiefgehen kann, lässt sich allerdings am Beispiel Utøya ebenfalls besichtigen. So hatte der schwedische Künstler Jonas Dahlberg schon 2014 eine internationale Ausschreibung für ein Mahnmal auf der versehrten Insel gewonnen. Dahlberg nahm die Verletzung der Landschaft wörtlich und schlug vor, einen Spalt in den Felsen nahe dem Tatort zu schneiden und das überschüssige Material nach Oslo zu bringen. Der Entwurf für "Memory Wound" löste jedoch große Empörung bei der Lokalbevölkerung aus, die teils mit privaten Booten an der Rettung von fliehenden Überlebenden des Massakers beteiligt gewesen waren. Viele von ihnen fanden die Vorstellung unerträglich, tagtäglich in einen malträtierten Fjord zu schauen, der mutmaßlich auch noch von Touristen bevölkert worden wäre. Schließlich wurde das Projekt abgeblasen.

Auch am Werk von Matias Faldbakken gab es bereits Kritik. Die Idee einer Gedenkstätte sei der Monumentalität geopfert worden, hieß es beispielsweise in der Zeitung "Morgenbladet". Auch hätten sich Vertreter der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF, deren Mitglieder einen Großteil der Opfer von Anders Breivik ausmachen, einen anderen Entwurf gewünscht. 

Matias Faldbakken betont jedoch, dass Überlebende und Angehörige der Toten des 22. Juli eng in die Planung seines Projektes einbezogen seien und dass ihm deren Urteil wichtiger sei als mögliche kunstkritische Bedenken. "Es ist ein Privileg, sich aus einer Distanz ästhetisch und formal mit dem Geschehen auseinandersetzen zu können", sagt er. "Die, die direkt betroffen sind, können das nicht. Sie sind immer mittendrin."

Ein Ort des Alltags und der Einkehr

Für die Zukunft wünscht sich der Künstler, dass sein Mosaikrahmen, der direkt auf dem Asphalt auf einem öffentlichen Platz steht, ein Ort des Alltags, aber auch der Einkehr wird. Ein Ort, an dem alle Emotionen erlaubt sind. Zwar wurde Norwegen oft für seine Bewältigungsstrategie gelobt, auf den Terror mit offensivem Zusammenhalt und Menschlichkeit statt politischer Spaltung zu reagieren. Laut Faldbakken ist dabei jedoch auch manches unterdrückt worden. "Die offizielle Antwort war mehr Toleranz, mehr Offenheit, mehr Demokratie. Es gab dabei nicht wirklich Platz für die negativen Gefühle wie die Wut von Betroffenen", sagt er. "Heute denken manche, dass es wichtig gewesen wäre, auch das zuzulassen."

Auch politisch ist das Erbe von Anders Breivik in Norwegen alles andere als gelöst. Er selbst konnte sich vor Gericht mit Hitlergruß inszenieren, und auch die rechtspopulistische Partei Fremskrittspartiet (Frp), deren Mitglied der Attentäter zeitweise war, wurde 2013 nur zwei Jahre nach den Anschlägen Koalitionspartnerin der Regierung der damaligen Ministerpräsidentin Erna Solberg.

Norwegen ist also keineswegs die politische Idylle, als die das nordische Land gern verklärt wird. Matias Faldbakken hofft, dass sein prominentes Monument auch als ein Symbol der Gemeinschaft gelesen werden wird. Das Mosaik scheint ihm dafür ein passendes Ausdrucksmittel. Wie er es formuliert: "Es gibt kein Ganzes, wenn nicht alle Teile mitspielen."

Dies ist die aktualisierte Version eines Textes, der am 22. Mai 2025 erschienen ist