"Der Fall Max Emden" im Kino

Wenn das Unrecht nicht vergehen will

Szene aus "Auch Leben ist eine Kunst - Der Fall Max Emden"
Foto: RFF REAL FICTION FILMVERLEIH e.K.

Szene aus "Auch Leben ist eine Kunst - Der Fall Max Emden"

Der Hamburger "Kaufhauskönig" Max Emden war ein millionenschwerer Kunstsammler und großzügiger Stifter. Dann enteigneten ihn die Nationalsozialisten. Die Erben des jüdischen Kaufmanns kämpfen immer noch um die verlorenen Kunstschätze – einige befinden sich bis heute im Besitz der Bundesrepublik

Ein "Hippie" avant la lettre sei sein Großvater gewesen, erzählt Juan Carlos Emden stolz, ein "Ästhet", der sich mit blutjungen Frauen und schönen Dingen umgab. Schon 1927 zog Max Emden in die Schweiz, verkaufte die meisten seiner Kaufhäuser und kehrte nach der Machtergreifung der Nazis nicht zurück, obwohl sich der Unternehmenssitz seines Handelskonzerns immer noch in Hamburg befand. Die Brissago-Insel am Lago Maggiore wählte der unpolitische Freigeist zum neuen Lebenszentrum. Hier baute er eine imposante Villa im Florentischen Stil und vertrieb sich die Zeit mit Golf, Reiten und Motor-Yachten. 

Währenddessen wurde in Deutschland peu à peu sein restliches Vermögen beschlagnahmt und sein Name geriet von einem Tag auf den anderen in Vergessenheit. Heute erinnert nur ein unbewohnter Max-Emden-Weg entlang des Botanischen Gartens an den einstigen Mäzen. Ein Straßenname wäre offenbar schon zu viel der Ehre gewesen. Pikant auch: Das Gelände, seit 2012 Loki-Schmidt-Garten, befand sich einst im Besitz Emdens. Die Regisseure Eva Gerberding und André Schäfer rufen die exemplarische Lebensgeschichte des 1940 an einem Herzinfarkt verstorbenen "Flüchtlings" entlang von selten gezeigtem Archivmaterial aus dem Hamburg der Vorkriegszeit und privaten Filmaufnahmen vom Schweizer Luxus-Domizil wieder zurück ins Gedächtnis. 

Mitunter fühlt man sich an das von der Freikörperkultur inspirierte Treiben am benachbarten Monte Verità erinnert, wo Emdens Freund, der Bankier Eduard Freiherr von der Heydt, in luftiger Aufmachung residierte, nur dass der mondäne Neuankömmling an seinem komfortablen Rückzugsort nicht nur die Askese, sondern zeitgleich auch la dolce vita zu zelebrieren wusste. Auch hier zeigt er sich spendabel, schenkt den Tessinern einen Golfplatz. Die erweisen sich als dankbar und verhelfen ihm zur Schweizer Staatsbürgerschaft. Das ändert sich, als der lange Arm der Nazis bis in den Süden reicht und Emden wegen seiner kritischen Hitler-Kommentare unter Druck gesetzt wird.

Schaut man auf den scheinbar entspannten Fotografien sein stets braungebranntes Gesicht an, fallen sogleich die tiefen Sorgenfalten auf, die Ohnmacht und Zerrissenheit, nichts gegen die erzwungenen Verluste ausrichten zu können: Emden musste sowohl seine Immobilien als auch seine Gemäldesammlung, die er teilweise in die Schweiz gerettet hatte, unter Wert verkaufen, einer der Hauptprofiteure war die Firma Reemtsma. 

Im Stil einer langsam, aber bis ins letzte Detail das Ausmaß des Unrechts ausleuchtenden TV-Dokumentation begibt sich der Film gemeinsam mit Juan Carlos Emden, dessen Vater als Staatenloser nach Chile floh, auf die Spuren des bis ans Lebensende gegen Windmühlen ankämpfenden Vorfahren, befragt Historiker, Provenienzforscher, Biografen und Restitutionsexperten, um herauszufinden, in welchen Kanälen seine Besitztümer verschwunden sind. Ein Gemälde des Venezianers Bernardo Bellotto etwa gelangte erst in Hitlers Sammlung, um anschließend im Dienstzimmer des Bundespräsidenten Horst Köhler für gepflegte Atmosphäre zu sorgen. Heute befindet es sich in einem Dresdner Museum. Die Beratende Kommission der Bundesregierung hat gerade zur Rückgabe geraten, zwanzig Jahre nach Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung.

Unzählige Impressionisten, darunter ein berühmter Monet, landeten in der Kunstsammlung des deutsch-schweizerischen Waffenexporteurs Georg Bührle, der im Zweiten Weltkrieg mit Einwilligung der Schweizer Regierung ausschließlich Nazi-Deutschland belieferte. Seit Jahrzehnten kämpft der Enkel gegen Behörden und Institutionen, die jede Verantwortung von sich weisen. In den 50ern schafften es noch Anwälte, Emdens Judentum und damit seinen Verfolgtenstatus in Frage zu stellen, da er mit 19 Jahren zum Protestantismus übergetreten war. Dass mit diesem angesichts der NS-Rassenpolitik abstrusen Argument tatsächlich die Entschädigungsansprüche verfielen, macht sprachlos. 

Auch heute noch passt er mit seinem lustbetonten Lebensstil offenbar nicht ins Bild des typischen Opfers, da er keine Verwandten im Holocaust verloren hatte und bis zum Schluss vermögend blieb, was auf seinen Sohn indes nicht mehr zutraf. Dieser musste nach Kriegsende wegen Liquiditätsproblemen die Villa und die Reste der Kunstsammlung unter Wert verkaufen, um die ihm nicht mehr wohlgeneigte Schweiz verlassen zu können. 

Vielleicht erklärt sich das stumme Desinteresse daraus, dass die alten Neidmechanismen immer noch nachwirken, wenn selbst der Hamburger Senat keinen Gesprächsbedarf sieht, weder mit der Familie, zwei Urenkel leben inzwischen wieder in der Stadt, noch mit den Regisseuren, etwa zur Causa des von Emden gegründeten und 1935 zwangsverkauften Polo-Club in Altona, der sich heute noch im städtischen Besitz befindet. Lediglich eine Immobilie in Potsdam wurde bisher nach der Wende restituiert. Eigentlich ein juristisches Eingeständnis der Rechtmäßigkeit, das bisher aber kaum Nachahmer in Bewegung setzt.