Max Herre über seinen Großvater Richard Herre

"Man war interdisziplinär unterwegs"

Max Herre im Stadtpalais - Museum für Stuttgart auf einem von drei Stühlen, die sein Großvater Richard Herre entworfen hat
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Max Herre im Stadtpalais - Museum für Stuttgart auf einem von drei Stühlen, die sein Großvater Richard Herre entworfen hat

Der Musiker Max Herre über seinen Großvater, den Architekten, Designer und Le-Corbusier-Übersetzer Richard Herre, dem Stuttgart jetzt eine Ausstellung widmet
 

Max Herre, Stuttgart entwickelte sich in den 20er-Jahren zu einem Zentrum der Avantgarde. Welche Rolle spielte Ihr Großvater Richard Herre dabei?

Stuttgart ist ja eine kleine Stadt, aber sie hatte dieses historische Momentum, als der Maler und Akademieprofessor Adolf Hölzel junge Künstler wie Oskar Schlemmer, Willi Baumeister oder Johannes Itten um sich scharte. Dieser Kreis wurde zu einer Plattform für progressive Leute, der auch mein Großvater angehörte. Studiert haben sie alle noch vor dem Ersten Weltkrieg, sind dann mit wehenden Fahnen in den Krieg gezogen, aber haben bald sehr unter den Kriegserfahrungen gelitten. Mein Großvater, der Sanitäter war, stand während des ganzen Krieges in regem Briefwechsel mit Willi Baumeister und Oskar Schlemmer. Die von den beiden 1919 gegründete "Üecht-Gruppe" vertrat er dann auch publizistisch. Glücklicherweise hat fast der gesamte Hölzel-Kreis den Krieg überlebt und so die Avantgarde nach Stuttgart gebracht.

Zu den Projekten, an denen Ihr Großvater mitwirkte, zählt auch die Weißenhofsiedlung, in der 1927 die wichtigsten Architekten der Zeit ihre Ideen zum neuen Wohnen realisierten. Wie genau sah seine Beteiligung aus?

Mein Großvater hat Architektur studiert, aber auch als Designer, Typograf und Übersetzer gearbeitet – wie viele Künstler der Zeit war er interdisziplinär unterwegs. 1924 gab es bereits die Werkbund-Ausstellung "Die Form", auf der auch mein Großvater erste kubische Möbel vorstellte. Das Konzept war: weg vom Ornament, hin zu Funktionalität und "reiner Form". Mein Großvater hat auch den Plakatentwurf zur Ausstellung beigesteuert. Bei der Weißenhofsiedlung, die sich ebenfalls ganz der Neuen Sachlichkeit verschrieben hatte, übernahm er dann die Inneneinrichtung des Hauses von Max Taut. Das Haus wurde wie viele andere im Zweiten Weltkrieg zerstört. Einen Wandteppich meines Großvaters habe ich grafisch adaptiert für das Booklet meines Unplugged-Albums.

Wie wurde die Bauhaussiedlung damals aufgenommen?

Im Ausland hat die Siedlung viel Anerkennung gefunden, aber in Stuttgart waren die Reaktionen kontrovers. Ältere Architekten kritisierten die Funktionalität der Bauten, die Flachdächer allein galten schon als Skandal. Unter den Nazis wurden Collagen veröffentlicht mit Kamelen und Palmen vor der Siedlung, um sie als "undeutsch" zu diffamieren. Sie wollten die Bauten abreißen und eine neue Siedlung errichten, die ganz dem traditionellen Stil verschrieben sein sollte. Hinzu kam, dass die Bewegung sehr internationalistisch ausgerichtet war. Le Corbusier war einer ihrer wichtigsten Protagonisten. Mein Großvater wurde dann in den 50er-Jahren auch der Übersetzer von Le Corbusiers Schriften "Modulor 1" und "Modulor 2". Heute gilt die Weißenhofsiedlung als eines der wichtigsten Baudenkmäler des "Neuen Bauens".

Wie hat Ihr Großvater selbst gelebt?

Er lebte in Stuttgart-West, in einer Wohnung, die er vollständig mit von ihm entworfenen Möbeln eingerichtet hatte. Sideboards und Vitrinen, die weg von der Wand frei im Raum standen. Stücke, die beweglich und multifunktional waren. Dort ist auch mein Vater aufgewachsen, der ebenfalls Architekt wurde. Einige der Möbel stehen heute noch bei meinen Eltern.

Auch in Berlin, wo Sie heute leben, gibt es bedeutende Siedlungen aus den 20er-Jahren, zudem das in den 50er-Jahren errichtete Hansaviertel. Leben Sie privat in der Moderne oder doch lieber im Altbau?

Ich wohne in einem Altbau in Berlin-Charlottenburg. Ich schätze die Moderne sehr und könnte mir auch vorstellen, in einem Bungalow oder einer der Wohnungen im Berliner Hansaviertel zu wohnen. Doch das ist gar nicht so leicht zu finden, und das kostet dann natürlich auch was. Ich habe mir in Berlin auch einige Wohnungen im Corbusier-Haus angeschaut, aber das hat schon auch etwas von einem Wohnsilo.

Sie sind als Rapper und Singer-Songwriter bekannt, mit Ihrer Band Freundeskreis und als Solokünstler. Warum haben Sie sich für die Musik entschieden und nicht für die Architektur?

Ich beschäftige mich gern mit Architektur, es macht mir auch Spaß, meine Wohnung einzurichten, aber beruflich war das nicht mein Weg. Bei uns zu Hause wurde immer viel gesungen; das hat sicher dazu beigetragen, dass ich  Musiker wurde. Dann kam der Freundeskreis hinzu – irgendwie hatte ich immer wieder Freunde, deren Eltern riesige Plattensammlungen hatten oder musizierten. Ab elf habe ich Gitarre gelernt, mit 14 mit einem Freund die erste Band gegründet. Die hieß Seedless Jam – auf Deutsch: kernlose Marmelade. Und so ging das dann los.