Galerist Max Hetzler in Weidingen

Im Schatten des Ömega-Manns

Das Dorf Weidingen in der Südeifel ist zu einem Kunstort von Weltrang geworden – dank einer Stiftung des Galeristen Max Hetzler. Dort trifft man auf Werke, für die sich die beschwerlichste Anreise lohnt

In Boris Sagals Science-Fiction-Klassiker von 1971 ist Charlton Heston der "Omega-Mann". Nach einer Pandemie streift er als einziger Geimpfter durch ein ausgestorbenes Los Angeles. Albert Oehlens "Ömega Man" hat dagegen kein Problem mit seiner Einsamkeit. Selbstbewusst thront die gewaltige Beton- und Stahlskulptur über der Weite der Südeifel. 

Geschaffen 2023 am Ende der Corona-Pandemie, wirkt sie seltsam zeitlos, als könnte sie schon sehr viel länger diesen imposanten Platz behaupten wie ein sechseinhalb Meter hoher, achteinhalb Meter breiter Bauklotz, den ein außerirdisches Riesenkind irgendwann einmal dort vergessen haben muss. Zwei auseinanderstehende Füße verbinden ihn mit dem letzten Buchstaben im griechischen Alphabet.

Der Galerist Max Hetzler hat den leichtfüßigen Koloss im Umland von Weidingen aufgestellt, einem 180‑Seelen-Dorf, in das nur kommt, wer sich entweder hoffnungslos verirrt hat oder es gezielt mit dem Auto ansteuert. Etwa 90 Minuten sind es von Köln bis nahe an die Luxemburger Grenze. Züge oder Busse gibt es nicht. Der Weg lohnt sich allerdings schon für diese betörende Plastik, die den wuchtigen Auftritt einer Monumentalskulptur mit der Anmut einer surrealistischen Traumzeichnung verbindet. Dabei ist sie nur das weithin sichtbare Zeichen eines Ortes, dessen einzige Sehenswürdigkeit bislang eine kleine Wallfahrtskirche gewesen ist.

Der Ort rief nach künstlerischer Inbesitznahme

In unmittelbarer Nähe besaß der Kölner Architekt Oswald Mathias Ungers einen Bauernhof aus dem 17. Jahrhundert, den er schon in den 1980er-Jahren an seinen Freund Max Hetzler verkaufte. Umgeben von weiten Wiesen, rief der Ort förmlich nach künstlerischer Inbesitznahme. Weitere Grundstücke kamen hinzu, auf denen Skulpturen versammelt sind oder Gebäude stehen, die ebenfalls skulpturalen Charakter haben. 

2012 gründete Hetzler mit Ehefrau und Kollegin Samia Saouma die Stiftung zur Förderung zeitgenössischer Kunst in Weidingen. Gleich neben der Kirche verfügt sie über eine fünf Meter hohe Halle. "Wir haben dieses Jahr keine Ausstellung“, sagt Hetzler beim Rundgang, "aber wir haben diese Skulptur von Hans Josephsohn ausgestellt."

1968 porträtierte der Schweizer Bildhauer (1920–2012) seine damalige Lebensgefährtin Ruth, sein häufigstes Modell. Abseits der vorherrschenden Kunstströmungen erreichten seine über die Jahre immer freier ausgeführten Menschenbildnisse erst spät ihre heutige Beachtung. Besonders schätzte ihn Günther Förg, der ihn seit den 1990er-Jahren mehrmals traf. Im vergangenen Jahr zeigte die Berliner Galerie Werke beider Künstler in einer Dialogausstellung.

Was wird eigentlich aus den Bibliotheken berühmter Persönlichkeiten?

Dem 2013 verstorbenen Förg, einem zentralen Künstler seiner Galerie, setzte Hetzler in Weidingen ein besonderes Denkmal durch den Erwerb seiner Kunstbibliothek. Sie steht nun, für jeden nutzbar, in einem vier Meter hohen, lichtdurchfluteten Kubus. Im Laufe seiner Karriere baute Förg drei fast identische Bibliotheken von circa 3000 Bänden für seine Lebens- und Arbeitsorte in der Schweiz und Deutschland auf. Unwillkürlich zieht man selbst Verbindungen zwischen den Monografien und seinem eigenen Werk. Was ihn wohl an Karl Hofer faszinierte? Die unorthodoxen, verspielten Farben?

"Es ist interessant, weil man sich jetzt immer wieder fragt, was eigentlich aus den Bibliotheken von bedeutenden Persönlichkeiten wird", sagt Hetzler. "Unzählige private Bibliotheken werden vererbt, und was passiert mit denen? Wir versuchen zumindest immer wieder, darauf aufmerksam zu machen und auch Leute einzuladen." Für Künstler steht gegenüber der Ausstellung ein Gästehaus aus mattem, voroxidiertem Kupfer bereit.

Zu sagen, Weidingen sei noch immer ein Geheimtipp, spielt die Qualität der über vier Standorte verteilten Skulpturensammlung unweigerlich herunter. Unter anderem treffen sich hier Werke von Rebecca Warren, Georg Herold, Günther Förg, Ernesto Neto, Ida Ekblad und Darren Almond. Immer wieder fällt auf, wie sehr der besonders für seine Zusammenarbeit mit Malern von Martin Kippenberger bis André Butzer bekannte Hetzler auch im Skulpturalen malerische Wirkungen schätzt, besonders in den Schraffuren, Schrammen und Patinaschlieren der Oberflächen von Förgs Bronzereliefs.

Schaulager, aber kein Verkaufsraum

Unter dem Sockel des "Ömega Man" wurde ein Schaulager für die raumgreifenden Gipsskulpturen der Künstlerin Inge Mahn eingerichtet. Der bunkerähnliche Raum umrahmt das minimalistisch-vieldeutige Werk der 2023 verstorbenen einstigen Meisterschülerin von Joseph Beuys wie eine brutalistische Kirche. Mahns oft sakral anmutende Arbeiten wie die "Duisburger Pflanzen", "Lehnenden Säulen" und "Blumentöpfe" scheinen förmlich für den Raum geschaffen.

Hetzler, der die Teilnehmerin der Documenta 5 schon 1974, am Anfang seiner ersten Stuttgarter Zeit zeigte, vertritt heute ihren Nachlass; ein Verkaufsraum ist dieses Schaulager aber nicht. Bedeutung und Marktgängigkeit gehen oft getrennte Wege. "Wir sind eher daran interessiert, Werke an wichtige Museen zu schenken", sagt Hetzler.

Im großen Stil beschenkt werden aber zunächst einmal die Weidingener und die Bewohner der Südeifel, was immer es ihnen im Einzelfall bedeuten mag. Etwas Außerirdisches haben die Exponate mitunter. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man, dass man auch die Landschaft pflegen muss, wenn man Kunst hineinstellt. An verschiedenen Orten wurden Bienenwiesen angelegt. Vor ihrem Hintergrund posieren etwa Georg Herolds erst 2022 entstandene, langbeinige Grazien aus lackierter Bronze. Vielleicht sind auch diese Vier-Meter-Wesen eine Art von Aliens, die gierig die Geheimnisse menschlicher Schönheit verschlungen haben.