Max Liebermann in Potsdam und Berlin

Impressionismus made in Germany

Zwei Stationen, ein Liebermann: Das Museum Barberini in Potsdam zeigt den Künstler als Vorreiter eines deutschen Impressionismus – von Sozialstudien zur Lichtmalerei. Die Berliner Liebermann-Villa macht seine Rolle als strategischer Kulturpolitiker sichtbar

Als 1874 in Paris eine Gruppe von Malerinnen und Malern erstmals gemeinsam ausstellte – später wird man sie "Impressionisten" nennen –, war das preußisch-deutsche Kaiserreich gerade drei Jahre alt. Zwischen Frankreich und Deutschland verlief die Front nicht nur politisch, sondern auch kulturell. Reisen ins Nachbarland galten als Zumutung – erst recht die Bereitschaft, eine neue französische Malerei überhaupt ernst zu nehmen. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Ausstellung "Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland" im Potsdamer Museum Barberini lesen.

Denn hier geht es nicht nur um Stilgeschichte, sondern um die Stellung von Kunst im politisch-gesellschaftlichen Gefüge – und die wurde im Kaiserreich, zumal in Berlin, von Wilhelm II. als Geschmacksfrage mitverhandelt.

Das Barberini hat sich – auch durch die Sammlung seines Gründers und Finanziers Hasso Plattner – zur wichtigsten Adresse für Impressionismus-Schauen in Deutschland entwickelt. Die aktuelle Ausstellung zeigt nicht nur, wie intensiv deutsche Maler nach Frankreich blickten, sondern auch, von welchen eigenen Voraussetzungen sie ausgingen: Warum der deutsche Impressionismus nie einfach Kopie war.

Sozialstudien des Alltags

Dass Max Liebermann schon im Titel steht, macht die Schau zugänglich: Sein Name ist ein Fixpunkt, sein Image fest verankert. Im reifen Werk erfüllt er es mit sonnendurchfluteten Gartenbildern vom Wannsee, die in Potsdam reichlich zu sehen sind. Aber Liebermann ist nicht als Impressionist gestartet. In jungen – und auch späteren – Jahren eckte er mit einer Malerei des einfachen Lebens an: mit der Fütterung im "Schweinekoben" (1888) oder der Strickerei einer jungen Frau in bescheidener Stube (1885).

Dass das keine Ausnahme war, zeigt der Auftakt der Ausstellung – vermutlich ihr stärkster Teil. Mit einer Fülle selten gezeigter, malerisch anspruchsvoller Arbeiten macht er deutlich, wie virulent diese Sujets waren: Künstler wollten das einfache Leben zeigen. Es ist der Naturalismus, der in Deutschland parallel auch Literatur und Theater prägt. Heimarbeit, besonders die von Frauen, wird zum wiederkehrenden Motiv, etwa bei Fritz von Uhde oder Gotthardt Kuehl. Noch zugespitzter erscheint sie in Darstellungen von Waisenhäusern: soziale Not – und zugleich ihre Disziplinierung. Auch Liebermann entdeckt das Waisenhaus als Sujet einer komplexen Komposition, in der "Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus" (1881/82), die als Leihgabe aus dem Frankfurter Städel Museum nach Potsdam gekommen ist.

 

Max Liebermann "Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus", 1881/82
Courtesy Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e. V.

Max Liebermann "Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus", 1881/82
 

Freilich fügt Liebermann dieser Szene etwas hinzu, das ihn fortan immer stärker beschäftigen wird: die flirrenden Lichtflecken, wenn Sonne durch Blätter fällt und Hauswand und Fußweg punktiert. Da erst wird Liebermann zum Impressionisten, dem unter dem Eindruck des Augenblicks die zuvor feste Bildstatik verloren geht. Schon im "Schweinemarkt in Haarlem", den Liebermann in den 1890er-Jahren in zwei Fassungen malte, löst sich das Motiv in ein Gemisch aus ineinanderlaufenden Farben und Bewegung auf. Von da an wird alles Impression: die Gartenlokale an Havel und Alster, Ausflüge bis ins bayerische Brannenburg – und schließlich die "Reiter in der Allee bei Sacrow". Das Bild stammt von 1924, aus dem späten Werk: da ist der Maler nicht mehr auf dem Weg zum Impressionismus, sondern – Liebermann. Angekommen in seiner eigenen Version davon.

Barberini mit gutem Netzwerk 

Neben Liebermann führt die Ausstellung die bekannten Fixpunkte des deutschen Impressionismus zusammen: Lovis Corinth und Max Slevogt. Besonders einprägsam ist bei Slevogt die Konstellation der drei Fassungen des Bildnisses des Sängers d’Andrade. Corinth ist erst impressionistisch, dann expressionistisch, und auch diesen Wandel hin zu eruptiver Gestaltung zeigt die Ausstellung.

Ein zweites starkes Moment der Schau liegt in der Präsenz von Malerinnen – einer Gruppe, die in Deutschland lange mit Abwertung zu kämpfen hatte. Dass Charlotte Berend-Corinth – Ehefrau von Lovis Corinth –, Dora Hitz oder Sabine Lepsius häufig Kinder porträtieren, wirkt zunächst wie die alte Rollenverteilung. Aber die Bilder behaupten etwas anderes: Es sind keine "niedlichen" Sujets, sondern Porträts im vollen Sinn. Das entspricht dem Anspruch ihrer Kollegen – man sieht es etwa an Slevogts Bildnis von Suzanne Aimée Cassirer (1901), das zu seinen psychologisch dichtesten Arbeiten gehört.

Mehrere Kapitel der rund 130 Werke umfassenden Ausstellung widmen sich Blumen und Blüten – dankbare Motive impressionistischer Weltbejahung. Auffällig bleibt allerdings, wie selten in der deutschen Variante die Großstadt zum Leitmotiv wird. Da sticht Lesser Ury mit seinen Ansichten des nächtlichen Berlins heraus: regennasse Straßen, auf denen Automobilscheinwerfer die Sonnenflecken ersetzen. Dass hier gleich ein Dutzend Ury-Gemälde zu sehen ist – dazu Café-Szenen und flüchtige Porträts –, gehört zu den Glücksfällen der Schau. Sie alle stammen aus Privatsammlungen, was für das Netzwerk des Barberini und seiner Direktorin Ortrud Westheider spricht, der diesmal Valentina Plotnikova als Kuratorin zur Seite stand.

 

Lesser Ury "Hochbahnhof Bülowstraße", 1922
Courtesy Privatsammlung Süddeutschland/ Museum Barberini

Lesser Ury "Hochbahnhof Bülowstraße", 1922
 

Max Liebermann bleibt die Referenzfigur des deutschen Impressionismus – nicht nur als Maler, sondern auch als Kulturpolitiker. Genau diese zweite Rolle streift die Potsdamer Ausstellung eher, als dass sie sie ausbuchstabiert. Dafür lohnt ein Abstecher in die Liebermann-Villa am Wannsee. Als Juror für Kunstausstellungen, als Motor der "Secession" und später als langjähriger Präsident der Preußischen Akademie der Künste bildete er einen Gegenpol zur konservativen Politik des Kaisers – und später zu konservativen Kräften in der Weimarer Republik. Der begleitende Katalog der Liebermann-Villa vertieft, was mit Dokumenten in Vitrinen nur angerissen werden kann.

Der deutsche Impressionismus war zu seiner Zeit alles andere als ein Publikumsliebling – heute ist er es paradoxerweise. Die Ausstellung des Barberini befestigt diesen nachträglichen Triumph. Zugleich macht sie deutlich, dass der Impressionismus hierzulande aus eigenen Wurzeln erwuchs und etwas Eigenes blieb, selten so losgelöst und frei wie das französische Vorbild. Auch Liebermann musste erst seinen Garten anlegen, um sich der Impression zu widmen.