Man muss bald eine eigene Sparte gründen für all die Texte, die Berlins Ende prophezeien. Unter anderem weil es in der Bahn manchmal nicht so gut riecht wie in einem Münchner Vorortszug kurz vorm Starnberger See. Und auch die Künste, einst Pfund der Hauptstadt, sind over, wie Rainer aus Osnabrück oder Birgit aus Gotha gerne kommentieren. Vermutlich wissen sie nicht, dass unweit des Potsdamer Platzes nach wie vor das Museum Berlin Modern gebaut wird, dass der Druck auf dem Wohnungsmarkt kein bisschen nachlässt, weil angeblich niemand mehr hier bleiben will außer Drogensüchtige. Und vor allem: dass in diesem Herbst die Theaterlandschaft, stets mit Signalfunktion für die Republik, eine Reform erlebt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Eine tragende Rolle in diesem Umbruch spielt die bildende Kunst.
Zum einen übernimmt Matthias Lilienthal – unterstützt von Florentina Holzinger und Marlene Monteiro Freitas als Artistic Board – im Herbst die Volksbühne, die es noch immer nicht geschafft hat, sich vom Erbe Frank Castorfs und René Polleschs zu trennen. Auch Lilienthal wird vermutlich die klassische Produktionsweise des Sprechtheaters verändern, mehr Tanz zeigen und Performance, die in die Kunst rüberschielt. Ein so entschiedener Turn wie der von Çağla Ilk im Gorki Theater, die nun ihr Programm vorgestellt hat, ist in der Volksbühne aber kaum zu erwarten. Es zeigt sich für viele schon in Ilks Werdegang: Ursprünglich Architektin, lange Kuratorin, unter anderem auch am Gorki. Und vor zwei Jahren betreute sie den Deutschen Pavillon in Venedig, als sie den Theaterregisseur Ersan Mondtag und die Künstlerin Yael Bartana einlud. Ist das noch Theater oder schon Kunst?
Einen so großen Auflauf bei einer Pressekonferenz hat man zuletzt im Mai 2017 gesehen, als Chris Dercon sein Programm für die Volksbühne nach Castorf vorstellte, womit er dann nach einem halben Jahr gescheitert war (aus Unvermögen, aber auch weil der Theaterbetrieb fast unisono entschied, man dürfe an keinem Haus in Deutschland etwas verändern am Grundsatz großes Ensemble und Repertoirebetrieb, was übrigens beides schon bei Sankt Castorf nicht mehr der Fall war). Die Beharrungskräfte dieses Betriebs mit rund 80 000 Mitarbeitenden in Deutschland sind nicht zu unterschätzen.
Angst vor Dercon 2.0
Entsprechend angespannt war die Stimmung im Saal des Gorki Theaters: Wird Çağla Ilk die neue Chris Dercon, wird sie das Ensemble abschaffen, wird es weiterhin Schauspiel geben wie überall sonst, und wie verhält sie sich zu den Plänen des Berliner Senats, die Werkstätten mit jenen der Opern zusammenzulegen? Die Stifte waren gespitzt, die Augen groß.
Dass Ilk etwas von Dramaturgie versteht, wurde sofort klar. Sie wiederholte zum einen, dass dies ihr 3271. Tag im Gorki sei (sie verließ das Haus um das Jahr 2020 herum nach einem Streit mit der Chefin Shermin Langhoff, nicht ganz als einzige in Langhoffs 14-jähriger Intendanz). Erstes Signal also: Leute, kommt mir nicht dumm, ich kenne mich hier aus. Zweites Signal: Noch bevor Näheres zum Programm bekannt wurde, sprach erst Jens Gebhardt, Leiter Requisite und ewig am Gorki, der mit Schiebermütze, Arbeiterhemd und einer sehr schönen sonoren Stimme so gelassen wie klar von Abschied und Neuanfang sprach. Danach lasen Lea König von der Schlosserei und Luisa Nilson von der Damenschneiderei einen eher wütenden Protest gegen die drohende Zusammenlegung der Werkstätten. Ilk darauf: "Wir geben unsere Werkstätten nicht weg!" Tosender Applaus.
Damit sollte der Teufel mit dem T-Shirt "Neoliberale Kuratorin zerstört die Gewerke eines Theaters" noch vor der eigentlichen Programmshow ausgetrieben werden. Uff, vielleicht wird doch nicht alles so schlimm wie 2017. Das Programm selbst wird dennoch zu reden geben (warum auch nicht?). Freuen kann man sich bereits auf eine Umkehrung des Üblichen: Intendanten stellen meistens eine Mischung aus bekannten Kräften vor und dazu etwas jüngere, die aber fast alles so machen wie die bekannten älteren, während Ilk mit zwei sehr alten begann, die ziemlich sicher alles anders machen werden:
Konzeptkunst und Film
Der 87-jährige türkische Konzeptkünstler Sarkis wurde auf die Videoleinwand geholt, wo er seine eher räumliche als schauspielerische Beschäftigung mit dem polnischen Theatergott Tadeusz Kantor vorstellte. Mit Sarkis/Kantor eröffnet Ilk, aber noch nicht im großen Haus. Wenig später war dann die bald 84-jährige deutsche Filmemacherin Ulrike Oettinger im Call, die viel von ihrer Geschichte mit der surrealistischen Autorin Leonora Carrington erzählte und etwas weniger darüber, was sie mit der Carrington-Novelle "The Hearing Trumpet" genau vorhat. Das wird die erste im engeren Sinn Schauspielproduktion der Ära Ilk – erst im Dezember, wenn die große Bühne damit eröffnet wird.
Tadeusz Kantor "Seekonzert (koncert morski)", Happening, 1967
Man hielt nun auch als Befürworter einer Theater-Reformation etwas den Atem an, während erst einmal gleich zwei Überachtzigjährige jeweils lange redeten, aber wenig sagten. Doch allmählich kommt das Präsens in den Saal, die Bühne füllt sich mit der neuen Crowd, die man so tatsächlich noch nie in einem Theater gesehen hat. Das Neue, ein selten gewordenes Gefühl des Aufbruchs, strahlt in den Raum.
Einige überraschen wenig, wenn man Ilks Arbeit kennt, lassen aber aufhorchen: Die im Berliner Kunstbetrieb sehr präsente Performerin Göksu Kunak entwickelt im Gorki eine Arbeit nach Stravinskys "Le sacre du printemps“, die Soundkünstlerin Nicole L’Huillier, die schon in Venedig für Ilk eine Insel mitbespielt hat, wird die Fassade mit Lautsprechern ausstatten, der Noise-Musiker und Künstler Marco Fusinato beschäftigt sich mit Kleist und dessen "Prinz Friedrich von Homburg". Eine Berliner Überraschung, die manche Skeptikerinnen ins Boot holen wird: Nachdem Constanze Macras und ihr Tanztheater von Lilienthals Volksbühne nicht mehr verlängert wurden, findet sie im Gorki eine neue Heimat.
Monopol-Leserinnen und -Leser werden den einen oder anderen Namen kennen, wie etwa Yael Bartana die Künstlerin und Choreografin Wu Tsang oder den Berliner Soundkünstler Robert Lippok. Erst recht gilt das für den berühmten Kurator und Monopol-Mitarbeiter Udo Kittelmann, der im Kronprinzenpalais direkt neben dem Gorki eine Ausstellung zu Samuel Beckett plant, der vor 80 Jahren mit Schrecken sah, wie die Nazis nicht nur in München, sondern auch in Berlin "Entartete Kunst" ausstellten.
Die Frage, ob was vom Alten bleibt
Als die große Medienschar vom Gorki durch die Baustelle des Palais im historischen Saal unter den Bildern von Gorki und Shakespeare noch einmal zusammenfindet, kommen die Fragen wie erwartet: Wird Repertoire gespielt, gibt es Theater, wächst das Ensemble? Mit anderen Worten: Bleibt das Gorki ein Theater, oder müssen wir Abschied nehmen von der Dominanz des immer gleichen Modells, das in ganz Deutschland eine Monokultur betreibt?
Ilk wird nun sehr klar: Ein Repertoire müsse erst wachsen können, aber das sei die Absicht, ja. Und ihr vorerst zehnköpfiges Ensemble sei nicht einfach von ihr gecastet, sondern von vielen beteiligten Künstlerinnen und Künstlern zusammengestellt worden. Darunter sind bewährte Kräfte wie Çiğdem Teke, die das Gorki schon kennt, aber auch Campbell Caspary, die blonde Berliner Geheimwaffe von den Macras-Abenden in der Volksbühne, oder auch Lars Rudolph, der schon an Marthaler-Abenden der späten 1990er-Jahre die zartestes Trompete spielte seit der Erfindung von dunkler Schokolade.
Neben den vielen künstlerischen Installationen, Begehungen, Gesprächsformaten und Klangformen sind da aber auch Regiepositionen wie Sebastian Baumgarten, der in der Leitung sitzt, oder der Regie-Shootingstar Marie Schleef im Programm. Wenn Berlin Glück hat und einen längeren Atem als zwei Reels und fünf schlecht gelaunte Rants, könnte hier neu erfunden werden, was im Namen des Theaters wieder alles möglich sein könnte, zum Beispiel: eine Öffnung. Denn selbst zur postmigrantischen Vergangenheit des Gorki, die Ilk nicht ungeschehen machen möchte, weil sie dazu selbst beitrug, sagte die designierte Intendantin: "Diese Schubladen sind uns mittlerweile zu eng."