Medienschau

"Eine ziemlich gehemmt wirkende Orgie"

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Das British Museum umgarnt Peter Thiel, Bianca Jagger erinnert sich an verstorbene Künstlerfreunde, und ein Skandalkunstwerk von 1992 zündet nicht mehr richtig: Das ist unsere Presseschau am Dienstag

 

Museen

Der "Guardian" berichtet, dass das Londoner British Museum den Tech-Milliardär Peter Thiel zu einer privaten Besichtigung des noch nicht öffentlich zugänglichen Teppichs von Bayeux eingeladen hat. Wie Nadia Khomami schreibt, organisierte Entwicklungsdirektorin Charlotte Appleyard den Besuch für den 18. August; Museumschef George Osborne war informiert, nahm aber nicht teil. Unter Mitarbeitenden habe es Bedenken gegeben, dass die begrenzte lux time des empfindlichen Kunstwerks für jemandem ohne bekanntes Museumsinteresse genutzt wurde – zumal Thiel Verbindungen zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein hatte und seine wegen Datenschutzbedenken umstrittene Firma Palantir Verträge mit dem britischen Staat unterhält, darunter einen 330-Millionen-Pfund-Deal mit dem staatlichen Gesundheitsdienst NHS. Während Normalbesucher laut Khomami Online-Warteschlangen von bis zu neun Stunden in Kauf nehmen mussten, erhielten auch Gäste des Luxushotels One Aldwych bevorzugten Zugang zu Tickets.

Die "Financial Times" meldet, dass das Londoner Science Museum seine 25-jährige Partnerschaft mit dem Ölkonzern BP beendet. Die Sponsoring-Vereinbarung für die museumseigene Academy für Lehrkräfte laufe zum vereinbarten Vertragsende aus. Direktor Ian Blatchford, der Öl- und Gas-Sponsoring in der Vergangenheit verteidigt hatte, erklärte 2022 gegenüber der "FT": "Es besteht die Gefahr, dass die Kunstwelt, wenn sie nicht aufpasst, von ihrer eigenen Frömmigkeit verschlungen wird." Die Kampagnengruppe Culture Unstained begrüßte den Schritt als Teilerfolg, forderte jedoch zugleich ein Ende der Sponsoring-Beziehung zur Adani Group. Bereits 2016 hatte BP die Tate-Museen verlassen, 2022 die National Portrait Gallery; das British Museum ging dagegen 2023 einen neuen 50-Millionen-Pfund-Deal mit BP ein.


Künstler

Im "Independent" schreibt das ehemalige Topmodel Bianca Jagger einen persönlichen Dreierpack-Nachruf auf die kürzlich verstorbenen Künstler Georg Baselitz, David Hockney und Yayoi Kusama. Nach ihrer langjährigen Freundschaft mit Hockney erinnert sie sich an dessen Worte: "Mit dieser Tätigkeit geht man nicht in Rente". Baselitz beschreibt Jagger als "einen wunderschönen, monumentalen Widerspruch" und zitiert ihn mit der Selbstcharakterisierung als jungen Mann: "ein starrköpfiger, widerspenstiger und unbeholfener Typ, der alles ablehnte, weil er in eine zerstörte Welt hineingeboren wurde". Besonders bewegt habe sie eine Skulptur, die Baselitz in seinen letzten Lebenstagen im Salzburger Festspielhaus schuf. Zu Kusama, die sie persönlich weniger gut kannte, schreibt Jagger, deren Kunst sei "ein Schutzschild gegen das Chaos in ihrem eigenen Kopf" gewesen. Ihr Fazit: Die drei hätten bewiesen, dass Kunst "keine Karriere, sondern eine existenzielle Notwendigkeit" sei.

Im "New Yorker" porträtiert Laura Preston die neuseeländische Künstlerin Susan Te Kahurangi King, die weder liest, schreibt noch spricht und dennoch mit rund 20.000 Zeichnungen zu Neuseelands vielleicht bedeutendster lebender Künstlerin wurde. Preston schildert, wie King als Kind ihre Sprache verlor und stattdessen begann, obsessiv zu zeichnen, bevor sie mit etwa 40 Jahren für 16 Jahre ganz damit aufhörte. Ihre Schwester Petita Cole, die Kings gesamtes Archiv verwaltet, erzählt, wie 2008 der Wendepunkt kam: "Es war nicht 'Incy-Wincy'. Es war 'Boom'." Galerist Phillip March Jones betont, Kings Neurodiversität sei "das Uninteressanteste an ihr" – die Kunst solle für sich selbst stehen. Kurator Lyle Rexer wird mit einer kritischen Einordnung des Begriffs "Outsider Art" zitiert, der sich nicht auf die Kunst selbst, sondern "auf den Status derer, die sie schaffen" beziehe. Preston beschreibt zudem eindrücklich, wie Petita Cole in Handarbeit wiederkehrende Motive aus Kings Zeichnungen – etwa ein gestreiftes bohnenförmiges Objekt – als Ton-Repliken nachbildete, um sie ihrer Schwester in die Hand zu geben.


Architektur

Für den "Guardian" besucht James Crawford den norwegischen Holzwolkenkratzer Mjøstårnet in Brumunddal, mit 84 Metern das höchste reine Holzgebäude der Welt. Entwickler Arthur Buchardt erzählt, das Projekt sei 2015 als Antwort auf das Pariser Klimaabkommen entstanden: "Politiker sprachen von der Notwendigkeit eines 'großen grünen Wandels'. Und ich dachte mir: Wie kann ich auf diese politischen Signale reagieren?" Statik-Ingenieur Rune Abrahamsen, der Buchardts Skizze in eine reale Konstruktion verwandelte, erläutert das Brandverhalten der verwendeten Brettschichtholz-Träger: Sie verkohlten zwar an der Oberfläche, blieben im Inneren aber tragfähig: "Diese Verkohlung schützt das Innere". Crawford ordnet den Bau in einen globalen Trend ein, von Stockholm Wood City bis zu Sumitomo Forestrys geplantem 350-Meter-Holzturm in Tokio, und verweist auf den enormen CO₂-Fußabdruck konventioneller Betonbauten als Kontrast.


Skulptur

"Die Zeit der Orgien ist vorbei", schreibt Hans-Joachim Müller in der "Welt" über die aktuelle Ausstellung des Bildhauers Charles Ray in Kassel. Dieser hatte 1992 auf der Documenta IX mit seiner Figurengruppe "Oh! Charley, Charley, Charley …" für einen Skandal gesorgt. In dem Werk haben mehrere Versionen des nackten Künstlers miteinander Sex. Nun ist die Arbeit wieder im Fridericianum zu sehen; wie Müller feststellt, hat sie jedoch mit den Jahren ihre pornografische Aura verloren. "Erst jetzt nämlich – in Nachbarschaft des Ray'schen Skulpturenarsenals – wird ihre ganze Künstlichkeit erkennbar, die kolossale Lebensferne in der Lebensähnlichkeit", schreibt der Autor. "Es ist, wieder besehen, eine ziemlich gehemmt wirkende Orgie, und sie mutet ein wenig peinlich an wie ein Blatt aus dem Album 'Als wir noch jung waren …'.“ Besser kommen in dem Text Rays andere Werke weg, die ihre spezielle Wirkung mit Maßstabsverschiebungen, Einfarbigkeit und glatten Oberflächen erzielen. Allerdings findet Müller, dass das Fridericianum in seiner Beschreibung der Ausstellung ein bisschen zu dick aufträgt. "Die 'grundlegenden Fragen menschlicher Existenz', die uns das Katalogheft verspricht, wird man in seiner Kasseler Inszenierung trotz intensiver Suche nicht finden. Was natürlich auch am allzu heftigen Grundlegungsanspruch des Museums liegen kann und nicht gleich dem Künstler geschuldet sein muss. Aber vor dem Verdacht des Existenzialismus möchte man Charles Ray doch gerne in Schutz nehmen." Die Monopol-Besprechung der Kasseler Charles-Ray-Ausstellung von Ulf Erdmann Ziegler finden Sie hier.


Film

Befindet sich Hollywood in einer Identitätskrise? Oder genauer gesagt das Format Filmfestival? Das fragt sich anlässlich der Eröffnung der Festspiele von Venedig Andreas Busche im "Tagesspiegel" . Die "Mostra" erlebe gerade einen Realitätscheck, schreibt der Kritiker. In einer Zeit der veränderten Medienöffentlichkeiten häuften sich die Absagen aus Hollywood, was wiederum das Festival in Erklärungsnot bringe. Auch seien die Verantwortlichen wegen der aufgeheizten politischen Stimmung nervös. Großevents wie die Berlinale und die Kunstbiennale in Venedig waren zuletzt immer wieder wegen Themen wie Russland und Israel-Palästina Bühnen für harte Auseinandersetzungen und Boykotte geworden. Busche sieht in der Gemengelage jedoch auch eine Garantie für Aufmerksamkeit für das Geschehen auf und neben der Leinwand. "Langweilig wird es dieses Jahr in jedem Fall nicht."