Artwashing
Tessa Solomon berichtet auf "ARTnews", dass Saudi-Arabien beim ersten Cultural Investment Conference in Riad neue Fonds und Abkommen im Wert von 1,3 Milliarden Dollar angekündigt hat, darunter auch die sofortige Gründung der Riyadh University of Arts, die 2026 mit Studiengängen in Film, darstellender Kunst und Theater startet. Dazu gehört auch ein Abkommen mit der Deutschen Bank, "bekannt für ihr bedeutendes Kunstportfolio und ihre kulturellen Initiativen". Es umfasst Mentoring-Programme sowie jährliche Kulturdelegationen zwischen Saudi-Arabien und europäischen Metropolen wie Frankfurt oder London. Saudi-Arabien gibt seit einigen Jahren gewaltige Summen aus, um große Veranstaltungen in Sport, Kunst und Unterhaltung auszurichten. Die Schritte sind Teil einer großen Wirtschaftsreform, mit der das Land sich vom Öl unabhängiger machen und für den Tourismus öffnen will. Kritikern zufolge geht es aber auch darum, das Image trotz der Lage der Menschenrechte zu verbessern.
Während die Kunstwelt also kaum Skrupel hat, den repressiven Charakter der Monarchie mit schicken Kooperationen zu übertünchen, gibt es ausgerechnet in der Comedy-Szene Streit über ein Festival in der Hauptstadt Riad mit Auftritten von US-Stars wie Dave Chappelle, Kevin Hart, Aziz Ansari, Louis C.K. und Bill Burr. "Ich bin angeekelt und zutiefst enttäuscht über diese ganze widerliche Sache", schrieb der US-Comedian und Schauspieler David Cross auf Instagram. "Dass Menschen, die ich bewundere, mit unbestrittenem Talent, dieses totalitäre Feudalwesen dulden für (...) ein viertes Haus? Ein Boot? Mehr Turnschuhe?" Berichten zufolge sollen die Teilnehmer Hunderttausende US-Dollar für ihre Auftritte erhalten. Comedian Marc Maron sagte mit Verweis auf den saudischen Kronprinzen und faktischen Herrscher Mohammed bin Salman, der Veranstalter des Festivals sei derselbe Mann, der Journalist Jamal Khashoggi 2018 habe zerstückeln lassen. Der Kronprinz hatte die Verantwortung für Khashoggis Tod übernommen, aber bestritten, die Tötung angeordnet zu haben. Die Organisation Human Rights Watch warf den Veranstaltern in Riad vor, ihr schlechtes Zeugnis beim Thema Menschenrechte übertünchen zu wollen. Viele der teilnehmenden Comedians würden das Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigen, den Menschen im Land würde dieses aber komplett verwehrt. Andere Comedians gaben zu, moralische Bedenken in diesem Fall ignoriert zu haben. "Sie haben Sklaven, na und?", sagte Comedian Tim Dillon offensichtlich scherzhaft in seinem Podcast. "Sie bezahlen mir genug, um wegzusehen." Dillon wurde nach der Äußerung als Teilnehmer bei dem Festival gestrichen. Die Komikerin Atsuko Okatsuka teilte in sozialen Medien mit, sie habe eine Teilnehme abgelehnt wegen der strengen Auflagen. Danach sind etwa herabwürdigende Äußerungen über Saudi-Arabien, über dessen Führung oder die Königsfamilie nicht erlaubt. Auch Witze über das saudische Rechtssystem oder Religion seien nicht gestattet.
Museen
Wiebke Hollersen kommentiert in der "Berliner Zeitung" die Übernahme des DDR-Museums in Eisenhüttenstadt durch die Westdeutsche Christine Gerbich. Sie kritisiert, dass ostdeutsche Führungskräfte in der Kultur nach wie vor selten sind: "Seit einigen Jahren untersucht eine Studie, wie viele Ostdeutsche es in Deutschland in Führungspositionen schaffen. […] Da waren 6,8 Prozent der wichtigsten Stellen im deutschen Kulturbetrieb von Ostdeutschen besetzt." Die Autorin sieht in Gerbichs Westherkunft einen Vorteil für die kritische Sicht auf ostdeutsche Selbstverständlichkeiten, betont aber zugleich, dass es problematisch sei, dass ostdeutsche Perspektiven so selten in westdeutsch geprägte Kulturbetriebe gelangen. Sie schließt: "Es wird wirklich Zeit, dass das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn von einem Ostdeutschen übernommen wird."
Timo Feldhaus sieht in der "Berliner Zeitung" die Ausladung des Rappers Chefket durch Jan Böhmermann auf Zuruf von Wolfram Weimer als Symbol für übertriebenen, rigiden Anti-Antisemitismus: "Die spinnen, die Deutschen!" Feldhaus deutet, dass HKW-Intendant Bonaventure Ndikung zwischen postkolonialem Anspruch und politischem Druck gefangen sei, während Weimer "immer nur mehr Scheite ins Feuer" werfe. Für Feldhaus ist das Ganze Ausdruck einer hysterischen Symbolpolitik, die im Zeichen des Gaza-Kriegs übertrieben auf die Gegenwart reagiert und niemandem helfe. Inzwischen hat auch der PEN Berlin die Absage in einem Statement kritisiert und für den Vorgang Chefket, Böhmermann, Ndikung und Weimer gleichermaßen verantwortlich gemacht. An den Kulturstaatsminister gerichtet heißt es: "Herr Weimer, Ihre Ankündigung, die Korridore 'des Sagbaren, Erkundbaren und Darstellbaren (…) zu weiten, anstatt sie zu verengen', klang gut. Oder meinen Sie mit Meinungsfreiheit bloß die Freiheit, die Meinung des Kulturstaatsministers zu vertreten? Sie wissen doch, dass in Deutschland der Staat die Autonomie der Kunst und der Kultureinrichtungen fördert."
Manuel Roig-Franzia beschreibt in "Vanity Fair", wie Donald Trump mit einem Erlass versucht, die Smithsonian Institution auf Linie zu bringen. Der Präsident habe verfügt, "ungebührliche Ideologie" aus den Museen zu entfernen und eine "aufbauende" Geschichtserzählung durchzusetzen. Die Anordnung wirke wie ein Schock und Mitarbeiter fragten sich, ob Selbstzensur bald in Selbstsabotage umschlage. Künstler reagierten entsetzt: Die Videokünstlerin Mika Rottenberg sprach von einem "völlig abgefuckten" Zustand, Richard Long befürchtete, Trump wolle "alles abwürgen": "Er ist ein schrecklicher Mann. Das ist ein neues Spiel. Er sollte sich aus Dingen heraushalten, von denen er nichts versteht." Für Rick West, Gründungsdirektor des National Museum of the American Indian, sind die Eingriffe "gefährlich und falsch" und symptomatisch für eine autoritäre Tendenz. Roig-Franzia resümiert, dass im Smithsonian "eine existentielle Krise" spürbar sei.
Kunstmarkt
Über die wohl letzte Hauptversammlung der Berliner Artnet AG schreibt Stefan Kobel im "Handelsblatt". Geschäftsführer Jacob Pabst trat am Vorabend zurück – für den früheren Großaktionär Rüdiger K. Weng schlicht ein "Weglaufen". Dirk Hagemann von der DSW sprach offen von der Übernahme durch Andrew Wolffs Beowulff als "die einzige gangbare Option, da ansonsten in diesem, spätestens im nächsten Jahr die Lichter ausgegangen wären". Klare Schuldige sieht er bei der Familie Neuendorf: "Diese vielen Millionen, die hier über die Jahre mit überhöhten Vorstandsvergütungen, Beratungsdienstleistungen und so weiter aus dem Unternehmen geflossen sind, haben das Aktionärsvermögen ganz erheblich geschmälert." Aufsichtsratschef Pascal Decker konterte: "Die Vorwürfe sind absurd." Gleichwohl erklärte er zufrieden: "Der gordische Knoten, der das Unternehmen seit Jahren blockiert hat, ist endlich aufgelöst."
Raubkunst
In "Clarín", einer der größten und einflussreichsten Tageszeitungen Argentiniens, berichtet Adriana Santagati über eine unerwartete Wendung im Fall des NS-Raubkunstwerks "Porträt einer Dame", das in Mar del Plata aufgetaucht ist. Lange galt es als Werk von Fra' Galgario und die Dargestellte als Contessa Colleoni. Doch Paolo Plebani, Leiter der Restaurierungsabteilung der Accademia Carrara in Bergamo, stellt klar, "dass die Malerei nicht Fra' Galgario zuzuschreiben ist". Er verweist darauf, dass bereits Roberto Longhi 1927 und Mina Gregori 1984 diese Zuschreibung bestritten. Plebani ordnet das Werk nun Giacomo Ceruti zu, "einem der wichtigsten Exponenten des italienischen Settecento". Auch die Identität der Frau sei unsicher und müsse noch bewiesen werden. Der Fall zeige, so Santagati, wie sehr die Spur des NS-Kunstraubs bis heute nachwirkt – und dass die argentinische Justiz nun über das Schicksal des Bildes entscheiden muss.
KI
In der "London Review of Books" beschreibt Claire Wilmot, wie die britische Rechte KI-generierte Videos nutzt, um rassistische und anti-migrantische Narrative zu verbreiten. Die Clips seien vollständig künstlich: "Keine dieser Szenen ist real, und keine dieser Personen existiert", doch Nutzer teilten sie bewusst, weil sie glaubten, die Inhalte würden die Realität abbilden. Wilmot erläutert, dass Deepfakes als "faschistische Traummaschinen" fungierten, indem sie Probleme, Handlungsvorschläge und Zukunftsvisionen der extremen Rechten illustrierten. Sie argumentiert, dass diese Videos nicht nur ein Problem falscher Informationen seien, sondern die Wünsche und Ängste ihrer Verbreiter widerspiegelten. Die Labour Party werde für ihre ideologische Leere kritisiert, weil sie keine Gegenvision entwerfe.