Kulturpolitik
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) will nach Vorwürfen, sein Amt zum persönlichen Vorteil zu nutzen, keine weiteren Konsequenzen ziehen. Vielmehr sieht er sich als Zielscheibe der AfD. "Für die AfD bin ich der Hauptgegner ihrer aggressiven Kampagnen", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Er habe aber "als Staatsminister für Kultur und Medien noch viel vor". Bei Amtsantritt habe er alle Tätigkeiten im Verlag Weimer Media Group niedergelegt. "Was das Bundesministergesetz vorschreibt, habe ich erfüllt. Vielleicht werden Quereinsteiger aus der Wirtschaft einfach kritischer beäugt", sagte er zu der Kritik am Ludwig-Erhard-Gipfel, einer Veranstaltung der Weimer Media Group, die einst von Weimer und seiner Frau gegründet wurde. An der jährlichen Veranstaltung am Tegernsee nehmen regelmäßig auch Bundesminister teil. Berichten zufolge soll der Veranstalter Teilnahmepakete für mehrere Zehntausend Euro anbieten und mit möglichem "Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger" werben. Weimer hatte Funktionen und Stimmrechte im Verlag mit Eintritt in die Regierung abgegeben. Zuletzt kündigte er an, seine Unternehmensanteile von 50 Prozent einem Treuhänder zu übergeben. Grüne und Linke kritisierten, dass Weimer politisches Amt und privatwirtschaftliche Interessen nicht sauber trenne. Die AfD-Fraktion im Bundestag fordert seinen Rücktritt. Auf die Frage, ob er über einen Rücktritt nachdenke, antwortete Weimer der Zeitung: "Ich werde mich den rechten Trollen nicht beugen, wenn sie Kampagnen machen gegen einen bürgerlichen Kulturpolitiker, der sie inhaltlich angreift. Die AfD regt sich ja immer wahnsinnig auf beim Thema Kulturpolitik. Ich werde keinen Zentimeter nachgeben, wenn es um unsere kulturelle Vielfalt in Theatern, Museen oder Gedenkstätten geht."
Kunst- und Auktionsmarkt
Einige Zeugnisse des Holocaust, deren geplante Versteigerung in Deutschland für Empörung gesorgt hatte, sind inzwischen laut israelischem Nachrichtenportal "ynet" in Israel angekommen. Sie seien von einer Stiftung in der israelischen Hafenstadt Haifa erworben worden, die dort auch ein Holocaust-Museum betreibt. Die Gegenstände, darunter Kleidungsstücke, religiöse Artikel und Briefe, sollten nun in dem Museum der Stiftung Yad Ezer L'Haver (deutsch: Helfende Hand für einen Freund) in Haifa gezeigt werden. "Es darf keinen Handel mit Gegenständen geben, die Zeugnis von defr Erinnerung an die Schoah und dem Leid des jüdischen Volkes ablegen", sagte demnach der Leiter der Stiftung, Schimon Sabag. "Der richtige Ort für diese Objekte ist in einem Museum, und insbesondere im Holocaust-Museum in Haifa, dessen Eintritt frei ist und in dem Jugendliche und die breite Öffentlichkeit über die schlimmsten Kapitel in der Geschichte des jüdischen Volkes lernen können." Ein Auktionshaus in Neuss (Nordrhein-Westfalen) wollte die Objekte ursprünglich bei einer Auktion im vergangenen Monat unter dem Titel "Das System des Terrors Vol. II 1933–1945" versteigern. Nach Angaben des Internationalen Auschwitz Komitees (IAK) sollten unter anderem Briefe aus Konzentrationslagern, Gestapo-Karteikarten und weitere Täterunterlagen angeboten werden. Viele Stücke enthielten persönliche Informationen und Namen von Betroffenen. Versteigert werden sollten laut Online-Katalog auch ein antijüdisches Propaganda-Plakat und ein Judenstern aus dem KZ Buchenwald mit "Gebrauchsspuren". Nach heftigen Protesten war die Auktion jedoch wieder abgesagt worden. Das Auktionshaus stellte allerdings anschließend klar, die Dokumente und Gegenstände seien zum großen Teil von Nachkommen der Opfer zur Auktion übergeben worden. Ein weiterer Teil stamme aus einer privaten Forschungssammlung, die veräußert werden sollte. Gleichwohl sei dem Auktionshaus "bewusst, dass wir in der Bewertung der Einlieferungsanfrage eine falsche Entscheidung getroffen haben und bedauern, sofern wir damit Gefühle von Hinterbliebenen und Betroffenen der Opfer des NS-Terrors verletzt haben".
In "The Art Newspaper" berichtet Sophia Kishkovsky über das neue Moskauer Privatmuseum Zilart, das am Dienstag in Putins Repressionsregime eröffnet. Gründer sind der Unternehmer Andrej Moltschanow und seine Frau. Das Museum werde aus privatem Geld finanziert, "erhält keinerlei Unterstützung durch die Stadt Moskau oder den Staat", heißt es aus der Pressestelle. Die Sammlung umfasse rund 10000 Werke – "die Grundlage für mindestens die nächsten zehn Ausstellungen". Zugleich verweist Kishkovsky auf die politischen Verflechtungen: Moltschanows Stiefvater arbeitete einst mit Putin, der Kunstberater ist der Chef der Gegenwartskunst am Russischen Museum. Architekt Hani Rashid kritisiert, der aktuelle Bau sei "eine deutlich verwässerte und verzerrte Version des ursprünglichen Entwurfs". Kishkovsky schreibt von einer paradoxen Situation: Während viele private Museen schließen oder ins Ausland fliehen, werde hier unter staatlicher Duldung ein neues Prestigeprojekt geschaffen.
In der "Berliner Zeitung" fragt Rüdiger Stumpf anlässlich des Rekordpreises für ein Selbstbildnis von Paula Modersohn-Becker, das bei Grisebach für 1,27 Millionen Euro versteigert wurde, ob Kunst eine sinnvolle Geldanlage ist. Kunsthistorikerin Sarah Buschor nennt das Gemälde eine "große Würdigung", zumal es von den Nazis als "entartet" diffamiert wurde. Auch Werke von Ernst Barlach und Emil Nolde erzielen hohe Preise – doch Stumpf warnt vor Illusionen. Kunstmarkt-Ökonom Magnus Resch sagt: "Der Kauf von Kunst erfordert eine beträchtliche Investition an Zeit", die Mega-Auktionen verzerrten die Wahrnehmung. Anlageberater nennen Kunst als Finanzprodukt sogar "nicht geeignet". Statt Hype empfiehlt Stumpf Strategie, Wissen – und kleinere Werke großer Namen.
Museen
Im "Spiegel" spricht Architekt Jacques Herzog über das umstrittene Museum "Berlin modern" und verteidigt die explodierenden Kosten. Extravaganz sei nicht der Grund, "jedes Projekt aus dem Wettbewerb wäre teurer geworden", sagt Herzog. Museen müssten vor allem Sammlungen schützen – Nachhaltigkeit habe Grenzen: "Was ist ein Museum, warum bauen wir Museen?" Er warnt grundsätzlich vor der Ausdehnung des Kunstmarkts und fragt, ob man all die Werke wirklich aufbewahren könne. Zur Arbeit in Katar oder Hongkong sagt er, man müsse mit Ländern kooperieren, "mit denen die westliche Welt diplomatische Beziehungen unterhält", ohne moralische Ansprüche aufzugeben. Nach dem russischen Überfall stoppte sein Büro Projekte in Moskau. Eine rote Linie bleibt für Herzog klar: "Ich würde niemals an einem Ort bauen, der illegal besetzt wurde."
In der "Times" schlägt Huw Oliver ein Gegenkonzept zur "Airport theory" vor: die "Museum theory". Anlass ist sein überfordernder Besuch in Florenz, der ihn an "Museum fatigue" erinnert – ein Phänomen, das "schon 1916 dokumentiert wurde". Laut Studien halte die Aufmerksamkeit im Schnitt nur 30 Minuten. Oliver formuliert daraus drei Regeln: "Man sollte nie mehr als ein Museum am Tag besuchen", Tickets immer vorab buchen – sonst drohe die "Goya-Überdosis" wie in Madrid. Zweitens: Museumsbesuche kuratieren. Er empfiehlt, ganze Epochen zu streichen oder "nur fünf Werke vorher auszuwählen". Als dritte Regel nennt er die Planung von Pausen und Essen: Hunger sei der größte Feind eines gelungenen Besuchs. Seine "Museum theory" soll Stress reduzieren – anders als die "Airport theory", die besagt, dass man erst 15–20 Minuten vor Boarding am Flughafen ankommen soll und dann direkt und ohne Verzögerung zum Gate sprinten.
Das besondere Kunstwerk
Fast 20 Jahre nach seinem Tod steht Italiens Startenor Luciano Pavarotti nun plötzlich als Dirigent auf einer künstlichen Eisbahn - sehr zum Ärger seiner Witwe. Rund um ein Bronzedenkmal für ihren ehemals berühmtesten Bürger hat die mittelitalienische Stadt Pesaro für die Adventszeit vorübergehend eine Eislauffläche anlegen lassen. Mit seinen ausgebreiteten Armen sieht der lebensecht gestaltete Pavarotti (1935-2007) in Konzertkleidung nun aus, als ob er die Schlittschuhläufer dirigieren wollte. Seine Witwe Nicolette Mantovani bezeichnete die Idee des Gemeinderats der 100.000-Einwohner-Stadt als "Verhöhnung von Luciano". Der Tageszeitung "Il Resto del CarIino" sagte sie: "Das ist eine extrem hässliche Sache." Zudem steht das Denkmal nun auch noch bis zu den Knien in einem Bretterverschlag. In Pesaro an der Adriaküste besaß Pavarotti eine große Villa. Er war dort auch Ehrenbürger. Bei der Enthüllung des Denkmals im vergangenen Jahr war seine Witwe dabei. Bürgermeister Andrea Biancani entschuldigte sich inzwischen bei ihr. Die Idee, eine Eisbahn rund um das Denkmal auf einem zentralen Platz der Stadt zu bauen, sei "sicherlich ein Fehler" gewesen. Für nächstes Jahr wolle man nach einer neuen Lösung suchen. Von Unbekannten bekam das Denkmal ein Schild mit einer Nachricht an die Witwe umgehängt. Darauf heißt es: "Liebe Nicoletta, es gibt keinen Mangel an Respekt. Der Maestro hätte sich sicherlich gefreut, mitten unter Kindern zu sein, die sich amüsieren."