Debatte
Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle hat nach Darstellung von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer von sich aus ihre Zukunft bei der Berlinale infrage gestellt. "Sie sagte mir und auch meinem Amtschef am Dienstag, sie könne in dieser vergifteten Atmosphäre und ihren politischen Spannungen die Berlinale kaum weiterführen", sagte Weimer (parteilos) der "Rheinischen Post" . Sie hätten offen über die schwierige Situation gesprochen. Auf die Frage, ob er deswegen die Aufsichtsratssitzung einberufen habe, antwortete er: "Wenn ein derartiger Eklat passiert und auch die Intendantin ihre Zukunft von sich aus infrage stellt, müssen die Gremien beraten." Mehr könne er mit Blick auf die vereinbarte Vertraulichkeit und laufende Gespräche nicht sagen. Während des Filmfestivals hatte es mehrfach Debatten zum Umgang mit dem Nahostkonflikt gegeben. So hatte etwa der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib der Bundesregierung auf der Bühne vorgeworfen, Partner "des Völkermords im Gazastreifen" zu sein. Umweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ daraufhin den Saal und ließ mitteilen, die Aussagen seien nicht akzeptabel. Weimer und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verurteilten die Aussagen ebenfalls. Israels Regierung streitet ab, im Gazastreifen einen Völkermord zu begehen, auch die Bundesregierung weist den Völkermord-Vorwurf zurück. Die "Bild" hatte einige Tage nach Ende des Filmfestivals berichtet, Tuttle solle abberufen werden. Hintergrund sei der Umgang mit dem Nahostkonflikt. Nachdem Kulturstaatsminister Weimer eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung zu den Filmfestspielen für Donnerstag einberufen hatte, formierte sich in der Kulturbranche breiter Protest. Auf die Frage, ob er Tuttle wegen der Vorkommnisse loswerden wolle, sagte Weimer der "Rheinischen Post": "Tricia hat immer versucht, die politischen Spannungen auszugleichen und die Berlinale stark zu machen. Das rechne ich ihr hoch an. Die weiträumige Kritik an den Ereignissen sollte nicht auf sie persönlich zielen". Das Problem sei größer. "Der Ton der Aktivisten – egal woher sie kommen – darf nicht der Ton der Berlinale werden. Jurys, Mitarbeiter und Künstlerinnen und Künstler müssen wir besser vor aktivistischen Übergriffen schützen." Tuttle habe von den Reaktionen tief getroffen gewirkt, sagte Weimer. Ihm zufolge haben "politische Aktivisten die Festspiele negativ überlagert und mit ihren Aktionen die Stimmung regelrecht vergiftet". Kaum jemand spreche mehr über die tollen Filmemacher. Diese Vergiftung habe ihn erst traurig und dann ärgerlich gemacht. Für die Führung der Berlinale seien es keine leichten Tage gewesen. "Tricia Tuttle und Wim Wenders haben Engagement und Integrität in die Waagschale geworfen", sagte er. "Das verdient Respekt." Nach Angaben Weimers ist Mitte der Woche eine Aufsichtsratssitzung mit Tuttle geplant. "Alle Beteiligten wollen meiner Einschätzung nach rasch zu guten Ergebnissen kommen." Neben der personellen Formation müsse über einen Verhaltenskodex und organisatorische Fragen der Berlinale gesprochen werden, damit solche Vorkommnisse und Aktionen künftig unterblieben. "Es gilt zugleich, die Akzeptanz der Berlinale auf möglichst breite Beine zu stellen. Tricia wird sich erklären, ob sie dazu bereit ist."
Kunstmarkt
Elisa Carollo zeichnet im "Observer" das Porträt von Elliot Safra, der mit der Plattform The Art Marketplace den diskreten Privatverkauf von Kunst effizienter machen will, ohne dessen soziale Logik zu zerstören. Der Markt wirke zwar mysteriös, folge aber einem einfachen Prinzip von Angebot und Nachfrage – kompliziert werde er durch Vertrauen, Timing und Zugang. Safra setze daher bewusst nicht auf Automatisierung. "Technologie allein löst das nicht", sagt er, in diesem Markt sei "Vertrauen alles". Carollo berichtet, dass Safra auf persönliche Vermittlung besteht und jeden ernsthaften Kontakt selbst sucht: "Ich greife persönlich zum Telefon – bei jedem einzelnen." Die Plattform zeigt nur Künstler, Basisdaten und Preise, keine Bilder. Indirekt macht Carollo deutlich, dass Safra Reputation und menschliche Beziehungen als eigentliche Infrastruktur des Kunstmarkts versteht, während Technik nur unterstützende Funktion hat.
Nicola Kuhn berichtet im "Tagesspiegel" von einer Tagung des Landesverband Berliner Galerien, die zeigt, wie stark KI den Kunstmarkt verunsichert – und zugleich antreibt. Eine Anekdote des Galeristen Maximilian Egger, dessen Zuschreibung eines Werks von einer Sammlerin mit Verweis auf KI infrage gestellt wurde, macht den Druck deutlich. Jurist Maximilian Brazel betont, das Recht befinde sich "noch in der Phase der Meinungsbildung", simples Prompting sei keine Eigenleistung. KI werde erst spannend, "wenn der Mensch sie virtuos bedient". Philosoph Roberto Simanowski sieht ein Comeback der Konzeptkunst, etwa wenn bei Scott Snibbe das Publikum selbst zum Pinsel wird. Trotz Sorge überwiegt vorsichtiger Optimismus: KI könne Werkzeug sein, wenn man sie mutig ausprobiert.
Ausstellung
Johanna Adorján feiert in der "SZ" die große Retrospektive Gustave Courbet im Leopold Museum als vielschichtiges Porträt eines Künstlers, der Realist, Provokateur und Selbstvermarkter zugleich war. Im Zentrum steht zwar das berühmte Gemälde "Der Ursprung der Welt", doch Adorján beschreibt es bewusst entdramatisiert als Teil eines größeren erzählerischen Bogens. Die Schau zeige Courbet als Maler "lebendiger Haut", als radikalen Erneuerer monumentaler Alltagsbilder und als politischen Aktivisten, der jede Obrigkeit ablehnte. Besonders eindrücklich sei, wie selbstbewusst Courbet sich seinen Mäzenen gegenüber inszenierte und Skandale gezielt nutzte.
Die besondere Choreografie
Die katalanische Tageszeitung "Ara" schreibt über den Auftritt von Rosalía mit dem Song "Berghain" bei den Brit Awards und rückt die Arbeit des französischen Kollektivs (La)Horde in den Fokus, das für Choreografie und Set verantwortlich zeichnete und das man in Berlin vor allem durch eine Ausstellung in der Stoschek Foundation kennt. Die fragmentierten, spasmodischen Bewegungen, entwickelt von Marine Brutti, Jonathan Debrouwer und Arthur Harel, erinnerten an kollektive Ekstase und zugleich an körperliche Überforderung. Die Autorin Magda Polo Pujadas liest die Tänzer als Körper im Takt eines algorithmischen Spätkapitalismus und bezieht sich auf Byung-Chul Han’s Erschöpfungstheorie sowie Marc Augé’s Idee des Nicht-Ortes: Das Berliner Berghain werde so zur Chiffre eines anonymen Raums, in dem Identität im technoiden Rhythmus zerfalle.