Kulturpolitik
In der "taz" berichtet Klaus Hillenbrand von einer Tagung zur Provenienzforschung in Halberstadt, kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Anlass ist ein Wahlprogramm-Kapitel der AfD mit dem Titel "Kein Geld mehr für sogenannte Provenienzforschung!" – die Partei wirft dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste vor, ein unangemessenes "Schuldgefühl" aufrechtzuerhalten. Zentrums-Vorständin Meike Hopp widerspricht entschieden: "Wenn wir wissen, dass sich in Museumsbeständen Raubgut befindet, dann können wir doch nicht einfach darüber hinwegsehen." Der AfD gehe es darum, "das Bild deutscher Kultur und deutscher Geschichte zu verklären und zu verzerren", so Hopp. Die Kunsthistorikerin Anne Paschen schildert ihre Arbeit an 208 verdächtigen Museumsobjekten in Sachsen-Anhalt, darunter Gegenstände aus einer von der Gestapo eingelieferten, zerstörten Synagoge. Tagungsorganisatorin Angela Kolb-Janssen betont: "Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen."
Im "Corriere della Sera" spricht Paolo Conti mit Pietrangelo Buttafuoco, Präsident der Biennale von Venedig, über den Streit um den russischen Pavillon. Buttafuoco verteidigt seine Entscheidung entschieden: "Ich würde alles wieder so machen. Es war mehr als richtig und geboten gegenüber der Institution, der ich vorstehe." Auf den Vorwurf von Kulturminister Alessandro Giuli, "bei der Biennale hat Putin gewonnen", entgegnet Buttafuoco: "Nicht Putin hat gewonnen, sondern die Kunst." Er kritisiert zudem EU-Kommissar Raffaele Fitto scharf, der die Institution nicht verteidigt habe – eine "antiitalienische Entscheidung". Zu seiner politischen Verortung sagt Buttafuoco: "Ich habe eine Identität, keine Zugehörigkeit." Er meldet zudem ein Ticketplus von zehn Prozent für die Filmfestspiele und 20 Prozent für die Kunstbiennale.
Die "Financial Times" berichtet, dass der britische Premierminister Andy Burnham von seiner langjährigen Forderung nach einer Rückgabe der Parthenon-Skulpturen an Griechenland abrückt: "Letztendlich ist das doch eine Angelegenheit für das British Museum, oder?" Das British Museum erklärte, die Gespräche mit Griechenland über eine "Parthenon Partnership" liefen und seien konstruktiv. Museumschef George Osborne verhandelt laut den Autoren über ein Leihmodell, bei dem Teile des Frieses gegen griechische Kunstschätze nach London ausgetauscht würden. Lord Ed Vaizey, Vorsitzender der Kampagnenorganisation Parthenon Project, nannte Burnhams Kurswechsel "deprimierend" und erinnerte daran, wie klar sich dieser früher positioniert hatte.
Museen
In der "NZZ" rekonstruiert Zelda Biller die Vorgeschichte der abgesagten Galliano-Ausstellung am Metropolitan Museum in New York. Der Modedesigner hatte vor 15 Jahren in einer Pariser Bar antisemitische und rassistische Tiraden von sich gegeben, unter anderem: "Ich liebe Hitler". Nach heftiger Kritik jüdischer Politiker und Geldgeber sagten Galliano und das Met die für 2027 geplante Retrospektive im Costume Institute gemeinsam ab. Biller verweist auf einen späteren Eklat, als sich Galliano 2013 als orthodoxer Jude verkleidete, und liest den gesamten Fall als exemplarisches Muster im Verhältnis nichtjüdischer Gesellschaften zu Juden – zwischen Angriff, Reue und Verdrängung. Im "Spiegel" sieht Ulrike Knöfel Anna Wintours Machtstellung erschüttert. Wintour hatte den Modeschöpfer nach seiner Entlassung bei Dior demonstrativ gefördert, unter anderem trug sie öffentlich ein Kleid seines Comeback-Labels Maison Margiela. Nach der Ankündigung der für 2027 geplanten Schau "John Galliano: Horizonte" hatte sie erklärt: "Es gibt niemanden, der eine Ausstellung dieser Größenordnung mehr verdient hätte als John Galliano." Nach der Absage äußerte sie sich laut Knöfel nur knapp, Gallianos Entscheidung sei "mutig" gewesen und zeuge "von Charakter". Knöfel zitiert zudem das Klatschportal "Page Six", demzufolge Wintours Mitarbeitende hinter vorgehaltener Hand über die Personalie tuscheln: "Sie nicken ihr alle zustimmend zu, so wie sie es schon immer getan haben." Knöfels Fazit: Wintour habe Gallianos Skandal zu ihrem eigenen gemacht.
Die "New York Times" berichtet, dass das Kennedy Center die markante blaue Außenskulptur "Blue" des Künstlers Joel Shapiro entfernen lässt – ohne vorherige öffentliche Ankündigung. Laut internen Dokumenten war das 2019 installierte Werk seit der Übernahme des Kennedy Centers durch Präsident Trump für die Entfernung vorgesehen. Der frühere Kurator Josef Palermo, der im März entlassen wurde, sagt dazu: "Das Kennedy Center verwahrt diese Werke faktisch treuhänderisch für das amerikanische Volk, und es sollte deutlich mehr Transparenz herrschen." Die Aktivistengruppe Hands Off the Arts kommentierte auf Instagram: "Erst knöpfte man sich die Fassade vor, jetzt das Gelände". Shapiro selbst hatte die Skulptur einst als "eine Feier der Möglichkeit" beschrieben; der Künstler starb 2025.
Das besondere Kunstwerk
In "Le Monde" rekonstruiert Michaël Moreau den jahrzehntelangen Streit um die Deckenmalerei der Pariser Oper. 1962 beauftragte Kulturminister André Malraux Marc Chagall mit einem neuen Deckenbild, das Jules-Eugène Lenepveus Werk von 1875 lediglich überdeckte statt entfernte. Moreau zitiert Malraux' spontane Frage an Chagall bei einer Vorstellung 1960: "Warum machen Sie nicht eine neue Decke?" Der zeitgenössische Widerstand reichte bis zu antisemitischen Anfeindungen; ein Assistent erinnert sich: "Man hörte sogar antisemitische Kritik an Chagall." Heute kämpft Lenepveus Nachfahre Arnaud Carayon für eine abwechselnde Präsentation beider Werke; Operndirektor Alexander Neef entgegnet, der Denkmalwert von Lenepveus Decke sei seit 1923 "anerkannt". Der Radiomoderator Alain Duault schlägt gar eine dritte, ganz neue Decke vor: "Eine zeitgenössische Arbeit an einem Denkmalort beweist das Interesse, das man ihm entgegenbringt."