Medienschau

"Museum als Safe Space der Wohlhabenden"

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Die finanzielle Schieflage am Kunsthaus Zürich, Gesetze als "Gesamtkunstwerk" und der Unterschied zwischen Urteil und Kritik: Das ist unsere Medienschau am Freitag

Kunst & Politik

In der "FAZ" kritisiert Hendrik Heß die politische Modeformel vom Gesetz als "Gesamtkunstwerk". Arbeitsministerin Bärbel Bas habe damit die Geschlossenheit der Empfehlungen der Alterssicherungskommission beschworen, Kanzler Friedrich Merz und andere Unionspolitiker hätten die Wendung übernommen. Heß führt den Begriff auf Jens Spahn zurück und zieht eine Linie zu Richard Wagners Idee des Gesamtkunstwerks, in dem das Ganze auf Kosten seiner Teile stilisiert werde. Die Formel verschleiere damit demokratische Aushandlungsprozesse und suggeriere Alternativlosigkeit. "Demokratische Politik kann aber niemals total sein", schreibt Heß. Ein Koalitionsvertrag müsse vielmehr veränderbar bleiben: "Ein Vertrag kann gekündigt oder auch nachverhandelt werden."

Im "Spiegel" spricht Alexander Chernyshev mit Rita Flores, bürgerlich Margarita Konowalowa, die aus dem Umfeld von Pussy Riot stammt und nach eigener Darstellung dreieinhalb Jahre für den russischen Geheimdienst FSB arbeiten musste. Sie schildert, der FSB habe sie mit Mordandrohungen gegen ihre Mutter zur Mitarbeit gezwungen und sie unter dem Decknamen Harley geführt. Flores berichtet, sie habe dem Dienst nie kritische Künstler genannt, sondern Hunderte Freundschaften bewusst abgebrochen, um niemanden zu gefährden: "Ich fing entweder proaktiv Streit an oder antwortete nicht mehr auf Nachrichten." Besonders erschütternd schildert sie einen Auftrag zur Ermordung des Pussy-Riot-Mitgründers Pjotr Wersilow, den sie per Hochzeit und vorgetäuschter Schwangerschaft hinauszögerte: "Ich sollte an der Ermordung eines guten Freundes mitwirken." Ihr Fazit: "Vor allem möchte ich dem FSB mit meinem Wissen das Geschäft erschweren!" Für Monopol hat Freya Dieckmann über den Fall geschrieben.

Museen

In der "WOZ" kommentiert Daniela Janser die knappe Zustimmung der Zürcher Stadtbevölkerung zu zusätzlichen 7,3 Millionen Franken Subventionen für das Kunsthaus Zürich. Die finanzielle Schieflage führt sie vor allem auf frühere Entscheidungen zurück, insbesondere den teuren Erweiterungsbau von David Chipperfield und die problembehaftete Bührle-Sammlung, deren Provenienzforschung 2025 zusätzliche drei Millionen Franken kostete. Kritisch merkt sie an, dass ausgerechnet die gut bezahlten Verantwortlichen – Direktorin Ann Demeester verdiene mehr als der Stadtpräsident – nun die Hand aufhielten, während der private Trägerverein im Vorfeld der Abstimmung mit der Schließung der öffentlichen Bibliothek gedroht habe. Ihr Fazit: Kunst sei zum "Spielball und Safe Space der Wohlhabenden" geworden, während der Eintritt für das "Fußvolk" mit 31 Franken zu teuer bleibe.

Die Schweizer Kuratorin Bice Curiger schreibt in der "NZZ" einen Nachruf auf den ehemaligen Kunsthausdirektor Felix Baumann, der im Alter von 89 Jahren gestorben ist. Während seiner Amtszeit bis 2000 verband Baumann Kontinuität mit einer Öffnung für neue Kunstformen und internationale Entwicklungen: "Der Name Felix Baumann steht rückblickend für eine reiche Ära der Beständigkeit und gleichzeitig des grossen Aufbruchs in die Nachmoderne sowie der weit ausstrahlenden Erneuerung im Zuge der Internationalisierung des Kunstgeschehens." Er integrierte die Fotografie ins Kunsthaus, ermöglichte populäre Themenausstellungen und holte 1981 Harald Szeemann als freien Mitarbeiter ans Haus. Dessen wegweisende Ausstellungen und die Präsentationen von Künstlern wie Joseph Beuys, Bruce Nauman und Cy Twombly prägten das Programm. "Dass Szeemann heute international als grosser Ausstellungsmacher gilt, ist sicher auch Felix Baumanns Verdienst." Baumanns Führungsstil zeichnete sich laut Curiger durch Vertrauen in seine Mitarbeiter und große kuratorische Freiheit aus. Auch sie selbst habe in ihren 20 Jahren als Kuratorin am Kunsthaus davon profitiert.

Ben Davis listet bei "Artnet News" die 18 Künstler auf, die im September in besonders vielen US-Museen vertreten waren. An der Spitze stehen Jeffrey Gibson und Kara Walker, deren Arbeiten häufig in Gruppenausstellungen zur Geschichte des Rassismus in den USA gezeigt werden. Zu den weiteren Künstlern mit hoher Museumspräsenz zählen Sky Hopinka, Alex Katz und Rashid Johnson. Auffällig ist für Davis, dass sich die Liste gegenüber früheren Ausgaben kaum verändert: Die etablierten Namen bleiben präsent, während neue künstlerische Positionen mit deutlich anderen Themen in den Daten kaum auszumachen seien. Bei den jüngeren Entdeckungen der Liste hebt er Saya Woolfalk, Joiri Minaya und Saif Senussi Azzuz hervor, deren Arbeiten sich unter anderem mit kultureller Herkunft, überliefertem Wissen und Natur beschäftigen. Für seine Rangliste wertet Davis Gruppenausstellungen und größere Einzelausstellungen unterschiedlich, ohne Museen nach ihrer Bedeutung zu gewichten.

Venedig-Biennale

In seiner "Spiegel"-Kolumne verknüpft Alexander Osang einen Besuch der Venedig-Biennale mit der Berliner Bürgermeisterwahl. Besonders eindrücklich beschreibt er den deutschen Pavillon, gestaltet von Henrike Naumann aus Zwickau und Sung Tieu, deren Vater als vietnamesischer Vertragsarbeiter in die DDR kam. Naumann, so Osang, sei auf dem Weg gewesen, "ein ostdeutscher Weltstar zu werden", bevor sie in diesem Jahr an Krebs gestorben ist. Tieu habe das Design eines Plattenbaus aus Berlin-Hohenschönhausen übernommen – "ein Nazihaus in den Farben der DDR" – als Kommentar darauf, wie unmöglich es sei, sich im "großen deutschen Wohnzimmer" gemütlich zu machen. Osang bezeichnet den Beitrag als "ostdeutschen Gruß an die Kunstwelt". 

Kunstberichterstattung

Im "Spike Art Magazine" verabschiedet sich Travis Diehl mit einem letzten Beitrag zu seiner Kolumne "Libra Season" vom Kunstkritik-Schreiben. Er unterscheidet zwischen Urteil und Kritik: Ein Urteil lege fest, was oder wer zählt, während Kritik helfe zu verstehen, warum. Anhand des von Lucien Smith gegründeten Restaurants FOOOD beschreibt Diehl, wie ein Projekt trotz konzeptioneller Schwächen soziale Bedürfnisse nach Begegnung erfüllen könne. Auch seine viel zitierte Kritik an Refik Anadol verteidigt er: Die Bezeichnung von dessen Arbeiten als "Bildschirmschoner" sei keine Abwertung, sondern der Versuch, die politischen Dimensionen hinter den ästhetisch verführerischen Bildern sichtbar zu machen. "Das ist keine Wertung, das ist Kritik", schreibt Diehl. Seine Bilanz: "Die Kunstwelt hat den Faden verloren, aber die Menschen nicht."