Debatte
Nach einem Streit um eine Nacktszene mit Schauspielerin Nastassja Kinski soll der Film "Falsche Bewegung" (1975) von Regisseur Wim Wenders vorerst nicht mehr gezeigt werden. Der Film werde aus allen aktuellen Auswertungsformen zurückgezogen, teilte die Wim Wenders Stiftung am Mittwochnachmittag mit. Genau diese Lösung hatte Kritiker Daniel Kothenschulte am Wochenende in Monopol vorgeschlagen. Am Mittwoch hatte Alice Schwarzer den Filmemacher dazu aufgefordert, die Nacktszenen aus dem Film zu entfernen. "Wim: Höre auf zu reden – und handle! Schneide endlich diese verdammten zwei Minuten raus aus deinem Film!", schrieb die 83-Jährige in der von ihr gegründeten Zeitschrift "Emma". In "Falsche Bewegung" wird Kinski in einer Szene mit nacktem Oberkörper gezeigt. Sie sagte kürzlich der "Süddeutschen Zeitung": "Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war". Wenders hatte beim Deutschen Filmpreis am Freitag gesagt, er würde die Szene "heute nie mehr so machen". Seinem damaligen jungen Ich könne er aber keinen Vorwurf machen. Er habe einen Film in seiner Zeit gemacht. Doch es ergebe sich eine Frage, die alle Filmschaffenden angehe: "Wie geht man mit Filmerbe um?" Dürfe und solle man eine Szene schneiden, wenn sie einer Schauspielerin - "die ich sehr verehrt habe und verehre" - weh tue? "Kann man einen Film im Nachhinein kürzen?" Wenders bat die Deutsche Filmakademie um eine Debatte. Ulrike Knöfel kommentiert im "Spiegel", die "Instrumentalisierung des Mädchenkörpers" und die "Ästhetisierung der Schutzlosigkeit eines Kindes" seien "schon damals nicht in Ordnung" gewesen. Auch dem Liedermacher Konstantin Wecker werfe man vor, als Erwachsener gezielt die Nähe minderjähriger Fans gesucht zu haben. Laut den jüngsten Berichten seien mehrere Frauen betroffen gewesen. Die Autorin spricht von einem "System Wecker", dessen Folgen bis heute spürbar seien: "Die Mädchen von einst leiden noch immer." Beide Fälle verbindet für Knöfel ein "gigantisches Machtgefälle" sowie der Versuch, sich der moralischen Verantwortung zu entziehen. Statt Aufarbeitung dominierten "Ausflüchte, Anwälte" und Rechtfertigungen. Die eigentliche Frage sei, warum die Perspektive der betroffenen Frauen erneut in den Hintergrund gerate.
Kunst im öffentlichen Raum
Die "Caverne du Pont-Neuf" des Künstlers JR in Paris ist kurz vor der geplanten Eröffnung beschädigt worden. Laut "Le Figaro" wurde die Installation am Dienstag "durch einen Windstoß und Aversen" teilweise zerstört: "Die Leinwand des Werks wurde teilweise zerrissen, sodass die darunterliegende aufblasbare Struktur sichtbar wurde". Die geplante Eröffnung am 6. Juni sei daraufhin verschoben worden. Die 120 Meter lange, begehbare Installation am Pont Neuf sollte als temporäre "Grotte" öffentlich zugänglich sein und an Christo und Jeanne-Claude erinnern, die die Brücke 1985 verhüllt hatten. JR beschreibt das Projekt als "Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart". Die Ursachen des Schadens werden derzeit untersucht, ein neuer Eröffnungstermin stehe noch nicht fest.
Der Künstler Robert Wyland verklagt die FIFA und weitere Beteiligte auf 25 Millionen Dollar, weil sein rund 1.580 m² großes Walmural in Dallas im Zuge der WM-2026-Vorbereitungen übermalt wurde. Wyland, bekannt für die "Whaling Walls", deren "Whaling Wall 82" 1999 entstand, wirft laut "Welt" und AP den Verantwortlichen vor, sein seit fast drei Jahrzehnten bestehendes Werk ohne Zustimmung beseitigt zu haben. In der Klage heißt es, die Beklagten hätten "überstürzt und unwiderruflich ein städtisches Wahrzeichen zerstört". Das lokale Organisationskomitee verweist dagegen auf eine geplante neue öffentliche Kunstinstallation im Zeichen der WM. Die FIFA erklärt laut WELT, sie habe „in keiner Weise etwas damit zu tun“.
Podcast
Giovanni di Lorenzo und Florian Illies porträtieren im "Zeit"-Podcast "Augen zu" Anselm Kiefer als einen der bekanntesten und umstrittensten deutschen Gegenwartskünstler. Kiefer begann seine Karriere mit einer Provokation: Er reiste zu europäischen Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs und posierte dort mit Hitlergruß. "Er wollte, wie er später sagte, noch einmal die Verführbarkeit der Vorgängergeneration durch den eigenen Körper hindurchgehen lassen." Seit diesen "Besetzungen" bleibe die deutsche Geschichte zentral. Geboren 1945 an der deutsch-französischen Grenze, gilt der Epochenbruch des Krieges als prägend. Illies und di Lorenzo heben die monumentale Materialität aus Blei, Stroh und Schrift hervor und fragen, warum vor allem Auslandsmuseen Kiefers Werke zeigen und er mit Monumentalität seiner Kunst auf die der Geschichte antworte.
Nachlass
Ulrich Seidler berichtet in der "Berliner Zeitung", dass das Berliner Buchstabenmuseum seine Ausstellungsflächen räumen muss und damit ein ikonisches Bühnenobjekt von Bert Neumann in Gefahr gerät. Das Lichtobjekt aus Neumanns letztem Volksbühnen-Bühnenbild wird als kultureller "Fluchtpunkt" beschrieben: "Кока-Кола – der kyrillische Schriftzug leuchtete als Sonne des Kapitalismus in die Weite der russischen Finsternis". Seidler zeichnet nach, wie Neumann (hier 2010 im Monopol-Interview) Bühne als Weltmaschine verstand, in der Pop, Politik und Theater verschmelzen. Das Museum, das Leuchtschriften sammelte, ist 2025 geschlossen worden; nun fehlt Lagerraum, die Kisten stehen im Weg. "Was sollen wir nach dem 31. Mai damit tun?", heißt es aus der Leitung. Die Nachlassverwalterin Lenore Blievernicht spricht von eskalierendem Druck und strukturellem Problem: "Ich sehe mich da als Präzedenzfall". Seidler deutet den Fall als kulturpolitische Leerstelle im Umgang mit Theaternachlässen und deren unsicherem Verbleib.