Kunstfreiheit
Marcus Woeller argumentiert in der "Welt", dass neue Ethik-Codes im Museumsbetrieb zwar aus berechtigter Kritik an Skandalen entstanden seien, jedoch zunehmend selbst zu einem Instrument der Begrenzung von Kunstfreiheit würden. Ausgangspunkt ist der verschärfte ICOM-"Code of Ethics" von 2026, der Museen nicht nur als Bewahrer, sondern auch als moralisch handelnde Institutionen mit gesellschaftlicher "Richtungsgebung" definiere. Woeller kritisiert, dass daraus ein "enges ethisches Korsett" entstehe, das Programme, Personalentscheidungen und sogar Besucherverhalten normiere. Anhand von Fällen wie der Documenta 15 oder Konflikten im Hamburger Bahnhof verweist er auf die Schwierigkeit, Museen als "sichere Räume" für Dialog in polarisierten Situationen zu erhalten. Der Verfassungsrechtler Christoph Möllers wird mit der Einschätzung zitiert, Institutionen erhielten durch Kunstfreiheit zwar Spielräume, könnten aber selbst definieren, "was sie unter künstlerischer Arbeit verstehen". Genau darin sieht Woeller eine Gefahr: Aus Schutz vor Diskriminierung werde ein System, in dem "der Code mitkuratiert". Am Ende steht die Warnung, dass der "Ort des offenen Dialogs" zum "Raum betreuter Zustimmung" werden könne, wenn jede Empörung zur Regelverletzung werde – obwohl die Kunst formal frei bleibe, "solange sie bloß dem Code nicht widerspricht".
Nachruf
Philipp Meier würdigt in der "NZZ" die verstorbene Kunsthändlerin und Museumsgründerin Angela Rosengart als prägende Figur des Schweizer Kunstbetriebs. Rosengart, die im Alter von 94 Jahren starb, habe eng mit Pablo Picasso zusammengearbeitet, der sie mehrfach porträtierte, und gemeinsam mit ihrem Vater Siegfried Rosengart eine der bedeutendsten Privatsammlungen der Moderne aufgebaut. Diese umfasst Werke von Picasso, Matisse, Miró, Chagall und Klee und ist heute im Luzerner Museum Rosengart öffentlich zugänglich. Meier beschreibt Rosengart als "Grande Dame des Schweizer Kunsthandels", deren Leben vollständig von der Kunst bestimmt gewesen sei. Sie habe nicht nur gehandelt, sondern Werke "gut platziert" und langfristig bewahrt. Besonders betont wird ihre Rolle als Sammlerin: Schon früh habe sie begonnen, Werke zu erwerben, darunter eine Klee-Zeichnung, die sie mit ihrem ersten Gehalt kaufte. Rosengart habe zudem früh für die Zukunft der Sammlung gesorgt, indem sie eine Stiftung gründete und die Werke in einem ehemaligen Bankgebäude museal verankerte. Ihr Museum, so der Autor, sei ein "Juwel, was Inhalt und Verpackung angeht" und ein bleibendes Geschenk an die Kunstöffentlichkeit.
Der ehemalige Museumsdirektor Stephan Berg würdigt in der "FAZ" die verstorbene Künstlerin Rune Mields als zentrale Figur der rheinischen Konzeptkunst, die über sechs Jahrzehnte ein Werk zwischen Mathematik, Zeichensystemen und philosophischer Systemkritik entwickelte. Der Autor hebt frühe Arbeiten wie die "Röhrenbilder" der 1970er-Jahre hervor, die sie selbst als "Zeichen für Kraft, Technik, Aggression und Rationalität" beschrieben habe. Später habe sie sich komplexen Zahlensystemen und historischen Symbolordnungen zugewandt, darunter auch chinesisch-japanische Primzahlen und prähistorische Zeichensysteme. Leitmotiv ihres Denkens sei der augustinische Satz gewesen: "Alles hat Formen, weil es Zahlen in sich hat", der auf ein verborgenes Ordnungsprinzip der Welt verweise. Trotz der Strenge ihres Systems betont Berg die innere Ambivalenz ihres Werks: Ordnung und Unordnung seien darin nicht Gegensätze, sondern ineinander verschränkt. Mields selbst habe diese Spannung pointiert zusammengefasst: "Der unendliche Raum – dehnt sich aus."
Im "Tagesspiegel" würdigt Christiane Meixner den verstorbenen Berliner Galeristen Klaus Märtens als unbeirrbaren Verfechter der figurativen Kunst, der mit seiner Galerie Taube über Jahrzehnte gegen den Zeitgeist gearbeitet habe. Während Abstraktion und Konzeptkunst dominierten, habe Märtens "den von ihm bevorzugten Realisten die Stange" gehalten und konsequent Künstler wie Rudi Lesser, Klaus Jurgeit oder Wladimir Krawtschenko vertreten. Zugleich hebt die Autorin hervor, dass Märtens trotz seines traditionellen Programms ein sicheres Gespür für Talente besessen habe – etwa als früher Förderer des später international erfolgreichen Malers Liu Ye. Die pandemiebedingte Schließung seiner Galerie kurz vor deren 50-jährigem Jubiläum schildert Meixner als bitteren Einschnitt.