Medienschau

Wie die Kunstwelt Intimität zu sozialem Kapital degradiert

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Zoe Dubnos Kunstweltroman "Happiness and Love", die Frieze startet in Seoul, und Florian Illies unterhält sich mit Giovanni di Lorenzo über Kippenberger: Das ist unsere Presseschau am Mittwoch

Kunstmarkt

Messedirektor Patrick Lee nennt in "Monocle" die Frieze Seoul einen "Eckpfeiler einer lebendigen Kulturwoche" und lobt die enge Verbindung von Kunst, Design, Musik, Film und Mode in der Stadt. Die Kunstmesse, deren aktuelle Ausgabe gerade gestartet ist, wachse kontinuierlich, mit mehr internationalen Galerien und Besuchern, und eröffne erstmals das permanente Ausstellungsprojekt Frieze House Seoul. Dort präsentiere die Ausstellung "UnHouse" Werke, die das Zuhause aus queerer Perspektive neu denken. Lee hebt besonders Blindspot Gallery, Taka Ishii Gallery und Antenna Space hervor. Für Museumsbesuche empfiehlt er Lee Bul im Leeum, Mark Bradford im Amorepacific Museum, Adrián Villar Rojas bei Art Sonje und die Seoul Mediacity Biennale. Live-Performances von Künstler*innen wie Yagwang und Ru Kim betonten die Bedeutung der gender-queeren Szene. Auf Essen und Trinken angesprochen, schwärmt Lee von Bar Cham und Golden Pig.

Anlässlich der Armory- und Independent-Messen im September zoomt Tom Seymour in "Ocula" auf den New Yorker Kunstmarkt. Trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten sei New York "einzigartig robust", erklärt Ben Sutton vom "Art Newspaper", dank seines historischen Momentum und der stark ausgebauten Infrastruktur. New York generiere bis zu 90 Prozent der US-Kunstumsätze, doch die Dominanz bringe Risiken: Galerien schließen, Auktionshäuser müssen Stellen streichen. Tom Finkelpearl betont, die Stadt sei "robust, aber fragil"; steigende Immobilienpreise und Abwanderung von Künstlern setzten das Ökosystem unter Druck. Independent fördere marginalisierte Künstler, die Armory Show hebt afroamerikanische Traditionen hervor. Galeristin Elizabeth Dee erklärt, ihr Fokus liege auf dem Markt für Kunstwerke unter 75.000 Dollar, der weiterhin aktiv sei. Sutton warnt: "Die Größe des Marktes ist zugleich größtes Asset und größte Verwundbarkeit."

Ein Jahr nach dem Tod von Frankreichs Schauspiellegende Alain Delon – der auch als großer Kunstsammler bekannt war – kocht unter seinen Kindern ein Streit um das Erbe hoch. Der jüngste Sohn Alain-Fabien Delon (31) möchte insbesondere eine Ergänzung zum Testament aus dem Jahr 2022 für ungültig erklären lassen, die seine Schwester Anouchka zur alleinigen Erbin der Urheberrechte ihres Vaters macht, wie "Le Monde" berichtet. Seiner Meinung nach war Alain Delon aufgrund seines Gesundheitszustands zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage, "mit ausreichender Einsicht" zu verstehen, was er tat. Der jüngste Sohn stützt sich dabei auf medizinische Unterlagen des Hausarztes von Delon, die ihm nach dem Tod übermittelt worden seien, berichtete die Zeitung. Alain-Fabien Delon will demnach auch eine Schenkung vom Februar 2023 zugunsten von Anouchka rückgängig machen, die 51 Prozent der Anteile an dem Unternehmen hält, das die Marke und die Bildrechte von Alain Delon besitzt. Eine erste Zivilverhandlung soll am 9. März 2026 vor dem Gericht in Paris stattfinden, so "Le Monde". Nicht angefochten wird das Testament aus dem Jahr 2015, das das Vermögen des Schauspielers, das auf mehrere Dutzend Millionen Euro geschätzt wird, in drei Teile aufteilt, wobei 50 Prozent seiner Tochter und jeweils 25 Prozent seinen Söhnen zustehen. Alain Delon war am 18. August 2024 im Alter von 88 Jahren gestorben. Schon vor dem Tod der Kino-Ikone waren die Kinder zerstritten. Tochter Anouchka lieferte sich einen auch über die Medien und soziale Netzwerke ausgetragenen Disput mit ihren Brüdern Anthony und Alain-Fabien. Dabei ging es unter anderem um die Gesundheitsversorgung des Vaters und die Frage, ob diese in Frankreich oder der Schweiz erfolgen sollte. Delon besaß eine große Sammlung an Kunstwerken, von denen er sich bereits zu Lebzeiten scheibchenweise getrennt hatte – etwa durch eine Auktion mit über 80 Gemälden, die mehr als acht Millionen Euro einbrachten. 

Podcast

In der "Zeit"-Podcastreihe "Augen zu" widmen sich Florian Illies und Giovanni di Lorenzo dem wahrhaftigen "enfant terrible" der deutschen Kunstszene: Martin Kippenberger. Der 1997 mit nur 44 Jahren verstorbene Künstler habe, so Illies, sein Leben in einen "dauernden Exzess" verwandelt, geprägt von "anarchischem Witz, großer Melancholie und einer grundsätzlichen Befragung der Rolle des Künstlers". Werke wie "Krieg böse", "Die sympathische Kommunistin" oder "Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen" unterliefen die politischen Debatten ihrer Zeit und entlarvten deren Scheinheiligkeit. Mit der Serie "Lieber Maler, male mir" habe Kippenberger zudem die Frage nach Authentizität und Autorschaft gestellt. Bis heute feiert ihn die Kunstwelt weltweit mit Ausstellungen. Kippenberger selbst träumte davon, als jemand erinnert zu werden, der "gute Laune" verbreitet. Auch Monopol hat dem Künstler eine Folge des Podcasts "Kunst und Leben" gewidmet.

Architektur

In der "Zeit" erinnert Hanno Rauterberg an Hans Stimmann, der mit 84 Jahren gestorben ist. Der Architekt und Senatsbaudirektor prägte das Berlin der Nachwendezeit wie kaum ein anderer. Sein Ziel sei es gewesen, das von Krieg und Teilung entstellte Berlin wieder "heil und schön" zu machen – ein Anspruch, der ihn zum "bestgehassten Stadtplaner der Welt" habe werden lassen. Berühmte Architekten wie Zaha Hadid oder Daniel Libeskind hielten ihn für einen Traditionalisten, während er selbst sich als geschichtsbewussten Reformer verstand. Stimmann setzte auf "kritische Rekonstruktion": Blockrand, einheitliche Traufhöhe, steinerne Fassaden. Kritiker wie Nikolaus Kuhnert warnten vor einem "Neuteutonia". Doch gerade der Streit über seine Visionen habe, so Rauterberg, das Gespräch über Architektur so lebendig gemacht wie selten zuvor. Stimmann sei bis zuletzt ein "großer Verfechter des Urbanen" geblieben. Auch Peter Richter schreibt in der "SZ", Stimmann sei "polarisierend, aber prägend" gewesen; er habe mit klarer Haltung das Hochhauswachstum gebremst und das Bürgerhaus idealisiert. Sein Architekturverständnis, betonte Stimmann selbst, basierte auf einer "Maurerlehre in Lübeck", handwerklich geprägt und politisiert durch die Studentenbewegung um 1968. Richter hebt hervor, dass Stimmann trotz Kritik von Stararchitekten stets unbeirrt blieb. 

Bücher

Andrew Key schreibt im "Spike"-Magazin über Zoe Dubnos Debütroman "Happiness and Love" (2025), der die Apathie und Oberflächlichkeit der Kunstwelt zeige. Key berichtet, Dubno beschreibe "nicht Künstler, sondern Art-World-Operatoren, bei denen Neugierde instrumentalisiert, Geschmack zu Status und Intimität zu sozialem Kapital degradiert wird". Sie erzählt von einem Abendessen unter Kunstweltfreunden, das von Eitelkeiten, Drogen und Machtspielen geprägt ist. Die Erzählerin beobachtet "mit forensischer, grausamer Distanz" und erkennt zugleich ihre eigene Beteiligung an diesem System. Key hebt hervor, dass Dubno die emotionale Leere einer Generation zeigt, "die fließend die Sprache der Kreativität spricht, aber zu hohl ist, um wirklich daran zu glauben". In "Frieze" schreibt Zoe Dubno selbst über die Bücher, die sie beeinflussten. Form und Struktur habe sie von Thomas Bernhards "Die Holzfäller" übernommen, weitere Einflüsse seien unter anderem Seth Prices "Fuck Seth Price", Saul Bellow ("Ravelstein"), Doris Lessing ("A Small Personal Voice") und Simone de Beauvoir ("Die Mandarins"). Price zeige, dass die Kunstwelt "keine Akkreditierung verlangt, Regeln brechen und Bullshit tolerieren" müsse. Lessing betone, dass der Roman "als kleine persönliche Stimme" direkt zu Menschen spreche.