Debatte
In "Artforum" bilanziert Diedrich Diederichsen einen "Krieg gegen die Bohème". Der oft zitierte Satz "Berlin ist vorbei" führe zu der Frage, was an einem Modell zerbrach, das auf "billigen Mieten, Tourismus und einer kunstfreundlichen Bohème" beruhte. Diederichsen beschreibt, wie politische Eingriffe – von abgesagten Ausstellungen bis zu "strategischen Antisemitismusvorwürfen" – eine neue Repressionsphase markieren. Künstler würden "wie spekulative Risiken" behandelt, während die Bohème ökonomisch kollabiere. Der frühere Kompromiss zwischen kritischer Kunst, Staat und Kapital sei beendet; nun drohe eine Kultur, die "Ungleichheit als Ideal" feiert. Berlin, schreibt er, sei "als Zufluchtsort für die Bohème – und für jene, die sie noch dringender brauchen – vorbei".
Die Kriegsschauplätze des Kulturkampfs sind oft bizarr. "Artnet News" berichtet vom Diebstahl der Jesusfigur aus der neuen Krippe am Brüsseler Weihnachtsmarkt – einem Werk der deutschen Künstlerin Victoria-Maria Geyer. Die gesichtslosen Stofffiguren sollten laut Geyer ermöglichen, dass sich "jeder Katholik … identifizieren kann", wurden jedoch politisch ausgeschlachtet. MR-Parteichef Georges-Louis Bouchez nannte sie "Zombies" und "in keiner Weise den Geist von Weihnachten repräsentierend", während Parteikollege Michel De Maegd zwar mangelnde "Sensibilität" monierte, die Instrumentalisierung aber verurteilte. Streit löste auch der Preis von 65.000 Euro aus. Bürgermeister Philippe Close forderte "Mäßigung" und kündigte eine Überprüfung des Designs an. Die gestohlene Figur wurde ersetzt.
Kunstmarkt
In "ArtNews" analysiert Sarah Douglas den veränderten Hallenplan der Art Basel/Miami Beach – ein Symptom eines "wackeligen Marktes" für junge Gegenwartskunst. Sie beobachtet, dass deutlich mehr Galerien im Hauptsektor Stände teilen. Zudem seien die Verschiebung der "Positions"-Sektion und ein neuer Digital-Art-Bereich bemerkbar. Als "große Nachricht" zitiert Douglas Pace-Partner Marc Glimcher, der behauptet, es gebe "keine wirklich großartigen Galerien für den Sekundärmarkt" – eine Aussage, die sie als fragwürdig einordnet. Im Fokus der Messe stünden nun teure Zweitmarkt-Werke wie Jeff Koons’ "Balloon Venus Lespugue (Red)" sowie Raritäten von Frida Kahlo. Im "Art Newspaper" beschreibt Carlie Porterfield, wie die Messe trotz schwachen Weltmarkts Optimismus zeigt. Direktorin Bridget Finn sagt, starke Verkäufe in Paris seien ein "großartiger Indikator" gewesen; viele erwarteten, das Jahr positiv zu beenden. Rückzüge einzelner Galerien deuteten laut Finn eher auf "komplexe Marktbedingungen" als auf Misstrauen hin. Nova und Positions seien erstmals an den Eingang verlegt worden, um neue Stimmen sichtbarer zu machen. Zudem startet die Digital-Sektion Zero 10. Die ortsansässige Galeristin Nina Johnson betont, Messen funktionierten nur mit "strategischer Vision" und spricht angesichts des Rechtsrucks in Florida von einer "tiefen Sorge". Zugleich wolle sie ihre Galerie als "sicheren, feiernden Raum für queere Kultur" behaupten.
In der "taz" beschreibt Benno Schirrmeister das Non-Profit Save the Artistic Heritage, das mit Cinello täuschend echte digitale Reproduktionen alter Meister verkauft. Offiziell gehe es um Zugänglichkeit; Gründer John Sergio Blem versichert, eine Beteiligung der Museen sei "wesentlicher Bestandteil des Projekts". Doch der Slogan "Own the Impossible" klinge eher nach Geschäft, schreibt Schirrmeister süffisant: Für ein paar Hunderttausend Euro bekomme man nun einen "Digital-da-Vinci". Zugleich werde mit Kopien längst der Schutz überlaufener Originale begründet. Abschließend erinnert er an Ernst Gombrich, für den ein Werk "das Endergebnis eines langen Weges durch Schemata und Korrekturen" sei – Spuren, die Digitalität nur vortäuschen könne.
Ausstellung
Im "Observer" würdigt Jordan Riefe die 40 Jahre der Guerrilla Girls, deren größte Retrospektive im Getty Research Institute (GRI) läuft. Co-Kuratorin Kristin Juarez sagt, das Archiv zeige, "wie sie gemeinsam dachten und arbeiteten". Ein neues Werk konfrontiert alte Meister: "Zu viel Gewalt heute? Dann schaut euch diese alten Meisterwerke an." GRI-Mitarbeiterin Zanna Gilbert betont, das Kollektiv sammele seit jeher Daten, um Institutionen "rechenschaftspflichtig" zu machen; das Kunstsystem selbst sei das Problem. Die Girls hätten nie versucht, ihre Werke zu verknappen – ein Gegenmodell zum Markt. Seit den 1980ern hätten sie mit Humor, Statistiken und Masken den Sexismus der Branche offengelegt. Wandel gebe es, sagt Juarez, doch "um relevant zu bleiben", müssten Institutionen ihre Communitys wirklich spiegeln.