Venedig-Biennale
Kurz vor Beginn der Kunstbiennale in Venedig und nach dem Rücktritt der gesamten Jury gerät nun auch der Leiter Pietrangelo Buttafuoco zunehmend in die Kritik. Italiens Kulturminister Alessandro Giuli warf dem Biennale-Präsidenten vor, mit der Wiederzulassung von Russland zu der sechsmonatigen Ausstellung Neben-Außenpolitik betreiben zu wollen und damit gescheitert zu sein. "Er ist Opfer einer pazifistischen Fantasie geworden", sagte Giuli der Zeitung "La Repubblica". Der Journalist und Schriftsteller Buttafuoco leitet die Kunstbiennale seit März 2024. Ernannt wurde er von der rechten Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Der 62-Jährige kommt ebenfalls aus dem rechten Lager und galt bislang als Freund des heutigen Kulturministers. Nun warf ihm Giuli jedoch vor, eine Art "Vereinte Nationen der Kunst" geplant zu haben. "Am Ende gab er sich der Illusion hin, Außenpolitik betreiben zu können. Das ist jedoch Aufgabe der Regierung und des Parlaments." Die Biennale habe einen beträchtlichen "Imageschaden" erlitten.
Niklas Maak in der "FAZ" die Biennale als Symptom einer überforderten Kunstwelt. Es sei "ein trauriges Charakteristikum", dass mehr über Boykotte als über Kunst gesprochen werde. Maak kritisiert vor allem die moralische Pauschalisierung der Jury: Künstler würden "wegen ihrer Herkunft etwa aus Israel über einen Kamm" geschoren. Eine Argumentation wie die, dass jeman keinen Preis kriegt, nur weil er aus Israel kommt, zeige, "wie heruntergekommen Teile der Kunstszene sind". Am Beispiel von Belu-Simion Fainaru, dem Künstler des israelischen Pavillons, hebt Maak hervor, dass differenzierte Positionen keine Rolle spielten, obwohl solche Stimmen für Verständigung nötig wäre. Auch Marcus Woeller sieht in der "Welt" den Rücktritt als Zeichen einer Krise. Die Jury habe, so Woeller, noch vor der Sichtung der Werke entschieden, "wem Anerkennung prinzipiell nicht zustehen sollte" – und damit ein "politisches Tribunal" statt eines Kunstgremiums geschaffen. Der Rücktritt sei daher "ihre erste richtige Entscheidung". Woeller stellt dem die Position der Biennale-Leitung gegenüber, die die Rückkehr Russlands verteidigt und die Institution als offenen Raum beschreibt. Während die Jury Boykott praktiziere, habe die Leitung Inklusion betont. Beides zusammen zeige "institutionellen Kontrollverlust". Auch die nachfolgende Lösung – ein Publikumspreis statt Juryentscheidungen – beschreibt Woeller als Verlegenheitslösung, die kurzfristig die Lücke schließe, aber die Frage nach einer urteilsfähigen Jury offenlasse.
Kulturpolitik
In der "wochentaz" zieht Dirk Knipphals eine vernichtende Bilanz von Wolfram Weimers erstem Amtsjahr. Dessen programmatische Sätze – "Der einzige Kulturkampf, den ich führen werde, ist der Kampf für die Kultur" und Kulturpolitik solle "nicht von oben herab" agieren – stünden im krassen Gegensatz zur Praxis. Weimer habe sich, wie Knipphals unter Verweis auf ein "Zeit"-Porträt schreibt, "im Kulturkampf verirren" lassen; Eingriffe etwa in Jurys wirkten wie "blanker Hohn". Knipphals nennt ihn einen "Dampfplauderer", kritisiert aber vor allem seinen Kulturbegriff: ein "unkritisches Behagen am Kulturellen", das angesichts rechter Kulturpolitik nicht mehr haltbar sei. Deren Anspruch, etwa bei der AfD, "das Deutschtum wieder ins Zentrum der Kultur zu stellen", mache eine klare Position nötig – die Weimer nicht liefere. Seine Selbstbeschreibung als "geistige Brandmauer" erscheine daher "hilflos".
Juliane von Mittelstaedt zeigt im "Spiegel", wie Saudi-Arabien Kulturpolitik als Stabilitätsinszenierung nutzt: Während der Iran-Krieg eskaliert, eröffnet in Riad ein spektakuläres Kunstmuseum als Teil der "Vision 2030". Der Kulturminister preist es als "wichtigen Meilenstein im Kunstsektor" und als Raum für "Reflexion und kritisches Denken". Laut von Mittelstaedt dient diese Normalitätsrhetorik dazu, Investoren und Touristen zu beruhigen, obwohl Projekte bereits unter Druck geraten. Hinter der Fassade wachse die Nervosität; ein Beobachter sagt: "Die Unsicherheit ist der neue Status quo.“ Kultur wird so zur politischen Kulisse – und zum Instrument, um trotz Krise das Bild eines offenen, zukunftsorientierten Staats aufrechtzuerhalten.
Kunstmarkt
Niklas Maak beschreibt das Gallery Weekend Berlin in der "FAZ" als Spannungsfeld zwischen Kunst, Markt und Sichtbarkeit. Zwar zeige das Format, "wie attraktiv die Hauptstadt trotz der globalen Marktkrise immer noch für die Kunst ist", zugleich gebe es aber auch "echte Sackgassen". Berlin verfüge weiterhin über "eine spannende, neue Generation von Künstlern, Kuratoren, Galeristen und Sammlern". Gleichzeitig kritisiert er die Verschiebung der Aufmerksamkeit hin zu besonders sichtbaren, fotogenen Arbeiten. Beeples Roboterhunde in der Neuen Nationalgalerie nennt er "der beste Freund der Instagramer" und fragt, ob das "gute Kunst" sei, während vergleichbare Positionen in kleineren Galerien weniger Beachtung fänden. Im "Art Newspaper" beschreibt Kabir Jhala das Gallery Weekend in einer Phase einer "Identitätskrise" der Stadt: Die früheren Versprechen extrem günstiger Mieten und ungehemmter Ausdrucksfreiheit seien verschwunden oder hätten sich als Illusion erwiesen. Vor diesem Hintergrund entstehe eine Situation, in der sich, wie es heißt, "alles neu sortiert wird". Doch das Gallery Weekend wächst zwar auf 57 Teilnehmer, die Auswahl sei aber "mehr oder weniger jedes Jahr dieselbe", was regelmäßig Vorwürfe von Elitismus auslöse, auch wenn die Organisatoren auf begrenzte räumliche Kapazitäten verweisen. Jhala schildert zugleich die Einführung des Bereichs "Perspectives", der jüngeren und kleineren Galerien den Einstieg erleichtern soll. Trotz reduzierter Teilnahmegebühren heiße es aus der Szene, die Preise stiegen überall, während die Verkäufe nicht mithielten.
Nachruf
Im Deutschlandfunk würdigt der Maler Norbert Bisky seinen Lehrer Georg Baselitz als prägende Figur. Er habe "Generationen von Studierenden geprägt" und von Beginn an alles infrage gestellt: "Hören Sie auf zu malen, gehen Sie nach Hause, zeichnen Sie Ihre Träume." Bisky beschreibt Baselitz als radikalen Lehrer, der keine Bestätigung gab, sondern "immer eine knallharte Auseinandersetzung" suchte und Fragen stellte wie: "Was machst du hier? Warum machst du das?" Lob habe es nicht gegeben, vielmehr habe er Eigenständigkeit eingefordert und Nachahmung unterbunden. Auch im Werk hebt Bisky die Konsequenz hervor: Selbst das Altern habe Baselitz in seine Malerei integriert, etwa indem er Spuren eines Rollators in die Farbe einarbeitete.Seine Haltung beschreibt Bisky als skeptisch gegenüber Ideologien und Gefälligkeit. Baselitz habe "Debatten wirklich gesucht", "Widerspruch" gewollt und keine Zustimmung – eine künstlerische Haltung, die über Generationen wirke.