Medienschau zur Biennale

"In Venedig gesehen, in Venedig gekauft"

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Die Biennale als Verkaufsplattform, Iran nimmt nicht teil, Anish Kapoor fordert Ausschluss der USA und Kulturpolitik unter Meloni: Das ist unsere Medienschau am Dienstag mit einem Venedig-Spezial 

Der Iran wird nicht an der Biennale teilnehmen. Das teilte die Leitung nach italienischen Medienberichten mit. Gründe wurden nicht genannt. Ein anonym bleibender, mit dem Auswahlprozess vertrauter Insider erklärt gegenüber der "Art Newspaper", die Absage sei angesichts politischer und wirtschaftlicher Krisen wenig überraschend gewesen. Selbst die Logistik eines Transports nach Venedig sei derzeit kaum möglich, da es "keine Flüge und keinen Postverkehr" gebe. Zudem sei Irans Biennale-Präsenz in den letzten Jahren eher schwach gewesen und habe die unabhängige Kunstszene kaum abgebildet. Iran nimmt seit 1956 mit Unterbrechungen in Venedig teil, seit 2015 wieder regelmäßiger.

Anish Kapoor fordert den Ausschluss der USA von der Biennale, wie der "Guardian" berichtet. Der Künstler begrüßt zwar den Rücktritt der Jury als "mutig", kritisiert jedoch, dass dabei die USA nicht einbezogen wurden. Wörtlich fordert er, die Vereinigten Staaten hätten wegen ihrer "abscheulichen Politik des Hasses" und ihrer "anhaltenden Kriegstreiberei" ebenfalls ausgeschlossen werden sollen.

In "ARTnews" berichtet Maximilíano Durón über eine Gedenkinstallation des Künstlers Derrick Adams: Er wird ein monumentales Fassadenbanner für die verstorbene Kuratorin Koyo Kouoh zeigen, die als künstlerische Leiterin der Hauptausstellung vorgesehen war. Das Werk zeige Kouoh als collageartige Porträtfigur mit dem Schriftzug "JOY" und wird öffentlich nahe dem Arsenale installiert. 

Olamiju Fajemisin beschreibt in "Ocula" Koyo Kouohs plötzlichen Tod als historischen Einschnitt, da erstmals eine Biennale ohne die sie leitende Person eröffnet werde und ihre kuratorische Autorität damit nachträglich entkoppelt sei von ihrer eigenen Stimme. Fajemisin betont, dass Kouoh eine präzise und widerspruchsresistente Figur gewesen sei, deren Arbeit auf Dialog und kritische Institutionenbildung zielte. Zugleich zitiert er ihre programmatische Haltung, die darauf abzielte, "Geschichten und Konzepte nicht zu legitimieren, sondern zu unterbrechen". Gerade diese Idee drohe nun, so der Autor, ohne ihre aktive Präsenz umgedeutet zu werden. Die Biennale "In Minor Keys", die Kouoh entwickelt hatte, wird als Konzept von "Langsamkeit, Zuhören und Reparatur" beschrieben. Fajemisin warnt jedoch, dass das Projekt ohne sie selbst Gefahr laufe, von außen interpretiert und damit in eine neue Lesbarkeit überführt zu werden, die nicht mehr ihrer Intention entspricht. Zentral ist seine These, dass Schwarze kuratorische Stimmen im Kunstsystem häufig erst posthum vollständig sichtbar werden – allerdings nicht als handelnde Subjekte, sondern als Objekte der Deutung. Kouohs Tod erscheint so nicht nur als biografisches Ereignis, sondern als struktureller Moment innerhalb eines größeren kulturellen Musters.

Amy Kazmin berichtet in der "Financial Times" über Kulturkonflikte unter Giorgia Meloni. In der Oper La Fenice verlor Beatrice Venezi ihren Posten, nachdem sie das Orchester als "Nährboden der Vetternwirtschaft" bezeichnet hatte, in dem Positionen "vom Vater auf den Sohn weitergegeben" würden. Die Regierung versuche laut Bericht, Kulturinstitutionen stärker zu steuern und eigene Personalentscheidungen durchzusetzen; ein im Artikel zitierter Kulturakteur spricht von politisch motivierten Besetzungen ohne ausreichende Fachkenntnis, die zwangsläufig zu Konflikten führten. Auch die Biennale ist betroffen: Wegen der erneuten Teilnahme Russlands trotz Ukrainekrieg kürzt die EU Fördermittel, die Jury tritt geschlossen zurück, und der Kulturminister sagt seine Teilnahme ab. Politologin Marianna Griffini deutet dies als ideologisch aufgeladene Kulturpolitik, in der sich Regierungsanspruch und institutionelle Realität zunehmend widersprechen.

Im "Art Newspaper" berichten Gareth Harris und Anny Shaw, dass die Biennale von Venedig ihre nicht-kommerzielle Fassade zunehmend verliert. Zwar sei sie offiziell eine staatlich subventionierte Institution, doch in diesem Jahr werde der Verkauf von Kunstwerken offen praktiziert. Erstmals zeigt Christie’s eine exklusive Verkaufsausstellung in Venedig mit Werken bis zu 50 Millionen Dollar. Ein Verantwortlicher erklärt, es sei "eine Premiere, eine Auswahl von Werken für unsere wichtigsten Klienten zu zeigen, die gerade in der Stadt sind". Er sieht Venedig als Ort, an dem sich "kommerzielle und institutionelle Initiativen kompatibel verhalten können". Auch andere Akteure betonen die Marktlogik: Ein Galerist sagt, es gebe "kein gutes System mehr, um diese Projekte zu finanzieren", daher müssten Händler "zunehmend einspringen" und die Kosten über Verkäufe decken. Das Autorenduo verweist zudem auf den steuerlichen Vorteil Italiens mit nur fünf Prozent Mehrwertsteuer, der "den Endpreis für Sammler deutlich senken kann". Ein Sammler beschreibt Venedig als "einzigartig effektive Plattform, in der institutioneller Diskurs und Marktpräsenz zusammenkommen". Am Ende steht der Befund, dass sich die Biennale von der zurückhaltenden Formel "sehen in Venedig, kaufen in Basel" zu einem offenen "sehen und kaufen in Venedig" entwickelt habe.