Debatte
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer übt scharfe Kritik an Eingriffen in die Freiheit der Kunst. "Die freiheitsfeindliche Übergriffigkeit der Linken hat in der Cancel Culture ihr aggressives Gesicht", schrieb Weimer in einem Beitrag für die "SZ". Jüngstes Beispiel sei die Entfernung einer nackten Venus-Statue aus einer Berliner Behörde wegen des Vorwurfs der Frauenfeindlichkeit (siehe Medienschau vom 21. Mai). "Es ist nicht übertrieben, von einem Akt kulturferner Ignoranz zu sprechen", schrieb Weimer. Die simple Gleichung, weibliche Nacktheit sei per se sexistisch und habe in der Öffentlichkeit nichts zu suchen, wirke wie das Credo eines jakobinischen Bildersturms. "Sein modernes Pendant, der Shitstorm, gehört mittlerweile zum festen Inventar radikal-feministischer, postkolonialer, öko-sozialistischer Empörungskultur." Die Bronze-Statue der Venus Medici war einem Bericht der "Bild"-Zeitung zufolge aus dem Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen (BADV) in Berlin entfernt worden. Vorangegangen war demnach ein Hinweis der Gleichstellungsbeauftragten der Behörde. "In einem gesellschaftlichen Klima, dessen Taktung von linkem Alarmismusvorangetrieben wird, scheint vorauseilender Gehorsam, Bevormundung und Sprachwächtertum die Ultima Ratio zu sein", schrieb Weimer. "Aber auch die rechten und rechtsradikalen bis rechtsextremen Kulturkampfreflexe lassen nichts an Engstirnigkeit vermissen." Als Beispiel nannte er die Entlassung einer Lehrerin in Florida, die ihren Schülern den unbekleideten David von Michelangelo gezeigt habe. "Sowohl linke als auch rechte Eiferer trauen weder der Freiheit der Kultur noch der Kompetenz des Bürgers, sich in aller Freiheit ein eigenes Urteil zu bilden", schrieb der Kulturstaatsminister. Und er fuhr fort: "Wenn die Künste im Namen eines neuen Tugendterrors kanonisiert werden, gängelt man ja nicht nur die Künstler, vor allem bevormundet man die Adressaten." Die liberale Antwort laute, keinen politischen Einfluss zu nehmen, sondern die Freiheit der Kunst zu verteidigen. "Die Korridore des Sagbaren, Erkundbaren und Darstellbaren möglichst weiten, anstatt sie zu verengen", meinte Weimer. Der Kulturstaatsminister hatte sich zuletzt bereits besorgt über die Gefahren durch einen "globalen Kulturkampf" geäußert (siehe Medienschau vom Montag). Diesen gebe es nicht nur in neonationalistischen Diktaturen wie China oder Russland, sondern auch im Westen.
Unter dem provokanten Titel "Die Löcher im politischen Denken von Hito Steyerl" analysiert Larissa Pham in "Art in America" das neue Buch "Medium Hot: Images in the Age of Heat" der deutschen Künstlerin. Pham würdigt Steyerls Engagement gegen Überwachung, Umweltzerstörung und Ausbeutung durch KI, konstatiert aber auch Widersprüche in ihrer Haltung. So geißelt Steyerl etwa die Rolle von KI in der Kriegsführung und nennt Gaza und die Ukraine "Laboratorien" westlicher Waffenindustrie. Zugleich vermeidet sie klare Positionierungen zu konkreten Konflikten – ein "seltsames Vakuum", wie Pham schreibt. Steyerl warnt vor der Vereinnahmung der Kunst für politische Agenden, nennt dies "die dümmste Strategie". Trotz ihrer scharfen Kritik bleibt sie laut Pham erstaunlich neutral: "Wenn jemand sagt, du hast keine Wahl, dann solltest du Nein sagen", schreibt Steyerl – doch sie selbst tut es nicht.
Malerei
Im "Atlantic" porträtiert Jane Yong Kim die verstorbene US-amerikanische Malerin Christina Ramberg als präzise Beobachterin weiblicher Selbstinszenierung. Rambergs Werk zeige, wie stark Weiblichkeit durch äußere Zwänge – etwa Mode oder gesellschaftliche Erwartungen – geformt sei. Inspiriert vom Anblick ihrer Mutter im Korsett, habe Ramberg laut Kim "Faszination und Abscheu" gegenüber der weiblichen Verwandlung empfunden. Ihre flächigen, oft gesichtslosen Gemälde zeigen Körperfragmente, die von Kleidung und Haararrangements deformiert werden. Die Kunsthistorikerin Riva Lehrer erklärt: "Ohne Gesicht muss der Körper alles erzählen." Rambergs Bilder, so Kim, entlarven die Konstruktion des Weiblichen – mal verspielt, mal düster – und fragen: Sind wir das, was wir uns anlegen?
Landschaftsarchitektur
In einer "Tagesspiegel"-Reportage porträtiert Gunda Bartels das in Berlin ansässige Landschaftsarchitekturbüro Atelier le balto. Die fünfköpfige Gruppe gestaltet naturnahe Gärten für Kulturinstitutionen wie das Brücke-Museum oder das Kunstgewerbemuseum. Für den dort entstehenden Hofgarten "Respiration", den Direktorin Sibylle Hoiman als "komponiertes Kunstwerk" beschreibt, arbeitet das Atelier ausschließlich mit lebendem Material – Mulch aus Altpflanzen, "Zukunftsbäume" in Gruppen, Pflanzinseln als "grüne Wolken". Pflanzliches Wachstum steht für gesellschaftliche Teilhabe und Transformation. Marc Pouzol beschreibt das Selbstverständnis des Büros so: "Wir sind die Botaniker unter den Landschaftsarchitekten."
Bildpolitik
In der "SZ" beschreibt Peter Richter das neue offizielle Präsidentenporträt von Donald Trump als eine drastische Inszenierung. Trump ersetzt bereits zum zweiten Mal sein Porträt – ein Bruch mit der Tradition, der laut Richter Teil seiner Selbstinszenierung als kompromissloser Einzelkämpfer sei. Der düstere Ausdruck, das Licht-Schatten-Spiel und das Verschwinden der US-Flagge im Hintergrund deute auf nicht weniger hin als auf "die Einführung des Caravaggismus in den staatlichen Bildgebrauch der Vereinigten Staaten". Der werde hier jedoch kaum als Bescheidenheits-Gestus, sondern zur dramatischen Selbsterhöhung eingesetzt. "Die ganze Staatlichkeit", so Richter, werde im Porträt nun von Trump selbst repräsentiert. Auch die goldene Rahmung und das prunkvolle Interieur des Weißen Hauses deuteten eher auf barocke Pracht als auf republikanische Zurückhaltung hin.
Museen
Jeremy Harding beschreibt in der "London Review of Books" seinen Besuch im Africa Museum im belgischen Tervuren und beleuchtet die Herausforderungen der Dekolonisierung. Besonders eindrücklich ist das Werk "Tonga" des kongolesischen Künstlers Nada Tshibwabwa, das aus Handy-Schrott gefertigt ist und laut Harding "eine Parodie auf frühneuzeitliche Plattenrüstungen" darstellt. Die Ausstellung thematisiert die blutige Geschichte des Koltan-Abbaus im Kongo und die Rolle Belgiens als Kolonialmacht. Harding kritisiert, dass die Provenienzforschung allein nicht ausreiche, um Restitution zu ermöglichen: "Provenienz mag sogar ein Hindernis sein", zitiert er die Galeristin Anne Wetsi Mpoma. Das Museum ringt laut Harding weiterhin mit seiner kolonialen Vergangenheit, denn "die koloniale – und postkoloniale – Vergangenheit ist in Belgien weiterhin umstritten".