Debatte
Im "Spiegel"-Gespräch mit Konstantin von Hammerstein und Roland Nelles beschreibt Kulturstaatsminister Wolfram Weimer den Aufstieg der AfD als "Defining Moment" der Republik. Die Regierung müsse das Land wie ein "Patient am OP-Tisch" stabilisieren und durch Reformen wieder handlungsfähig machen. Zentrale Aufgabe sei wirtschaftlicher Aufschwung, denn "It’s the economy, stupid!". Die AfD versteht Weimer als "Projektionsfläche für Protest", entstanden aus Krisenerfahrungen und gesellschaftlicher Polarisierung. Gleichzeitig warnt er, dass sich die politische Mitte zu lange aus kulturellen Debatten zurückgezogen habe. Wenn etwa Symbole oder Orte wie die Deutschlandfahne oder das Hambacher Schloss von der AfD "besetzt" würden, müsse die demokratische Mitte dagegenhalten: "Wir als Mitte müssen das besetzen." Die politischen Extreme beschreibt er als von "Ressentiment" geprägt, während die Mitte dem besseren Argument vertraue und sich als "Kinder der Aufklärung" verstehe. Ziel sei eine erneuerte Selbstbehauptung der demokratischen Mitte als "Smart Nation": "Wir sind lieber Bessermacher als Besserwisser".
Christine Lemke-Matwey kritisiert in der "Zeit" das Verhalten von Wim Wenders im Umgang mit einer Nacktszene der damals 13-jährigen Nastassja Kinski in "Falsche Bewegung". Sie beschreibt seinen Auftritt bei der Verleihung der Ehren-Lola als verpasste Gelegenheit zur Verantwortung: Wenders habe zwar gesagt, "dass die 'Sensibilitäten' sich geändert hätten" und er es heute nicht mehr so machen würde, eine echte Entschuldigung aber vermieden. Die Autorin wirft ihm vor, das Thema rhetorisch umzudeuten, statt sich der persönlichen Verantwortung zu stellen, und spricht von einer "perfekten Blaupause", wie sich Macht und künstlerisches Selbstverständnis verbinden. Besonders deutlich wird ihre Kritik an der Branchenreaktion, die sie als Teil eines Systems beschreibt, das "das Bild des künstlerischen Genies aufrechtzuerhalten" versucht und Verfehlungen lange relativiert habe. Im Zentrum steht der Vorwurf, Wenders habe eine Minderjährige nicht geschützt und damit eine Grenzüberschreitung ermöglicht, die bereits 1974 unter Jugendschutz gefallen sei. Die Autorin betont, dass es nicht um die Verwerfung des Werks gehe, sondern um Verantwortung gegenüber der Schauspielerin. Eine klare Entschuldigung wäre, so ihr Fazit, möglich und überfällig gewesen. Für Monopol hat Daniel Kothenschulte den Fall kommentiert.
Museen
Olga Kronsteiner kommentiert in ihrer "Standard"-Kolumne die Einführung von temporärem Gratiseintritt im Wiener Mumok unter der neuen Generaldirektorin Fatima Hellberg und stellt dabei vor allem Fragen der Transparenz und Finanzierung. Der freie Eintritt bis Ende September werde als Maßnahme zur Steigerung der Besucherzahlen verstanden, nachdem diese zuletzt deutlich gesunken seien, bedeute aber zugleich einen Verzicht auf Ticketerlöse in einer Phase drohender Einsparungen. Kronsteiner hebt hervor, dass die Entscheidung intern offenbar nicht konfliktfrei verlaufen sei und durch Gremien und Umlaufbeschlüsse abgesichert wurde. Besonders kritisch sieht sie die Finanzierung über das Mumok-Board sowie zusätzliche "anonyme Private", deren Beweggründe unklar bleiben. Dass diese Förderer auf Anonymität bestehen, werfe Fragen nach möglichen Interessenverflechtungen auf, etwa im Hinblick auf spätere Leihgaben oder museale Sichtbarkeit. Die Autorin betont, dass zwar formale Compliance-Richtlinien eingehalten würden, die fehlende Transparenz jedoch problematisch bleibe. Insgesamt entstehe der Eindruck, dass wirtschaftliche und strukturelle Entscheidungen zunehmend in intransparenten Grauzonen getroffen würden – und dass der Gratiseintritt "den Preis der Geheimniskrämerei" habe.
Frank Rose beschreibt in der "New York Times" das neue Museum Dataland in Los Angeles, das vollständig der KI-generierten Kunst von Refik Anadol gewidmet ist. Rose schildert, wie Anadol Daten aus der Natur, etwa aus dem Amazonas-Regenwald, in sich ständig verändernde visuelle Muster übersetzt: Lichtstrukturen, Farbströme und bewegte Bilder, die den Raum vollständig durchdringen. Anadol selbst erklärt einzelne Sequenzen als "schöne Muster von Schmetterlingsflügeln" und verweist damit auf die Datenbasis seiner KI-gestützten Bildwelten. Rose beschreibt Dataland als ambitioniertes Projekt an der Schnittstelle von Kunst und Technologie, das weniger klassische Werke zeigt als immersive, datengetriebene Umgebungen. Im Zentrum steht die Frage, ob diese neue Form der KI-Kunst eher als ästhetische Innovation oder als Spektakel wahrgenommen wird.
Kunstmarkt
Melanie Gerlis kommentiert im "Art Newspaper" die angekündigte Schrumpfstrategie der New Yorker Galerie Pace, die Personal abbaut und ihr Künstlerportfolio reduziert. Die Galerie spreche selbst von einem "nicht mehr reparierbaren Modell": Das klassische Mega-Galerie-System aus Expansion und steigenden Preisen sei "nicht mehr nachhaltig" und diene weder Institution noch Künstlern. Gerlis deutet diesen Schritt als Teil eines größeren Strukturwandels im Kunstmarkt, in dem nicht nur Expansion, sondern zunehmend auch Rückbau zum Geschäftsmodell wird. Neben Pace verweist sie auf weitere Schließungen wie die London-Lagos-Galerie Tiwani Contemporary und beschreibt steigende Kosten sowie Unsicherheiten als branchenweite Realität. Die Autorin argumentiert, dass "weniger" zum neuen "mehr" werde: kleinere Strukturen, selektiveres Arbeiten und bewusster Verzicht auf Wachstum könnten kurzfristig Stabilität sichern. Gleichzeitig warnt sie jedoch, dass ein konsequentes "Less-is-more"-Modell im globalen Wettbewerb schwer durchzuhalten sei, da große Akteure weiter wachsen und dominieren. Abschließend fordert sie mehr kollektive Organisation der Branche, etwa über Messen und Netzwerke, um politischen und wirtschaftlichen Druck besser abzufedern.
Venedig-Biennale
Boris Pofalla erinnert in der "Welt am Sonntag" (jetzt online) an Sigmar Polkes "Triumph" auf der Biennale von Venedig 1986 und berichtet über eine neue Ausstellung mit bislang kaum gezeigten Fotografien aus dem Umfeld des preisgekrönten Beitrags "Athanor". Der Titel verwies auf den alchemistischen Ofen zur Herstellung des Steins der Weisen – ein passendes Bild für Polkes Kunstverständnis, denn für ihn sei ein Werk stets auch ein Prozess gewesen. Im Spazio Ravà in Venedig werden nun Silbergelatineabzüge gezeigt, die Polke Anfang 1986 bei der Vorbereitung seines Biennale-Beitrags schuf. Pofalla beschreibt, wie der Künstler Negative manipulierte, Mehrfachbelichtungen einsetzte und Zufälle produktiv machte. So verschmelzen der deutsche Pavillon, Venedig und Motive von Salvador Dalí zu traumartigen Bildwelten. Die Fotografien seien weder Dokumentation noch klassische Kunstfotografie, sondern Experimente, die eher Ahnungen erzeugten als eindeutige Aussagen. Polkes Umgang mit dem historisch belasteten deutschen Pavillon habe sich dabei deutlich von späteren Beiträgen unterschieden: Die Veränderung fand nicht an der Architektur statt, sondern im Bild selbst.
Marcus Woeller kritisiert in der "Welt" den Protest von mehr als 70 Biennale-Künstlern gegen die neu eingeführten Publikumspreise. Die Forderung, ihre Namen von den Stimmzetteln zu streichen, sei "die nächste Anmaßung in einer Kette von Anmaßungen" und offenbare eine "Kontrollgeste". Die Künstler wollten sich nicht erst einem möglichen Preis verweigern, sondern bereits "der Möglichkeit entziehen, gewählt zu werden". Die stumpf auf Triggerpunkte zielenden "Welt"-Redakteure haben dem Beitrag deshalb auch den Titel "Gesinnungsverwaltung" verpasst. Soll die Künstler also schön die Klappe halten und Kontrolle abgeben – und wenn ja, an wen? Zugleich hält Woeller die von der Biennale nach dem Rücktritt der Jury eingeführten "Visitors’ Lions" für eine "von Anfang an die falsche Entscheidung". Der Versuch, diese "Notlösung" nun auch noch von Künstlerseite zu unterlaufen, mache die Situation "nur noch absurder". Wer die Biennale tatsächlich für "untragbar" halte, müsse konsequent handeln und seinen Beitrag ganz zurückziehen.