Ausstellung
Der südafrikanische Künstler William Kentridge wird zum 70. Geburtstag mit einer Doppelausstellung in Essen und Dresden geehrt. Bekannt wurde er in den 1980er-Jahren mit animierten Kohlezeichnungen gegen Rassismus und Kolonialismus. "Seine Kunst erinnert daran, dass sich alles verändern lässt – wegwischen, neu zeichnen, wieder beginnen", erklärt Monopol-Chefredakteurin Elke Buhr im SWR Kultur. Kentridge arbeitete von der Zeichnung aus, doch seine Werke entfalten sich in Filmen, Installationen und raumgreifenden Projektionen. In Essen thematisiert er den Bergbau, in Dresden eine Prozession zwischen Demonstration und Totentanz. Besonders seine Projektion "More Sweetly Play the Dance" zeige, so Buhr, Migration, Trauer und Hoffnung zugleich. Kentridge stelle eingefahrene Gedanken infrage, "wenn Kunst Bewegung zeigt, bleibt auch unser Denken beweglich".
Die Ausstellung "Sex Now" im NRW-Forum Düsseldorf zeigt rund 400 Werke rund um Sexualität, von Sextoys bis Kunstinstallationen, ist aber nur für Erwachsene zugänglich. Alexander Menden kritisiert in der "SZ", dass trotz des pädagogischen Anspruchs die Exponate oft banal wirken. Zwar werde "Sex-Positivität" propagiert, doch der Besuch führe eher zu Überreizung und Fragezeichen: "Was genau lehrt der seltsam verklemmt 'Untenrum' apostrophierte Wald von Genitalien auf Fotos, in Filmen, hyperreal oder überzeichnet, aus Schaumstoff, Silikon, Glas, Gras, Plastik, den man hier durchschreitet, über Sex in der Jetztzeit?" Menden lobt einzelne Beiträge, etwa zum MeToo-Diskurs oder die Fotowand leerer Sexcam-Räume, sieht aber insgesamt einen Lifestyle-Fokus. Alain Bieber, scheidender Künstlerischer Leiter, setze auf "ein bisschen von allem", doch die Schau bleibe überwiegend oberflächlich und bestätigt: Sex verkaufe sich – reiche aber selten für echte Erkenntnis. Im Monopol-Interview spricht Alain Bieber über seine Ausstellung.
In ihrer ersten großen Einzelausstellung in Deutschland zeigt die 1993 geborene Künstlerin Issy Wood im Berliner Schinkel Pavillon düstere, fotorealistische Gemälde, die Alltagsobjekte wie Autositze, Pumps oder Zahnspangen in groteske, begehrenswerte Fremdheiten verwandeln. Wie Anne Küper in der Wochenzeitung "der Freitag" schreibt, erklärt Wood: "Seltsam ist, wenn man etwas am falschen Ort sieht … Ich finde, viele Kunstwerke sind nicht seltsam genug." Ihre Motive stammen aus einem Screenshot-Archiv auf dem iPhone – Sinnbilder einer Generation, die "erst ein Foto vom Sonnenuntergang gemacht hat, bevor sie ihn sich überhaupt angesehen hat". Küper beschreibt Woods Stil als Mischung aus Konsumkritik und Schwarzer Romantik, zwischen Goya-Referenzen, Social-Media-Fragmenten und Depressionserfahrungen. Ihre Malerei kreise um Endlichkeit, Verunsicherung und das Versprechen, dass hinter den Dingen etwas liegen müsse – oder vielleicht nichts.
Museen
Die "New York Times" berichtet, dass das Pariser Louvre-Museum die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy zur nächsten "Chaire du Louvre" ernannt hat. Autorin Nina Siegal schreibt, die Berufung der TU-Berlin-Professorin, die seit Jahren für die Restitution afrikanischer Kunst kämpft, sende "ein starkes Signal" für den Wandel in Frankreichs Haltung zu kolonialem Raubgut. Savoy habe bereits 2018 zusammen mit Felwine Sarr ein Gutachten vorgelegt, demzufolge "mehr als 90 Prozent der bedeutenden Kunstwerke aus Subsahara-Afrika" außerhalb des Kontinents lagern. Präsident Emmanuel Macron habe damals die Rückgabe angekündigt, doch bislang seien nur wenige Werke restituiert worden. Savoy betonte gegenüber "La Vie": "Eine Restitution ist kein Verlust. Sie kann einen neuen Dialog eröffnen."
Design
Der italienische Modemacher Giorgio Armani ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren im Kreise seiner Familie. Die Ex-Vogue-Chefredakteurin Anna Wintour sagte dem "Corriere della Sera": "Die Persönlichkeit und Vision von Giorgio Armani waren so klar, dass man seine Arbeit sofort erkannte, wo auch immer man sie fand." Armani habe die Macht, sich selbst auszudrücken, und die Eleganz besser verstanden als jeder andere in der Modebranche. Modemacher Valentino Garavani, der hinter der Marke Valentino steht, schrieb bei Instagram, er habe Armani "immer als Freund und niemals als Rivalen betrachtet". "Ich kann mich nur vor seinem immensen Talent verneigen." Für die "Financial Times" hatte Alexander Fury gerade noch Giorgio Armani zu dessen 50. Firmenjubiläum porträtiert. Der 91-Jährige war bis zuletzt weiterhin alleiniger Eigentümer, CEO und Kreativdirektor – und gestand: "Meine größte Schwäche ist, dass ich alles kontrolliere." Selbst krankheitsbedingt aus dem Publikum ferngeblieben, habe er seine letzten Schauen per Videoaufschaltung dirigiert. Armani, der einst Frauen in den 1980er-Jahren mit Hosenanzügen ein "radikales" neues Selbstbewusstsein verlieh und die Männermode durch dekonstruierte Anzüge veränderte, sagte er der "FT": "Mein Ziel war es, Menschen anzuziehen. In gewisser Weise ist es noch immer dasselbe." Über die Zukunft erklärte er, die Nachfolge solle organisch erfolgen, durch Vertraute wie Leo Dell’Orco und sein Team. Luxusanalyst Luca Solca meint jedoch, das Label sei längst größer als sein Gründer und werde über ihn hinaus Bestand haben.
In der "Süddeutschen Zeitung" kritisiert Gerhard Matzig die deutsche Autoindustrie für ihr orientierungsloses Design. Anlass ist der Dax-Ausschluss von Porsche und VWs Plan, mit dem neuen ID.Polo nostalgische "Heimatgefühle" zu bedienen. "Der ID.Polo wird sogar wieder mehr Bedienknöpfe haben", spottet Matzig – ein Rückschritt statt Innovation. VW ziehe die "Notbremse beim Design seiner Elektroautos", zitiert er "t-online", weil frühere Modelle zu sehr auf Technikfans zugeschnitten waren. Doch Matzig fragt provokant: War das Design wirklich zu futuristisch – oder "im Gegenteil zu banal, zu gestrig und zu unentschlossen"? Er erinnert daran, dass der Golf vor 50 Jahren Volkswagen rettete, weil er tatsächlich revolutionär war. Die Branche aber verstricke sich heute in "Blechblähbeulen", getrieben von Marketing und asiatischen Märkten. Sein Plädoyer: Statt Retro-Optik brauche es endlich wieder Mut zu "radikal modernen und radikal schönen" Autos.
Kunstgeschichte
In der "Welt" würdigt Raimund Stecker den Kunsthistoriker Max Imdahl, der am 6. September 100 Jahre alt geworden wäre. Imdahl, 1988 verstorben, gilt als einer der innovativsten Köpfe seiner Zunft, der Kunstgeschichte "für die Kunst" betrieb. Er befreite die Bildbetrachtung vom "Staunen über die Idee" und forderte genuine Seherfahrungen, die er in seiner Methode der "Ikonik" theoretisch fasste. Werke von Giotto, Poussin und Barnett Newman deutete er in einem spannungsreichen Dialog von Tradition und Moderne. Dabei stellte er, wie Stecker betont, das Kunstwerk selbst als "allein gültige Instanz" in den Mittelpunkt. Imdahl, geprägt durch seine Nähe zur modernen Kunst und seine Lehre in Bochum, habe den Diskurs über Bildlichkeit, Farbtrias und Komposition entscheidend erweitert. Für Stecker – einst studentischer Mitarbeiter Imdahls – bleibt er ein "sehender Seher", dessen progressiver Konservatismus Kunst auch heute als autonome Erkenntnisform ernst zu nehmen lehrt.
Kunstmarkt
In der "FAZ" spricht Lena Bopp mit der Galeristin Andrée Sfeir-Semler, die seit 40 Jahren in Deutschland und seit 20 Jahren in Beirut zeitgenössische Kunst aus der arabischen Welt vertritt. Die Eröffnung des ersten White Cube in Beirut 2005 fiel mitten in politische Unruhen, "es herrschte Aufbruchstimmung", erinnert sie sich. Doch die Galeriegeschichte ist von Krisen geprägt – von Autobomben über die Explosion des Hafens bis zu israelischen Tieffliegern. "Unsere DNA ist in Beirut", sagt Sfeir-Semler, auch wenn Hamburg die logistische Basis bilde. Politische Kunst sei für sie unverzichtbar, Dekoration interessiere sie nicht. Mit Blick auf den Gaza-Krieg kritisiert sie, Deutschland finanziere mit Steuergeldern Waffen, "mit denen diese Menschen umgebracht und ausgehungert werden". Im November wird Andrée Sfeir-Semler wird mit dem Art-Cologne-Preis 2025 ausgezeichnet.