Debatte
Rhea Nayyar berichtet in "Hyperallergic", dass der Künstler des israelischen Pavillons juristisch gegen die Biennale vorgegangen sei, nachdem die Jury Israel und Russland wegen möglicher Menschenrechtsverbrechen von den Preisen ausschließen wollte. Belu-Simion Fainaru habe Antisemitismus und Diskriminierung aufgrund der Nationalität geltend gemacht und laut Bericht rechtliche Schritte angedroht. Neue Berichte legten nahe, dass dies zum überraschenden Rücktritt der Jury beigetragen haben könnte.
Jonathan Guggenberger schildert in der "taz" die Biennale als kulturpolitisch vergiftetes Großereignis, in dem Russland und Israel völlig unterschiedlich behandelt würden. Den russischen Pavillon beschreibt er als makabren "Totentanz" aus Techno, Hipstern und politischer Verdrängung. Die Biennale-Leitung habe sich dabei zum "nützlichen Idioten des russischen Interesses an kulturpolitischer Normalisierung" gemacht. Zugleich beobachtet der Autor eine auffällige Müdigkeit vieler Kunstprofis gegenüber Russland. Sehr viel schärfer registriert Guggenberger jedoch den Umgang mit Israel. Der israelische Pavillon werde "still boykottiert", Künstler Fainaru von Teilen der Szene gemieden. Dessen Aussage, es gehe ihm "nicht um Propaganda, sondern um meine künstlerischen Ideen", kontrastiert der Text mit antiisraelischen Ressentiments im Biennale-Umfeld. Guggenberger legt damit nahe, dass in Venedig Russland zwar den größeren Skandal produziert, Israel jedoch die stärkere soziale Ächtung erfährt.
Hanno Rauterberg schildert in der "Zeit" den Protest von Pussy Riot und Femen vor dem russischen Pavillon als eigentlichen Bildmoment dieser Biennale. Die Aktivistinnen hätten ihren "entschiedenen Widerwillen" gegen Putins Staat und dessen Kulturpolitik gezeigt, "an der Kunst dieses Landes klebt Blut", skandierten sie. Für Rauterberg prägen die Protestbilder bereits jetzt das "kollektive Gedächtnis dieser Biennale". Zugleich beschreibt der Autor den russischen Pavillon mit spürbarer Ambivalenz. Einerseits erkennt er darin eine Strategie der „Verlockung“ und möglicherweise der kulturpolitischen Normalisierung Russlands. Andererseits interessiert ihn die Mehrdeutigkeit der Ausstellung: kostenlose Kleidung, Techno, Chorgesänge und poetische Bilder von Schnee, Pferden und Freiheit. Besonders das Interview mit einem Islandpony liest Rauterberg wie einen "Kassiber", also eine versteckte Botschaft über Freiheit und Heimat.
Hauptausstellung
Hanno Rauterberg beschreibt die Biennale in der "Zeit" als überraschend verspielt, sinnlich und weit weniger aktivistisch als erwartet. Statt "Skandal- und Krisengebrüll" dominierten Naturmotive, Mystik und eine "Wiederverzauberung" der Kunst. Die Schau wolle "das befreite Spiel" und nicht den moralischen Zeigefinger. Kuratorin Koyo Kouoh habe, so Rauterberg, eine Biennale der "heiteren Gelassenheit" angestrebt: "Atme tief ein, atme aus." Der Kritiker schwärmt von einer überbordenden Ausstellung voller Vögel, Fruchtbarkeitssymbole, Handwerk und improvisierter Materialcollagen. Gerade die Abkehr von KI-Ästhetik und glatter Gegenwartskunst gefällt ihm. Zugleich bleibt Rauterberg skeptisch gegenüber dem Hang zu Ursprünglichkeit und Mystizismus: Das "Raunen der Rechten" könne dem "Raunen einer um Heilung und Neuverzauberung kreisenden Linken zum Verwechseln ähnlichsehen". Trotzdem verteidigt er die Leichtigkeit der Schau, die politische Konflikte bewusst nur streift.
Maximilíano Durón beschreibt die Hauptausstellung in "ARTnews" als poetische, von Naturbildern und Krisenerfahrungen geprägte Schau, die Koyo Kouohs Vermächtnis fortführt. „In Minor Keys“ wolle laut Kuratorin weder bloß Weltkrisen kommentieren noch vor ihnen fliehen. Stattdessen zeige die Ausstellung, wie Schönheit und geopolitische Gewalt gleichzeitig existieren. Durón hebt besonders das Motiv üppiger, aber verletzter Landschaften hervor. Gärten, Pflanzen und Erde erscheinen als Sinnbilder von Widerstandskraft und Überleben. Viele Arbeiten erzählten von Kolonialismus, Krieg, Extraktivismus und ökologischer Zerstörung, ohne dabei reine Anklagekunst zu werden. Der Kritiker beschreibt die Schau als Mischung aus "magischem Realismus", Spiritualität und Archivarbeit. Wiederholt betont er, wie wichtig Feier, Erinnerung und gemeinschaftliche Rituale für das Überleben seien. Insgesamt liest Durón die Biennale als emotional aufgeladene, sinnliche Ausstellung über eine verwundete Welt, die dennoch weiterwächst.
Österreichischer Pavillon
Katharina Rustler beschreibt im "Standard" Florentina Holzingers österreichischen Pavillon als überwältigende Mischung aus Ritual, Körperkunst und ökologischer Endzeitfantasie. "Seaworld Venice" verwandle den Pavillon in eine "Wasserwelt", die Reinigung und Kollaps zugleich inszeniere. Rustler schildert begeistert, wie Holzinger bekannte Motive ihres Kosmos – nackte Performerinnen, Maschinen, religiöse Bilder und exzessive Körperlichkeit – in Venedig "in neue Sphären" hebe. Besonders eindringlich erscheint der Autorin das zirkulierende Urin-Wassersystem des Pavillons. Sie liest die Installation als Kommentar zu Overtourism, Umweltzerstörung und den fragilen Kreisläufen Venedigs. Gleichzeitig betont sie den Humor der Arbeit: "Hier darf laut gelacht werden und das ist schön." Unter der spektakulären Oberfläche verhandle Holzinger existenzielle Fragen nach Reinigung, Gemeinschaft und der Zukunft einer kollabierenden Welt.
Deutscher Pavillon
Charlotte Burns beschreibt den deutschen Pavillon bei "Artnet" als "Pavillon der Ruinen", in dem Sung Tieu und die verstorbene Henrike Naumann deutsche Geschichte als fortwirkendes ideologisches Trümmerfeld sichtbar machten. Burns liest die Ausstellung als Gegenüberstellung von öffentlicher und privater Geschichte: Außen thematisiere Tieu Migration, Ausgrenzung und Wiedervereinigung, innen untersuche Naumann anhand von Möbeln und Design die ideologischen Spuren von Ost und West im Alltag. Besonders hebt Burns hervor, dass Tieu die deutsche Erinnerungskultur verschiebe. Anders als frühere Pavillonkritiken wolle sie die NS-Architektur nicht zerstören, sondern "die Geschichte von der anderen Seite erzählen" – aus Sicht migrantischer Erfahrungen und rechter Gewalt nach der Wiedervereinigung.
Pablo Larios beschreibt Henrike Naumanns letzten Biennale-Beitrag als "Triumph": eine düstere Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte und einer möglichen neuen "Vorkriegszeit". Ihre Installationen aus Möbeln, Alltagsobjekten und DDR-Relikten zeigen, wie Ideologien bis in private Wohnräume hineinwirken. Besonders eindrücklich erscheint ihm, dass Naumanns Werk nach ihrem frühen Tod kollektiv von Freunden fertiggestellt wurde – fast als letzte Verwirklichung ihrer sozialistischen Idee gemeinschaftlicher Arbeit.
Weitere Stimmen zum deutschen Pavillon haben wir in der Medienschau am Mittwoch gelistet. Unsere Review finden Sie hier.