Kunstkritik
"Haben Schmerz, Trauma und Politik die Kunstkritik zum Schweigen gebracht?" In "ArtReview" kritisiert der Londoner Kunstkritiker Eddy Frankel die "Tyrannei des Kontexts": Künstler würden für ihre tragischen Biografien und nicht für ihre Werke gefeiert. Als er einmal eine Ausstellung als "hyperdekorative Bedeutungslosigkeit" abtat, habe ihm ein Freund vorgeworfen, "das könne man nicht sagen", weil der Künstler Schlimmes erlebt habe. Frankel sieht darin eine allgegenwärtige Tendenz, politische oder persönliche Hintergründe über die Qualität der Kunst zu stellen, was zu Selbstzensur führe. Auch Museen inszenierten Künstlerbiografien gezielt, um Publikum zu gewinnen. Zwar räumt er ein, dass Kontext wichtig sei, warnt aber davor, dass guter Wille oder Leid die kritische Auseinandersetzung ersetzen.
Museen
Museen sind auf staatliche Förderung angewiesen, zahlen diese aber vielfach zurück: Laut einer Studie des Instituts für Museumsforschung und der ICG Integrated Consulting Group generiert jeder investierte Euro 1,70 Euro Wertschöpfung plus 2,40 Euro aus touristischen Ausgaben. Museen gelten damit als wichtige wirtschaftliche Standortfaktoren. Museumswissenschaftlerin Patricia Rahemipour erklärt die Ergebnisse der Studie auf Radio Eins.
Gareth Harris schreibt im "Art Newspaper", dass das Museu de l’Art Prohibit in Barcelona weniger als zwei Jahre nach Eröffnung "schmerzhaft und unerwünscht, aber unausweichlich" schließen musste. Grund seien laut Museum finanzielle Verluste durch vier Monate Proteste der Gewerkschaft SUT, die nach Kündigung des Vertrags mit Magma Cultura bessere Arbeitsbedingungen forderte. Die SUT warf dem Museum eine "widersprüchliche Haltung" vor. Gründer Tatxo Benet kündigte an, die über 200 zensierten oder verbotenen Werke, etwa von Ai Weiwei oder Eugenio Merino, künftig weltweit zu zeigen.
NS-Raubkunst
In der "taz" beleuchtet Nadine Conti die langwierige und kontroverse Aufarbeitung der Sammlung Doebbeke in Hannover. Im Zentrum steht die Veröffentlichung des Buches "Verfemt – gehandelt. Die Sammlung Doebbeke im Zwielicht: Von Corinth bis Kirchner", herausgegeben von der Provenienzforscherin Annette Baumann. Conti kritisiert, dass die Stadt Hannover die Publikation der Forschungsergebnisse – sechs Jahre nach der gleichnamigen Ausstellung im Sprengel-Museum – immer wieder verzögerte. Besonderes Augenmerk liegt auf einem Blumenstillleben von Lovis Corinth, das die jüdische Familie Levy seit 2008 von der Stadt zurückfordert, da sie es in der NS-Zeit verloren glaubt. Nadine Conti weist darauf hin, dass Deutschlandradio-Redakteur Stefan Koldehoff in seinem Podcast "Tatort Kunst: Hannovers Dunkles Erbe" der Stadt vorwirft, nicht angemessen mit den Erben zu kommunizieren und deren Beweise systematisch zu entkräften, entgegen den Washingtoner Prinzipien zur Raubkunst. Museumsdirektor Reinhard Spieler wies diese Kritik bei der Buchvorstellung ab und betonte, man verweigere sich Restitutionen keinesfalls.
Im "Standard" berichtet Olga Kronsteiner, dass Gustav Klimts Porträt eines westafrikanischen Prinzen nach einer 2023 bewilligten Ausfuhr aus Ungarn nun Ermittlungen auslöst. Das Werk befand sich seit 1939 in ungarischem Privatbesitz und wurde laut Klimt-Experte Alfred Weidinger damals von einem Anwalt "aus der bereits beschlagnahmten Villa" der jüdischen Eigentümerin Ernestine Klein entfernt und nach Ungarn geschmuggelt. Weidinger beschreibt, er habe die Existenz des Bildes zunächst telefonisch bestätigt bekommen. Die ungarische Behörde hatte auf Anfrage des ungarischen Wochenmagazins "HVG" erklärt, es gebe keine gültige Exportbewilligung, während laut österreichischem Bundesdenkmalamt eine solche vorlag – allerdings für ein Werk "eines unbekannten Künstlers" Péter Molnos nannte die behördlichen Versäumnisse "ungeheuerliche Fehler". Kronsteiner schreibt, Ungarns Minister János Lázár habe Ermittlungen eingeleitet. Gerüchte über einen möglichen Ankauf des Werks durch den Louvre Abu Dhabi kommentierten die Händler nicht.
Hubertus Butin kritisiert in der "FAZ", dass Kathleen Reinhardt, Direktorin des Berliner Georg Kolbe Museums, dem Unrecht an der jüdischen Familie Stahl nicht gerecht werde. Zwar habe sie erstmals öffentlich eingestanden, dass der "Tänzerinnen-Brunnen" NS-Raubkunst sei, doch vermeide sie den Begriff konsequent auf der geplanten Gedenkplakette. Butin wirft ihr vor, damit Geschichte zu verharmlosen und jüdisches Leid zu relativieren. Er fragt zugespitzt: "Hat Reinhardt den Ernst der Lage immer noch nicht begriffen?" und fordert indirekt den Berliner Senat zum Handeln auf.
Interview
In "The Face" spricht Sarah Moroz mit dem deutschen Künstler Wolfgang Tillmans über dessen große Ausstellung im Pariser Centre Pompidou. Tillmans sagt: "Es gibt hier keine Timeline" und betont seine Liebe zu Papier und Büchern, die überall spürbar sei. Er schildert das Pompidou als "Moment des Erwachens" in seiner Jugend. Der Ausstellungstitel "Nothing could have prepared us – Everything could have prepared us" spiegele sein Gefühl, einerseits alles planen zu wollen und andererseits zu akzeptieren, dass es anders kommt. Er erklärt, Fotos seien heute "Sprache" und betont, Bildkompetenz sei zentral, da "nur wenn Menschen wissen, wie man sie liest, können Bilder Sprache werden".
Ausstellung
Wie schön, dass es noch so richtige Männerfeindschaften gibt! TV-Comedian Jan Böhmermann und "Welt"-Herausgeber Ulf Poschardt jedenfalls haben sich leidenschaftlich ineinander verbissen. Natürlich kritisiert Poschardt in "Welt"-TV die geplante Ausstellung Böhmermanns im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW): "dass einer, der mit GEZ-Gebühren 700.000 im Jahr verdient, jetzt auch noch in den steuerfinanzierten Kulturbetrieb eindringt". Der Kulturbetrieb sei eben "nicht für uns alle, sondern für die Auserwählten". Welche Kunst er in den Museen lieber sehen würde, bleibt offen. Er geht auch nicht auf die besondere Rolle des HKWs als Ort für Communities ein, weshalb man in der Böhmermann-Einladung eine überraschende Öffnung des Hauses sehen kann, wie Daniel Völzke in seinem Monopol-Kommentar argumentiert. Böhmermann jedenfalls präsentierte und kommentierte dann am Sonntag - genauso vorhersehbar - in seinem "Fest & Flauschig"-Podcast Audio-Auszüge aus dem "Welt"-Video. Der Ball liegt wieder damit wohl wieder bei Poschardt.