Debatte
In der "SZ" sieht Peter Richter in einer Ausstellung der künftigen Documenta-Leiterin Naomi Beckwith in Paris einen Vorgeschmack auf Kassel – und zwar keinen beruhigenden. Beckwith habe vor dem Palais de Tokyo ein Werk von Cameron Rowland entfernt: eine Flagge Martiniques, die anstelle der französischen gehisst worden war. Offiziell geschah dies aus Rücksicht auf Beflaggungsgesetze, obwohl es keine Beschwerden gab. Richter deutet den Schritt als Zeichen vorauseilenden Gehorsams und als Beispiel dafür, wie sich Institutionen selbst zensieren. Die Schau, die den Einfluss der "French Theory" auf die US-Kunst untersucht, zeige laut Richter, wie weit sich die Kunst vom Denken Foucaults und Derridas entfernt habe – von der Lust am Zweifel hin zu moralischer Eindeutigkeit: Es sei "eine Pointe auf eigene Kosten, wenn die Institution, die erst kritische Statements ermutigt, am Ende selbst dagegen interveniert, so als wollte sie Foucault posthum darin bestätigen, dass auch der liberalste Staat am Ende überwacht, reglementiert und durchgreift." Richter findet es eindrucksvoll, "wie sehr sich die Kunst auf dem Weg ins Aktivistische von French Theory und Postmoderne wieder entfernt hat."
In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" kritisiert Laura Helena Wurth, dass der Preis der Nationalgalerie 2026 an den Italiener Maurizio Cattelan geht – einen Künstler, der längst weltbekannt ist. Statt Nachwuchs zu fördern, wie es früher mit der "Shortlist"-Ausstellung geschah, würdige der Preis nun einen Star, der "schon genug Aufmerksamkeit" habe. Er werde "nur bestätigen, was der Markt eh schon weiß." Für Wurth ist das "ein Zeichen an junge Künstler", deren Lage durch Kürzungen ohnehin immer prekärer werde. Sie sieht darin eine Abkehr vom ursprünglichen Anspruch, Gegenwart abzubilden und Debatten zu eröffnen. Ironisch findet sie, dass Cattelan selbst von einer "Auszeichnungsphobie" spricht – und wohl eher andere schicken würde, um seine Preise entgegenzunehmen. Beate Scheders Einwände in der "taz" gehen in die gleiche Richtung: "kein junger Künstler, keiner, der in Deutschland lebt, keiner, der nicht ohnehin schon viel Aufmerksamkeit genießt". Die Jury begründe ihre Wahl mit Cattelans Mitkuratorenschaft der Berlin Biennale 2006, er habe "entscheidend zur internationalen Positionierung Berlins als Zentrum der Gegenwartskunst beigetragen". Für Scheder ist das "nicht nachvollziehbar, gerade jetzt". Die Entscheidung über den Schöpfer eines "goldenen Klos" klinge "wie ein Witz – leider kein guter".
Kunstmarkt
Im "Handelsblatt" meint Stefan Kobel, dass die Art Cologne neue Impulse braucht, um ihre überalterte Sammlerschaft zu verjüngen. Zwar reiche das Angebot von Hanne Darboven bis Neo Rauch, doch besonders die preisgünstigeren, jungen Positionen litten weiter unter der Marktflaute. Kobel beobachtet strukturelle Probleme: steigende Standkosten, stagnierende Verkäufe, fehlende Sichtbarkeit für Verlage und Editionen. Projekte wie "Speaking Garments" oder Sarah Friends KI-basierte Editionen zeigten jedoch, "wie Kunst von Blicken über den Tellerrand profitieren kann". Hoffnung mache auch das junge Satellitenformat Neu Cöln, wo 34 Galerien Kunst jenseits des Marktdrucks präsentierten – mit einem Publikum, das zeige, dass Neugier auf Kunst bei Jüngeren sehr wohl existiert. Im "Tagesspiegel" beschreibt Julia Stellmann, wie sich die Art Cologne neu sortiert. Die Messe mit 167 Galerien wirke "luftiger als in den vergangenen Jahren", was auch an den "wirtschaftlich schwierigen Zeiten" liege. Auffällig sei das Fehlen großer Düsseldorfer Galerien, während die Sektion Neumarkt mit 34 jungen Positionen wachse. Dort setze man auf Galerien wie Cherry Hill, die "vom Off-Space zur Galerie" geworden sind und mit Arbeiten der New Yorkerin Anna Rubin frische Impulse geben. Stellmann hebt besonders "gelungene Kooperationen" hervor, etwa zwischen Max Goelitz und Temnikova & Kasela, die Werke von Jenna Sutela zeigen. Auch internationale Galerien wie Yehudi Hollander-Pappi aus Brasilien brächten mit spektakulären Installationen "neue Energie". Parallel formiere sich mit der Satellitenmesse Neu Cöln ein lebendiger Treffpunkt der jungen Szene – "ein Nukleus während der Messewoche". Die Highlights der Monopol-Redaktion finden Sie hier.
In "Vanity Fair" beschreibt Nate Freeman, wie das Auktionshaus Sotheby’s nach zweijähriger Vorbereitung in das ehemalige Whitney-Museum auf der Madison Avenue einzieht. Der ikonische Breuer-Bau wurde für 100 Millionen Dollar gekauft und von Herzog & de Meuron dezent renoviert. CEO Charles Stewart schwärmt laut Freeman davon, das Haus werde die Art verändern, wie Sotheby’s mit allen interagiert. Kritiker halten es für problematisch, dass die 650 ausgestellten Werke nun alle verkäuflich sind – ein Museum als Showroom. Freeman sieht darin zugleich eine clevere Wiederbelebung des Gebäudes: Statt einer Milliardärsvilla gebe es nun wieder Kunst, frei zugänglich, wenn auch mit Preisschild. Sotheby’s, schreibt er, mache den Brutalismus zum Luxusformat.
In der "New York Times" lüften Julia Halperin und Zachary Small das Geheimnis um das berühmte goldene Klo von Maurizio Cattelan: Der Besitzer sei niemand anderes als Steve Cohen, Milliardär und Eigentümer der New York Mets. Cohen habe das 100 Kilogramm schwere, aus 18-karätigem Gold gefertigte Werk 2017 bei der Marian Goodman Gallery gekauft – nun komme es bei Sotheby’s am 18. November unter den Hammer, mit einem Startpreis von rund 10 Millionen Dollar. Das Werk "America" (2016) ist das letzte erhaltene Exemplar, nachdem die zweite Edition 2019 aus Blenheim Palace gestohlen wurde. Sotheby’s setze auf den Hype um Cattelans Bananen-Skulptur "Comedian", die 2024 für 6,2 Millionen verkauft wurde. Cohen, der bereits Werke von Jasper Johns und Damien Hirst besitzt, habe laut Halperin und Small "eine Vorliebe für Kunst mit dunklem Humor und politischem Unterton".
Museen
Drei Wochen nach dem Diebstahl arbeiten Experten daran, die wiedergefundene Krone der Kaiserin Eugénie im Louvre zu präsentieren. "Diese Rückkehr wird ein schönes Symbol für die Wiedergeburt des Museums sein" sagte Museumsdirektorin Laurence des Cars im Radiosender "France Info". "Die wichtigsten Teile, Diamanten und Smaragde, sind unversehrt", erklärte des Cars weiter. "Es fehlen jedoch einige kleine Diamanten und einer der acht goldenen Adler.". Die Restaurierung werde etwas Zeit in Anspruch nehmen. Die Krone, besetzt mit 1.354 Diamanten und 56 Smaragden, gehörte Eugénie, der Ehefrau von Napoleon III. Mehrere Mäzene hätten bereits ihre Unterstützung für die Restaurierung zugesagt. Das kostbare Stück wurde nach dem Einbruch am 19. Oktober unweit des Museums wiedergefunden. Nach ersten Untersuchungen sei die Krone beim Herausbrechen aus der Vitrine beschädigt worden, nicht durch Herunterfallen. Laut de Cars hat vermutlich ein schmaler Schnitt, den die Diebe mit einer Trennscheibe gesetzt hatten, den Schaden verursacht. Dass die Diebe ein solches Stück zurückließen, sei völlig unerwartet gewesen, sagte de Cars. Von den acht weiteren Juwelen und Schmuckstücken im Schätzwert von 88 Millionen Euro fehlt bislang jede Spur. Mehrere Verdächtige wurden seitdem festgenommen. Nach dem Einbruch wurde ein Teil der Louvre-Juwelen in die unterirdischen Tresorräume der französischen Zentralbank in Sicherheit gebracht.