Medienschau

"Wir erleben eine Flut an schlechter Malerei"

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Warum gibt es heute so viel Bad Painting? Wie steht es um den Hamburger Kunstmarkt? Und worum geht es im juristischen Nachspiel der Schließung von Sperone Westwater? Unsere Presseschau am Donnerstag

Malerei

In "The Art Newspaper" diagnostiziert Ben Luke ein Übermaß an schlechter Malerei. Nach einem Rundgang über die Frieze London habe sich sein Eindruck bestätigt: Die Malerei ist "aufgebläht, leer, performativ und lähmend langweilig". Sie sei zu bequem geworden, weil sie sich nicht mehr rechtfertigen müsse. Der Künstler Christopher Wool habe ihm gesagt, es fehle heute an existenziellen Debatten; früher hätten Künstler "sich mit diesen Fragen wirklich auseinandersetzen müssen". Luke erinnert an den Kritiker Thomas Lawson, der Malerei als Vehikel für radikale Ideen sah, gerade wegen ihrer "Obskurität und Mehrdeutigkeit". Ohne produktiven Zweifel verliere das Medium seine Spannung – der Kampf um seine Relevanz sei keineswegs vorbei. 

Nachruf

Lothar Schirmer erinnert in der "FAZ" an Franz Dahlem, einen der prägenden, wenn auch wenig öffentlich bekannten Akteure der deutschen Kunstszene der 1960er- und 1970er-Jahre. Dahlems Leidenschaft für zeitgenössische Kunst, so Schirmer, habe"„ansteckend gewirkt" und schließlich "die ganze Bundesrepublik infiziert". Schon früh habe sich gezeigt, dass Dahlem eigenen Prioritäten folgte: Während seiner Buchhändlerlehre blieb er eine Woche unentschuldigt zu Hause, weil er den "Mann ohne Eigenschaften" habe lesen müssen. In Berlin bewegte er sich, wie Schirmer schreibt, zwischen unterschiedlichen Milieus: der Schwulenszene um Herbert Tobias und der heterosexuellen um die Galerie Springer. Nachhaltig prägte Dahlem den Kunstmarkt, als er Karl Ströher dazu brachte, Beuys und Pop-Art zu kaufen und damit die Szene "früh umpflügte". Seine Autobiografie von 2022 bezeichnet Schirmer als "Inkunabel der Geschichte der zeitgenössischen Kunst seit 1960". Dahlem starb mit 87 Jahren.

Kunstmarkt

In der "Financial Times" berichtet Josh Spero über stark steigende Zahlungsausfälle bei kunstbesicherten Krediten. Laut dem Deloitte Private und ArtTactic Art and Finance Report 2025 verzeichnete 2024 bereits die Hälfte der Nichtbanken-Kreditgeber Ausfälle – gegenüber nur 17 Prozent zwei Jahre zuvor. Harry Smith, Executive Chair des Kunstbewerters Gurr Johns, sagt: "Die traditionellen Märkte sind gespalten zwischen den Besten und dem Rest. Kredite auf die Besten sind in Ordnung – Kredite auf den Rest absolut nicht." Der seit 2022 schrumpfende Kunstmarkt habe den Wert vieler als Sicherheit hinterlegter Werke gedrückt; Kreditgeber reagierten mit Nachschussforderungen oder erklärten Kredite für notleidend. Zugleich kehrten sogenannte "Loan-to-own"-Kreditgeber zurück, deren Geschäftsmodell darauf zielt, Kunstwerke "über Zahlungsausfälle günstig zu übernehmen", wie Rebecca Fine von Athena Art Finance erläutert. Private Banken seien dagegen stabiler aufgestellt: 2024 habe dort "keiner der Befragten Zahlungsausfälle erlitten".

In der "Zeit" zeichnet Oskar Piegsa erstmals ein datenbasiertes Bild des Hamburger Kunstmarkts. Lange sei dieser "wie ein Gespenst" gewesen, sagt Galeristin Luise Nagel, weil es "keine validen Zahlen" gab. Eine Umfrage des Landesverbands Hamburger Galerien zeigt nun: 75 Prozent der Galerien erzielen ihren Hauptumsatz im Primärmarktund arbeiten damit direkt für lebende Künstler, meist mit 50:50-Erlösteilung. Der Markt ist von Kontinuität geprägt – zwei Drittel der Galerien bestehen seit über zehn Jahren –, wirtschaftlich jedoch fragil: Mehr als die Hälfte setzt jährlich 100.000 Euro oder weniger um, nur zwei von drei Galeristen können davon leben. Hamburg sei als Standort "Jein", sagt Tom Reichstein: weniger Konkurrenz als Berlin, dafür viele wohlhabende Sammler vor Ort. Kunst sei zudem oft erschwinglicher als ihr Ruf; am häufigsten verkauft werden Werke zwischen 1.000 und 5.000 Euro. 

Und noch ein Spot auf den Kunstmarkt der Hansestadt: Ebenfalls in der "Zeit" porträtiert Miriam Amro den Hamburger Kunsthändler Mathias Hans als schillernde Figur zwischen Genie, Sammler und Geheimnisträger. In seinem Büro am Jungfernstieg hängen Werke von Caspar David Friedrich, Raffael, Rembrandt – vieles behält er lieber, als es zu verkaufen. Hans versteht sich als "marchand collectionneur", als handelnder Sammler, spezialisiert auf Alte Meister, die er oft im Moment des Zweifels erwarb und später als bedeutende Zuschreibungen bestätigt sah. Er klagt, Alte Meister seien heute "total out", der Markt werde von zeitgenössischer Kunst dominiert. Zugleich haftet ihm ein Schatten an: der Streit um ein Degas-Pastell aus der Sammlung Paul Rosenbergs, mutmaßliche NS-Raubkunst. Hans schweigt zu Käufer und Preis. Sammeln, sagt er am Ende, mache glücklich – und selbst ohne Bilder würde er wieder von vorn beginnen.

"Artnet News" berichtet über das juristische Nachspiel der Schließung von Sperone Westwater, einer der prägenden New Yorker Galerien der letzten 50 Jahre. Zum Jahresbeginn 2026 wurde der Betrieb eingestellt, doch der Streit zwischen den beiden Gesellschaftern Gian Enzo Sperone (86) und Angela Westwater eskaliere weiter. Sperone werfe Westwater in neuen Gerichtsakten Missmanagement vor und spreche von einem "parasitischen Patt" zwischen zwei Direktoren, die nicht mehr miteinander reden. Westwater kontere, Sperone sei seit Jahren ein abwesender Partner, der nur zu Eröffnungen erschienen sei und seit seinem Umzug nach Europa kaum involviert war. Im Zentrum stehe auch das von Norman Foster entworfene Gebäude am Bowery, das nun verkauft werden soll. Finanzunterlagen zeigten deutliche Verluste: 2025 soll die Galerie über zwei Millionen Dollar Minus gemacht haben. Strittig sei nicht mehr das Ob, sondern das Wie der Auflösung. 

Museen

Die "New York Times" berichtet über wachsenden Druck der Trump-Regierung auf die Smithsonian Institution. Das traditionell als unabhängig geltende Museumsnetzwerk soll bis nächste Woche umfangreiche Unterlagen zu Ausstellungen, Wandtexten, Sammlungen und Programmen vorlegen – andernfalls drohen Budgetkürzungen. Grundlage ist Trumps Executive Order "Restoring Truth and Sanity to American History", die eine stärker "positive" Darstellung der US-Geschichte verlangt. Smithsonian-Direktor Lonnie G. Bunch III betont die Autonomie der Institution, räumt aber ein, dass die geforderten Datenmengen kaum fristgerecht zu liefern seien. Zugleich könnte eine Neubesetzung des Board of Regents dem Weißen Haus größeren Einfluss verschaffen. Historiker warnen vor politischer Einflussnahme und Geschichtsrevisionismus; konservative Stimmen kritisieren dagegen eine aus ihrer Sicht zu negative Darstellung Amerikas.

Das besondere Hobby

In "The Art Newspaper" spricht Freizeitpilotin Precious Okoyomon mit Tim Schneider darüber, wie das Fliegen ihr künstlerisches Denken prägt. Im Cockpit finde sie "Ruhe, Sicherheit und Perspektive" – der Blick von oben setze das Nervensystem zurück. Diese Erfahrung fließt direkt in die Pariser Ausstellung "It’s important to have ur fangs out at the end of the world" ein: Drei Dioramen, als Ölmalerei auf Glas in Leuchtkästen, zeigen eine brennende, vergiftete Landschaft und verbinden ökologische Bedrohung mit Widerstandskraft der Natur. Viele Motive beruhen auf Himmels- und Landschaftsstudien, die Okoyomon beim Fliegen fotografiert: "Bestimmte Dinge sieht man nur aus der Luft." Das Fliegen, früh erlernt in Ohio, wurde für Okoyomon auch biografisch zum Zufluchtsort zwischen Migration, Entwurzelung und Kunst.