Medienschau

"Im Moment ist die Verunsicherung auf dem Kunstmarkt extrem"

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Die Galeristin Gisela Capitain feiert Jubiläum, HKW-Intendant Bonaventure Soh Bejeng Ndikung bleibt optimistisch und Jasna Fritzi Bauer über Florentina Holzinger: Das ist unsere Medienschau am Mittwoch

Interview

Im "Tagesspiegel"-Interview mit Nicola Kuhn beschreibt HKW-Intendant Bonaventure Soh Bejeng Ndikung Kolonialismus als fortwirkende Realität: Man lebe "in einer postkolonialen Welt", der sich "keiner entziehen kann". Ausgehend von der "Tirailleurs"-Ausstellung schildert er historische Gewalt und deren Gegenwartsecho und betont, internationale Konflikte seien im HKW unmittelbar spürbar. Zugleich sieht er politische Rückschritte: "ein Schritt vor, zwei zurück". Rechte Angriffe und Kürzungen belasteten seine Arbeit stark, dennoch gebe er nicht auf: "Ich bin ein hoffnungsloser Optimist." Kultur versteht er als gesellschaftliche Notwendigkeit – gerade in Krisenzeiten –, und auch Tanz sei politisch, eine Form verkörperten Wissens.

Kunstmarkt

Zum 40. Galerienjubiläum porträtiert Alexandra Wach in der "FAZ" die Kölner Galeristin Gisela Capitain als beharrliche Gegenfigur zum schnelllebigen Kunstmarkt. Seit 1986 setze sie auf langfristige Künstlerbeziehungen statt Moden, geprägt von ihrer frühen Zusammenarbeit mit Martin Kippenberger. Capitain erinnert sich an eine "aufgeregte Stimmung" der 1980er, während sie heute ein beschleunigtes System kritisiert: "Es ist anstrengender geworden." Alexandra Wach zeigt, wie Capitain internationale Positionen fördert, zugleich aber Kulturpolitik und Messebetrieb skeptisch sieht. Die Stadt Köln nehme Kunst "für selbstverständlich", klagt sie. Dennoch bleibt ihr Credo optimistisch: Kunst sei "die positivste Art, die Welt in den Blick zu nehmen" – konstruktiv, nicht zerstörerisch. Im Interview mit Michael Kohler im "Kölner Stadt-Anzeiger" klingt Gisela Capitain wieder pessimistischer: "Im Moment ist die Verunsicherung auf dem Kunstmarkt extrem". Käufe würden heute zögerlicher und überlegter erfolgen. Den deutschen Markt beschreibt Capitain als weniger aggressiv als den US-amerikanischen, zugleich kritisiert sie die Kunstmesse Art Cologne als reformbedürftig. Trotz allem hält sie an Köln fest – als produktive "Provinz", die konzentriertes Arbeiten ermögliche.

Alexandre Crochet präsentiert in der französischen Ausgabe der "Art Newspaper" eine neue Studie zur Pariser Galerieszene, die zur heutigen Eröffnung der Kunstmesse Art Paris erscheint. Die Untersuchung von Louise Thurin und César Lévy analysiert 108 etablierte Galerien des "Paris Gallery Map"-Netzwerks und fokussiert auf Diversität der vertretenen Künstler:innen, Alter, Herkunft und Geschlecht sowie wirtschaftliche Kennzahlen. Erfreuliche Ergebnisse: Der Anteil von Künstlerinnen liegt bei 34,8 Prozent, bei jungen Galerien sogar bei 41,9 Prozent. Überraschend gering ist jedoch die geografische Vielfalt: 85,9 Prozent der Künstler:innen stammen aus Europa oder den USA, während Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien kaum vertreten sind. Auch junge Künstler:innen unter 40 Jahren machen nur 15,3 Prozent aus. Die Studie zeigt zudem die wirtschaftliche Spannweite: 33 Prozent der Galerien erwirtschaften unter einer Million Euro, 17,6 Prozent mehr als 20 Millionen Euro. Große Häuser wie Galerie Mennour (44,9 Millionen Euro) oder Lelong & Co. (30 Millionen Euro) dominieren den Markt, wobei Transparenz selten ist. César Lévy betont die Bedeutung von Offenheit und wünscht sich mehr Diversität nicht nur bei Künstler:innen, sondern auch unter den Galeriegründer:innen und -leiter:innen.

Das besondere Kunstwerk

Im MDR-Format "Kulturschock" spricht die Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer über "Sancta" der Choreografin Florentina Holzinger, die sie gleich dreimal gesehen hat. Bauer beschreibt die Arbeit als visuell überwältigend und politisch aufgeladen, insbesondere im Hinblick auf weibliche Selbstbestimmung. Im Gespräch mit Hendrik Bolz thematisiert sie auch die teils skurrilen Proteste – etwa fundamentalistische Demonstranten mit Dudelsäcken – und plädiert dafür, Nacktheit auf der Bühne zu enttabuisieren: Sie solle nicht als Skandal gelten, sondern als legitimes künstlerisches Ausdrucksmittel.

Claude Cueni zeichnet in der "NZZ" die konfliktreiche Geschichte der Skulptur "Fearless Girl" nach. Die 2017 heimlich installierte Figur von Kristen Visbal wurde vor dem "Charging Bull" rasch zur Ikone weiblicher Selbstbehauptung – obwohl sie als PR-Aktion des Finanzkonzerns State Street Global Advisors gedacht war. Cueni schildert, wie das Werk "ein Eigenleben" entwickelte, zugleich aber einen Rechtsstreit auslöste: Visbal verkaufte eigene Repliken und berief sich auf ihr Copyright, während der Auftraggeber Vertragsbruch und Markenrechtsverletzung sah. Am Ende gab die Künstlerin auf; sie sei "erschöpft" und habe auf Rechte verzichtet – will jedoch künftig eine frei verfügbare, feministische Figur schaffen.

Kristen Visbal, Fearless Girl, lebensgroße Bronzeskulptur vor der NYSE, Schnee im Vordergrund
Foto: Richard Drew/AP/dpa

Das "Fearless Girl" vor der New York Stock Exchange