Venedig-Biennale
Im SWR steht die zunehmende Politisierung der Biennale im Zentrum. Moderiert von Karsten Umlauf diskutiert Monopol-Redakteurin Silke Hohmann mit den Kritikern Hanno Rauterberg und Marcus Woeller über Boykotte gegen Russland und Israel sowie die Rolle nationalstaatlicher Pavillons. Hohmann betont die Biennale als politischen Resonanzraum, in dem Kunst zwangsläufig Stellung beziehe. Rauterberg sieht die Gefahr, dass nationale Konflikte die ästhetische Debatte überlagern. Woeller wiederum warnt vor einer moralischen Überformung der Kunst durch Aktivismus und politische Symbolik.
Stefan Trinks schreibt in der "FAZ", die Biennale sei ein "wirbelndes Theatrum mundi" – und sieht die globale Kunst "am Abgrund" taumeln. Er liest die Schau als stark politisiertes Welttheater, in dem Kriege, Proteste und Propaganda die Kunst überlagern. Zwar nennt er starke Positionen wie Florentina Holzingers apokalyptischen österreichischen Pavillon als Spiegel der Weltkrise. Auch der deutsche Beitrag erscheine ihm "rundum glücklich", und im zentralen Pavillon sieht er einen "verhaltenen Optimismus". Insgesamt aber sei es eine Biennale im Alarmzustand, in der Kunst und Politik kaum zu trennen sind.
In der "SZ" beschreibt Jörg Häntzschel die Biennale als überdrehtes Spektakel, in dem Politik, Skandal und Körperaktionen die Kunst dominieren. Im Mittelpunkt steht Florentina Holzingers österreichischer Pavillon, der mit Urin- und Fäkalieninstallationen arbeitet und den Untertitel "Ich lebe in eurer Pisse" trägt. Häntzschel schildert überlaufende Toiletten, Jetski-Performances und blutende Körper und kommentiert irritiert: "So viel Symbolik!" Zugleich wirke vieles weniger wie Kunst als wie Akrobatik, Selbstverletzung und Schmerz um seiner selbst willen. Russland gebühre der "Sonderpreis für Zynismus". Insgesamt zeichnet auch Häntzschel ein Bild einer Biennale, in der künstlerische Ideen zwischen Aktivismus, Ironie und Überforderung kippen und die Kunst selbst unter dem Druck der Weltlage ins Hintertreffen gerät. In einem weiteren Artikel rezensiert Häntzschel die Hauptausstellung als Gegenentwurf zur Weltflucht. Ihr Ziel, so Häntzschel, sei die Überwindung der Dichotomie Westen/globaler Süden und ein Blick auf "so viel mehr als Kriege und Unterdrückung". Doch vieles wirke akkumuliert statt geordnet; Politik erscheine nur am Rand, das Prinzip "Nicht ausschließen, zulassen" führe zu Unübersichtlichkeit. Die Schau sei reich und sinnlich, aber überladen – vielleicht unvermeidlich angesichts einer Welt, "die ebenfalls sehr, sehr viel ist".
Jonathan Guggenberger berichtet in der "FAZ" über den Protest von Pussy Riot um Nadya Tolokonnikova gegen den russischen Pavillon. Die Exil-Künstlerin sagt im Vorfeld: "Ich bin nicht hier, um zu zensieren", sondern "um eine Alternative zu zeigen" – die Kunst der in Russland Verfolgten. Vor Ort eskaliert der Protest mit pinken Sturmhauben, Bengalos und Sprechchören wie "Blood is Russia’s Art". Eigentlich habe sie "die Biennale vor heute nie wirklich interessiert", sagt Tolokonnikova. "Ich bin Punk-Künstlerin, ich geb einen Scheiß drauf."
Almuth Spiegler berichtet in der "Presse" über den großen Andrang vor Florentina Holzingers Österreich-Pavillon. Das Fachpublikum nehme bis zu zweieinhalb Stunden Wartezeit in Kauf. Spiegler zeigt den Pavillon als Mischung aus Spektakel und Reizüberflutung, der selbst den Takt der Biennale bestimme, da der "menschliche Glockenschlag" zur vollen Stunde zum zentralen Ereignis für Warteschlangen und Social-Media-Aufmerksamkeit geworden sei.