Medienschau

"In der Alltäglichkeit fängt die Lebendigkeit an"

Eine erste Bilanz von Weimers Arbeit, Aufatmen bei der Armory Show und Künstlerin Alex Müller über ihre Berlin-Art-Week-Installation: Das ist unsere Presseschau am Montag

Kulturpolitik

Im "Spiegel" analysieren Lars-Olav Beier und Ulrike Knöfel das bisherige Wirken von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Seit Mai im Amt, inszeniere sich der frühere Journalist gern in Talkshows, aber über konkrete kulturpolitische Pläne sei wenig bekannt. Stattdessen äußere er sich lieber zu Gendersternchen, Cancel Culture und der Gleichsetzung von "Neonationalismus" und "Wokeness". Kritisch vermerken die Autoren, dass er dieselben Anekdoten wiederhole, etwa den Fall einer "Cancel-Culture in Reinform" um eine Venusstatue. Zugleich wolle er Medienpolitik größer denken, strebe einen "Plattform-Soli" für Google & Co. an und drohe Netflix und anderen Investitionspflichten an. Er verspreche "die unbedingte Restitution aller geraubten Objekte aus den Museen". Doch sein Fernbleiben bei einer Stiftungsratssitzung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wirke wie ein Affront gegenüber der neuen Stiftungspräsidentin Marion Ackermann.

Kunstmarkt

Im "Standard" beschreibt Olga Kronsteiner die prekäre Lage der Kunstmesse Viennacontemporary (VC). Zwar finde die Ausgabe diese Woche mit 96 Galerien statt, doch die Finanzierung sei unsicher. Geschäftsführer Markus Huber kalkuliert Kosten von rund 1,5 Millionen Euro, allein 500.000 Euro entfallen auf Miete und Security. Die Einnahmen aus Standgebühren, Sponsoring und 80.000 Euro Förderung deckten das nicht; die Gesellschafter schließen jährlich eine Lücke, "aber ob und in welcher Form die VC eine Zukunft hat, ist derzeit unklar", so Kronsteiner. Besonders brisant: Wien profitiert als Vermieterin, verweist mit der Kulturabteilung MA 7 aber die Verantwortung. Galerien hoffen dennoch auf ein Bekenntnis der Stadt, betont Martin Janda: Für sie sei die VC "eine enorm wichtige Plattform", auch wenn sie international "eine klassische regionale Messe" bleibe. Eine Vorschau auf die Messe von Elke Buhr lesen Sie hier.

Im "Handelsblatt" beschreibt Christiane Meixner, wie sich der deutsche Kunstmarkt dezentral organisiert. Laut einer neuen Studie des Berliner Instituts für Strategieentwicklung seien "die Zeiten des Booms […] endgültig vorüber", so Studienleiter Hergen Woebken. Das Marktgeschehen habe sich in niedrigere Preissegmente verlagert, dennoch gebe es positive Signale: die reduzierte Umsatzsteuer und viele Neukunden. Während Online-Verkäufe an Bedeutung verlieren, bleibe die persönliche Begegnung entscheidend. Expansionen einzelner Galerien setzen Gegenakzente: Max Goelitz verdoppelt in München seine Fläche und betont, Berlin präge den Diskurs über zeitgenössische Kunst. Walter Storms eröffnet mit 78 Jahren noch eine Dependance in der Hauptstadt, er wolle "unbedingt noch einmal etwas Neues machen" und ein breiteres Publikum erreichen.

Elisa Carollo berichtet im "Observer" über die Armory Show in New York, die in der vergangenen Woche optimistische Signale für den US-Kunstmarkt sendete. Laut dem New Yorker Galeristen David Nolan seien "die Leute aufgeregt, wieder 'back to school' zu sein", und viele Sammler kauften bereits am ersten Tag. Internationale Stimmen, etwa Magnus Resch, bemängeln jedoch, dass die Messe einige Top-Galerien verliere. Besonders junge Galerien in der Sektion Present profitierten: Werke von Alejandro Garcia Contreras, Emily Coan und Alexa Kumiko Hatanaka fanden schnell Käufer, wie mehrere Galerien berichteten. Carollo beschreibt eine Stimmung der vorsichtigen Zuversicht, in der Kunstberater Angelica Semmelbauer feststellte, dass trotz der Marktsituation Verkäufe stattfinden und Künstler unterstützt würden, während sich das Marktgeschehen an neue Rhythmen anpasse.

Elisa Carollo beschreibt außerdem im "Observer" die Abkühlung des pandemischen Figurationsbooms und den Rückgang sogenannter "non-frictional art". Werke junger Künstlerinnen und Künstler, die einst schnell an Auktionen weiterverkauft wurden, verlieren zunehmend an Wert, konstatiert Galerist Brett Gorvy. Carollo analysiert, dass der Markt während der Pandemie von Spekulation geprägt war, Aufmerksamkeit aber nun wieder "auf universelle, mythologische oder symbolische Ansätze" gelenkt wird. Parallel floriert der "red-chip"-Sektor: digitale, popkulturell geprägte, algorithmusoptimierte Kunst spricht vor allem tech-affine Sammler an. Carollo zieht den Schluss, dass traditionelle Kunstinstitutionen sich öffnen und neue Erzählformen adaptieren sollten, um die jüngere, digitale Käuferschaft zu erreichen.

Kunstbetrachtung

Im "Guardian" reflektiert die Redaktion über Fragen der Authentizität im Kunstbetrieb, angestoßen durch eine Schau im Londoner Kenwood House. Dort hängen erstmals zwei fast identische "Guitar Player"-Bilder nebeneinander – eines von Vermeer signiert, das andere lange als Kopie abgetan. Besucher sollen "Spot the Difference" spielen und so in die Debatte einbezogen werden. Schon 2022 habe die National Gallery in Washington bei "Girl With a Flute" entschieden, dass "die Qualität nicht Vermeers Standards" entspreche. Auch das National Gallery-Gemälde "Samson und Delilah" von Rubens sei erneut in Zweifel gezogen worden. "Authentizität", so der "Guardian", sei heute zentral – in Zeiten von Fake News, KI und Bilddiebstahl. Der eigentliche Gewinner dieser Unsicherheit bleibe aber das Publikum: Es könne die "stille Leuchtkraft Vermeers" genießen und zugleich Teil von Kunstgeschichte werden.

Berlin Art Week

Im "Freitag" spricht Laura Ewert mit der Künstlerin Alex Müller über ihre Installation "Von der Hand an die Wand", die zur Berlin Art Week in den Wilhelm Hallen gezeigt wird. Sie basiert auf 340 Briefen, die Müllers Familie aus der DDR an den geflohenen Vater im Westen schrieb. "Wir sitzen nicht auf der Geschichte, sondern wir nehmen sie in die Hand", sagt Müller, die die Briefe auf Baumwollkissen drucken ließ. Erinnerungen seien für sie kein willkürlicher Prozess, sondern durch das Erleben im Jetzt geprägt: "In der Alltäglichkeit fängt die Lebendigkeit an." Auch persönliche DDR-Erfahrungen fließen in ihre Kunst, etwa der Versuch, nicht als "Westschnecke" aufzufallen. Das Autobiografische sei für sie nie schambesetzt, sondern eine Einladung zur Konfrontation: Ihre Arbeit sei ein Echo.

Mode

David Remnick spricht für den "New Yorker" mit Anna Wintour über die Übergabe der US-"Vogue" an Chloe Malle. Wintour, seit 37 Jahren Chefredakteurin, betont: "Ich fühle mich großartig. Ich liebe Chloe. Ich freue mich sehr für sie." Malle habe mit "der klarsten Vision und den originellsten Ideen" überzeugt, sagt Wintour. Zugleich versichert sie, dass ihre Nachfolgerin keine "Anna-Mini-Ausgabe" sei, sondern eigene Perspektiven einbringen werde. Print-Ausgaben sollen künftig seltener erscheinen, als "sammelwürdig" und "substanziell". Auf die Frage nach Mode in Krisenzeiten erklärt Wintour: "Mode ist immer wichtig. Sie ist eine Frage des Selbstausdrucks." Rückblicke lehnt sie ab: "Ich interessiere mich immer mehr fürs Vorwärtsschauen als fürs Zurückblicken." In Monopol stellt Leonie Wessel die neue Chefin Chloe Malle vor.