Medienschau

"Eindeutige Lesbarkeit, heroische Körper und klare Botschaften"

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NS-Kunst zirkuliert wieder auf dem Kunstmarkt, ein Picasso-Rechtsstreit legt die Finanzstrukturen des Milliardärs Ghandehari offen und KI bezweifelt die Zuschreibung zweier Van-Eyck-Gemälde: Das ist unsere Presseschau am Montag

Kunstbetrieb

Auf "Hyperallergic" zeigt Hrag Vartanian, wie tief die von Jeffrey Epstein verkörperte Kultur in die Machtstrukturen der Kunstwelt eingelassen ist. Es wirke voyeuristisch, in die Elitenräume zu blicken, warnt er, doch der Blick durch "Gucklöcher" verzerrte die Realität: "Die Kultur, für die Jeffrey Epstein steht, ist tief in den Machtstrukturen des Kunstbetriebs verankert." Der Fall des ehemaligen Museumsdirektors David Ross zeige exemplarisch, wie institutionelle Führungskräfte sich Mächtigen anbiederten, um Spenden, Kredite oder Gefälligkeiten zu sichern – ein Verhalten, das Vartanian zufolge systemisch sei. Seit den 1980er-Jahren habe die wachsende Abhängigkeit von superreichen Geldgebern zu einem ethischen Verfall geführt, obwohl das öffentliche Interesse an Kunst steige. Verantwortung trügen auch Aufsichtsräte, die Entscheider oft als Bauernopfer einsetzten. Angesichts weiter amtierender Trustees wie Leon Black fragt Vartanian indirekt, für wen Kunst eigentlich gemacht werde – und schließt: "Es ist eine Frage, die wir alle für uns selbst beantworten müssen." Für Monopol hat Felix von Boehm in die Epstein-Akten geschaut.

Kunstgeschichte

Eine KI-Analyse stellt laut "Guardian" die Zuschreibung zweier berühmter Van-Eyck-Gemälde in Philadelphia und Turin infrage. Die nahezu identischen Tafeln "Der heilige Franziskus empfängt die Stigmata" seien laut Tests der Firma Art Recognition "91 Prozent negativ" (Philadelphia) und "86 Prozent negativ" (Turin) – Van Eycks charakteristische Pinselspur fehle. Van-Eyck-Experte Till-Holger Borchert sagt, die Ergebnisse stützten die Annahme, dass es sich um Werkstattarbeiten handeln könnte, räumt aber ein, er sei "überrascht" gewesen und es blieben offene Fragen. Art-Recognition-Chefin Carina Popovici erklärt: "Ich hatte erwartet, dass, wenn eines negativ ist, das andere positiv ausfällt. Aber beide waren negativ" – keine gute Nachricht für die Museen. Kunsthistoriker Noah Charney hält die Methode für "bemerkenswert genau" und vermutet ein verlorenes Original. Zugleich mahnen Kritiker, Restaurierungen könnten KI-Analysen verfälschen. Ironischerweise bestätigte dieselbe Technik Van Eycks Arnolfini-Porträt in London als "89 Prozent wahrscheinlich authentisch".

Kunstmarkt

Ein Rechtsstreit um ein Picasso-Gemälde legt laut "Guardian" die Offshore-Finanzstrukturen des Milliardärs Sasan Ghandehari offen, der Nigel Farages 50.000-Pfund-Reise nach Davos finanzierte. Im Zentrum steht ein Bild ("Femme dans un rocking-chair"), das Christie’s verkauft haben soll. Eine Firma auf den British Virgin Islands klage wegen angeblicher Falschdarstellung über vier Millionen Pfund, Christie’s kontert mit einer 16-Millionen-Pfund-Gegenklage wegen ausstehender Zahlungen. Gerichtsdokumente zeigen, dass Ghandeharis Frau  "offenbar die wirtschaftlich Berechtigte" der Firma ist. Ghandehari wollte Details zu seinem mutmaßlich 10-Milliarden-Dollar schweren Trust nicht offenlegen; dies sei ein "invasiver Eingriff". Demokratie-Aktivist Tom Brake fordert "vollständige Transparenz" über politische Geldgeber. Der Richter zweifelte an Ghandeharis Darstellung als argloser Käufer und stellte fest, es gebe "keine ordentlichen Belege" zu seiner Finanzlage. Christie’s spricht von einem "schlichten Schuldfall".

In der "SZ" beschreibt Geertjan de Vugt, wie NS-Kunst wieder verstärkt auf dem Kunstmarkt zirkuliert – parallel zum Erstarken rechter Bewegungen. Im Zentrum steht die anonym geführte German Art Gallery eines niederländischen Galeristen, der Werke von Arno Breker, Josef Thorak oder Fritz Erler handelt und offen sagt: "Ohne diese Fahnen wäre es historisch und kommerziell viel weniger wert." Kunsthistoriker Christian Fuhrmeister warnt, diese Werke seien "zutiefst politisch", selbst wenn sie harmlos wirkten, da sie Teil einer NS-Gesamtinszenierung waren. Museen könnten kontextualisieren, Galerien jedoch nicht – hier werde "angeboten, nicht erklärt". Kurator Jelle Bouwhuis sieht zwar historische Distanz, doch der Text stellt die Frage, ob NS-Kunst heute gerade deshalb Resonanz findet, weil sie "eindeutige Lesbarkeit, heroische Körper und klare Botschaften" liefert. Am Ende steht ein moralisches Dilemma: Nicht ob, sondern wie diese Kunst wieder auftaucht – und zu welchem Preis.