Erinnerungskultur
In der "SZ" führen Meron Mendel und Volker Beck ein Streitgespräch über die geplanten Yad-Vashem-Außenstellen in München und Leipzig. Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, warnt vor politischen Risiken: "Der Kampf um die Erinnerung ist ja ein Kampf um die Gegenwart", sagt er und argumentiert, die israelische Regierung könne Einfluss auf die Gedenkpolitik nehmen. Er fordert klare Konzepte und institutionelle Unabhängigkeit. Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, hält dagegen, Yad Vashem sei eine etablierte Bildungs- und Forschungseinrichtung und kein staatliches Propagandainstrument; die Kritik bezeichnet er als überzogen. Beide sind sich zwar einig, dass Erinnerung politisch umkämpft ist, streiten jedoch über Ausmaß und Kontrolle. Mendel sieht Gefahren der Instrumentalisierung, Beck verweist auf bestehende demokratische Kontrollmechanismen und warnt vor doppelten Standards gegenüber Israel.
Tobias Ginsburg schreibt in der "Zeit" über ein KI-Video der SPD, das Jeanette Wolff als Avatar zeigt. Die Figur sagt: "Ich bin die einzige weibliche KZ-Überlebende, die je in den Deutschen Bundestag eingezogen ist" und spricht von "sozialer Gerechtigkeit" sowie davon, dass "nur wenige aus meiner Familie überlebten". Ginsburg bezeichnet das Video als "abscheuliche KI-Kreatur" und eine "geschichtsklitternde Verhöhnung der tatsächlichen Person". Das Ergebnis sei "leb- und lieblos: Eine robotisch animierte Fotografie, dazu stochastisch berechnete Wortfolgen, vertont von einem synthetischen Klangmodell – ein digitales Ungeheuer". Insgesamt sieht er darin eine "nekromantische Erinnerungsmaschine", in der "kein Raum übrig bleibt für diese Individualität". Die digitale Erinnerungskultur erscheine ihm als systematische Glättung historischer Brüche, während er das Video als Beispiel einer entgleisenden Praxis kritisiert.
Kunstmarkt
Melanie Gerlis berichtet in der "Financial Times" über einen drastischen Umbau bei der Pace Gallery. Die Mega-Galerie trennt sich von mehr als 50 Künstlern ihres bislang 135 Positionen umfassenden Programms, baut 20 Prozent der Belegschaft ab und sucht für London kleinere Räume. CEO Marc Glimcher begründet die Einschnitte mit einer grundlegenden Krise des Geschäftsmodells: "Das gegenwärtige Galeriemodell ist nicht nur kaputt, es lässt sich auch nicht reparieren." Bei einem Programm von 135 Künstlern werde alles delegiert, erklärt Glimcher; man verbringe die Zeit in Meetings und verliere den direkten Bezug zu den Werken und ihren Geschichten. Zwar betont er, man spreche "eigentlich nur über Pace" und wolle keine Handlungsanweisung für andere geben. Dennoch sehen viele Galeristen darin ein Warnsignal. Matt Carey-Williams bezeichnet die Entwicklung als "Alarmsignal" für die Branche: Wenn eine der größten Galerien der Welt plötzlich erkläre, dass sie so nicht mehr arbeiten könne, erinnere das daran, dass der Kunstmarkt von "Dialog und Diskurs" lebe. Andere Händler halten dagegen, die Probleme seien eher Pace-spezifisch als Ausdruck einer allgemeinen Branchenkrise. Ob die Berliner Dependance geschlossen wird, lässt sich dem Text nicht entnehmen, aber eine Aussage von Marc Glimcher könnte als positives Signal gedeutet werden: Er lobt, "wie eng die Teams in Korea, Tokio und Berlin zusammengearbeitet haben, Das ist definitiv das Vorbild für uns".
Brita Sachs berichtet in der "FAZ" über das 80-jährige Jubiläum des Münchner Auktionshauses Ketterer Kunst, das mit hochpreisigen Werken von Kandinsky, Kirchner und anderen Klassikern gefeiert wird. Die Geschichte des Hauses beginne 1946 in Stuttgart, als Roman Norbert Ketterer mit einer Lizenz der US-Militärregierung das "Stuttgarter Kunstkabinett" eröffnete und damit vom Altölhandel in den Kunstmarkt wechselte. Nach dem Krieg habe eine starke Nachfrage nach expressionistischer Kunst den Markt geprägt, später sei das Unternehmen unter Robert Ketterer international ausgebaut und auf moderne sowie zeitgenössische Kunst fokussiert worden. Heute verweise das Haus auf seine eigene Provenienzabteilung, die etwa ein Werk von Kandinsky neu zuordnet: Aus einer „Naturstudie in Oberau", einst Gabriele Münter zugeschrieben, werde nun ein Kandinsky und entsprechend auf 500.000 bis 700.000 Euro taxiert. Auch ein weiteres Kandinsky-Gemälde könnte zwei bis drei Millionen Euro erzielen. Sachs beschreibt Ketterer als Marktführer unter deutschen Auktionshäusern, dessen Jubiläumsauktion sowohl kunsthistorische Neuzuweisungen als auch hohe Millionenwerte verbindet.