Kulturpolitik
In der "SZ" zieht Jörg Häntzschel eine ernüchternde Bilanz von Wolfram Weimers erstem Jahr als Kulturstaatsminister. Während Weimer sich im Sommer auf einer "grand tour" durch Schlösser, Klöster und Festivals als Bewahrer deutscher Tradition inszeniere, bleibe kulturpolitisch wenig vorzuweisen. Häntzschel beschreibt einen Minister, der viel ankündige, häufig zurückrudere und vor allem etablierte Institutionen bevorzuge. Weimers Versuch, sich als Mann der "Mitte" zu präsentieren, überzeugt den Autor ebenfalls nicht: Er verweist auf frühere deutlich konservativere Positionen und kulturkämpferische Interventionen. Häntzschels Fazit: Weimer müsse noch beweisen, dass er "auch ihr Staatsminister" – und nicht "ihr Kritiker und Aufseher" sei.
In der "taz" beschreibt Michael Bartsch den geplanten kulturpolitischen Kurs der AfD in Sachsen-Anhalt als "große patriotische Kulturrevolution". Die Partei wolle Kultur, Bildung und Medien auf eine nationale Identität verpflichten und Institutionen wie das Bauhaus oder die Provenienzforschung zurückdrängen. Dagegen formiere sich bereits eine ungewöhnlich breite Allianz von 67 Kultureinrichtungen. Christian Philipsen von der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt nennt die Reduktion mittelalterlicher Geschichte auf "Deutschtümelei" "totalen Unsinn". Literaturhaus-Leiterin Sarah Thäger kündigt an, man werde "auf keinen Fall ein von der AfD verlangtes patriotisches Bekenntnis abgeben". Beim Bürgerradio Corax gibt sich Aljoscha Hartmann kämpferisch: "Egal, was kommt, wir werden weiter Radio machen." Nicola Kuhn geht im "Tagesspiegel" konkret auf das Bauhaus ein. Der kulturpolitische Sprecher der AfD, Hans-Thomas Tillschneider, bezeichnete es als "Irrweg der Moderne" und warf ihm "Traditionsvernichtung" vor. Kuhn sieht darin Parallelen zur NS-Rhetorik: Der Begriff "Irrweg der Moderne" stammt vom Rasseideologen Paul Schultze-Naumburg. Nach der Landtagswahl könnte die AfD über Landesmittel und Sitze im Stiftungsrat Einfluss auf das Bauhaus nehmen. Zugleich sei die Stiftung mit steigenden Besucherzahlen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Kuhn deutet die Angriffe als Teil eines größeren Kulturkampfs: Die AfD wolle die Moderne pauschal diskreditieren und durch einen "architektonischen Heimatstil" ersetzen. Die Kulturszene versuche dagegen, Begriffe wie "Heimat" zurückzugewinnen.
Museen
Tilman Krause plädiert in der "Welt" für eine deutsche Nationale Porträtgalerie nach dem Vorbild Londons. Ein Museum für die Gesichter prägender Persönlichkeiten könne Geschichte individueller und vielfältiger erzählen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wolle damit "endlich wieder ein individuelles Gesicht" geben und zeigen, "wie vielfältig die deutsche Geschichte ist". Krause sieht darin auch eine Chance für die Kunstgeschichte: Vergessene Porträtisten wie Franz Seraph Stirnbrand oder Franz von Lenbach könnten neu entdeckt werden. Gerade in Zeiten von Reproduzierbarkeit und KI wachse zudem die Sehnsucht nach dem Authentischen: Die Suche nach der "Einzigartigkeit des menschlichen Gesichts" könne das Geschichtsbewusstsein stärken und zugleich Zukunft gestalten.
Daniel Grant berichtet im "Observer" über eine Luxusbranche, die sich um exklusive Museumsbesuche nach Feierabend gebildet hat. Wohlhabende Reisende zahlen Tausende Dollar dafür, Meisterwerke ohne Publikum zu sehen oder normalerweise verschlossene Räume zu betreten. Eine Vatikan-Führung um sechs Uhr morgens kostet etwa 8000 Dollar plus 20.000 Dollar Spende. Eine private Führung der Borghese Gallery liegt bei mehr als 12.000 Dollar. Jennifer Frusci Virgilio von Queen of Clubs sagt: "Man kann einfach eine Eintrittskarte kaufen und losgehen", doch mit einem kundigen Guide sehe man mehr und erhalte Zugang zu Bereichen abseits der üblichen Route. Auch Museumspatronate bieten privilegierten Zugang: Bei den Uffizien etwa ab 10.000 Dollar Jahresbeitrag. Zugleich, so Grant, wird Exklusivität selbst zum Luxusgut: Entscheidend ist nicht nur das Kunstwerk, sondern "die Abwesenheit aller anderen".
Fotografie
Boris Pofalla porträtiert in der "Welt" den Fotokünstler Thomas Demand, der die Welt zunächst aus Papier und Pappe nachbaut, die Modelle fotografiert und anschließend zerstört. Dahinter stecke der Versuch, Wirklichkeit über ihre Bilder zu verstehen: "Der Punkt an der Kulturtechnik des Modells besteht darin, dass es unwichtige Dinge weglässt." Besonders interessiert Demand an Bildern, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben – etwa das Foto von Uwe Barschels Badewanne, das er 1997 als "Badezimmer" nachbaute. "Wir wissen aus Bildern viel mehr von der Welt als aus wirklicher Erfahrung", sagt er. Pofalla zeigt Demand als Künstler, der die Fotografie nutzt, um Erinnerung, Wirklichkeit und deren mediale Abbilder zu hinterfragen.
Bücher
Calla Henkel stellt in "Frieze" vier Bücher vor, die ihren eigenen Schreibimpuls geprägt haben. Besonders prägend war Renata Adlers Speedboat, das Henkel als "eine Offenbarung" beschreibt: Das Buch habe ihr gezeigt, dass sich auch Gedankensplitter und Intuition zu Literatur verweben lassen. Tamarin Norwoods "The Song of the Whole Wide World" bezeichnet sie als "das vielleicht herzzerreißendste Buch, das ich je gelesen habe" und als Gegenstück zu Cormac McCarthys "The Road". Patricia Highsmiths Schreibratgeber "Plotting and Writing Suspense Fiction" schätzt Henkel, weil er keine festen Formeln liefert, sondern "moralische Zweideutigkeit" und das unbewusste Entstehen von Romanen betont. Paulus Berensohns "Finding One’s Way with Clay" schließlich liest sie als Meditation über künstlerisches Arbeiten: "Wir alle atmen, wir alle leben" – entscheidend sei, diese Erfahrung mit dem eigenen Schaffen zu verbinden.