Debatte
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sieht im deutschen und europäischen Kulturbetrieb ein großes Problem mit Antisemitismus – und Parallelen zur Zeit des Nationalsozialismus. Viele Künstler würden nicht mehr auf die Bühne gelassen, sagte Weimer im Podcast von "Bild"-Vize Paul Ronzheimer. "Und das ist dann schon ein bisschen wie in den 30er-Jahren: Juden dürfen hier nicht auftreten, Juden dürfen hier nicht rein." Das sei mittlerweile Normalität geworden in Europa. "Wir haben es mit einer Situation zu tun, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland – und insbesondere auch die, die irgendwie öffentlich sichtbar sind und das ist dann Kulturbetrieb – Angst haben", sagte er. Die Angst sei eine unmittelbare Reaktion auf ein vollkommen verändertes Klima, auf eine latente Aggressivität. "Jüdinnen und Juden haben im Jahr 2025 in Deutschland in der Öffentlichkeit Angst." Diesen einfachen Satz halte er für unerträglich. Unter dem Vorwand der Israel-Kritik kämen "alle möglichen alten Fratzen des Antisemitismus" hervor. Er führte weiter aus: Wenn ein jüdischer DJ auf Ibiza keine Aufträge mehr bekomme, dann habe das wenig mit Benjamin Netanjahu zu tun. Er kriege keine Aufträge, weil er Jude sei. "Das ist blanker Antisemitismus."
Museen
Im "Guardian" berichtet Lanre Bakare von einem historischen Schritt der Londoner National Gallery: Dank Spenden von insgesamt 375 Millionen Pfund – je 150 Millionen von Michael Moritz’ Crankstart Foundation und der Hans-und-Julia-Rausing-Stiftung, ergänzt durch weitere Gelder – plant das Museum mit "Project Domani" einen neuen Flügel, der Anfang der 2030er eröffnen soll. Parallel hebt die Institution ihr Sammlungsverbot für Werke nach 1900 auf. Direktor Gabriele Finaldi sprach von der "Frustration" über die bisherige Grenze: "Es ist leicht frustrierend, 1900 zu erreichen und dann nicht weiterzugehen." Premier Keir Starmer nannte das Projekt "fantastic news" für Kunst und Bildung. Die Tate-Direktorin Maria Balshaw begrüßte offiziell die Entscheidung – auch wenn dies neue Konkurrenz bedeutet.
In Paris eröffnet am 25. Oktober die neue Fondation Cartier Pour L’Art Contemporain, gestaltet von Architekt Jean Nouvel, der unter anderem das Institut du Monde Arabe entwarf. Das ehemalige 19.-Jahrhundert-Kaufhaus Grands Magasins du Louvre wurde in ein flexibles Ausstellungshaus verwandelt, berichtet Dana Thomas in "Architectural Digest": "Wir wollten mit Perspektiven spielen, nicht nur mit Wänden und Wänden", so Nouvel. Fünf bewegliche Plattformen können bis zu elf Meter hoch fahren, um Installationen verschiedener Größen zu ermöglichen. Über drei Etagen verbinden rund 1.200 Quadratmeter Laufstege die Räume, die Besucher aus der Vogelperspektive betrachten können. Nouvel platzierte den Eingang an der Place du Palais-Royal, um die Dimensionen des Raums sofort erfahrbar zu machen, und ließ die straßenseitigen Schaufenster wie ein Aquarium wirken. Die Eröffnungsausstellung zeigt 600 Werke von über 100 Künstlern aus 41 Jahren Fondation-Geschichte.
Kunstmarkt
Die Münchner Galerie Walter Storms eröffnet zur Berlin Art Week eine Dependance in den Mercator-Höfen mit einer großen Günter-Fruhtrunk-Schau. "Es ist eine Ausstellung der Superlative", schreibt Christiane Meixner im "Tagesspiegel". Gezeigt werden zentrale Bilder von 1952 bis 1983, deren schräge, farbintensive Streifenkompositionen längst ikonisch sind – nicht zuletzt durch Fruhtrunks Aldi-Tüten-Design. Galerist Walter Storms, der den Nachlass verwaltet, betont, Fruhtrunk sei in Berlin "nicht allzu präsent" gewesen, das wolle er nun ändern. Mit rund 200 Quadratmetern Ausstellungsfläche will er auch jüngere Positionen zeigen: Berlin sei dafür "das ideale Pflaster". Die Ausstellung läuft bis 31. Oktober in der Potsdamer Straße 81 A.
Porträt
Rosemarie Trockel gilt seit den 1980er-Jahren als enigmatische Figur der Kunst. Emily Watlington schreibt in "Art in America", Trockel habe ihre "Konstanten" schon 1988 benannt: "Frau, Inkonsequenz, Reaktion auf Modetrends" – und vor allem die Inkonsequenz präge ihr Werk bis heute. In einem frühen Gespräch mit Jutta Koether erklärte die deutsche Künstlerin: "In dem Moment, in dem etwas funktioniert, hört es auf, interessant zu sein." Watlington hebt hervor, dass Trockel zwar für ihre Strickbilder berühmt wurde, diese aber immer wieder dekonstruierte, vom Umschlagen auf die Rückseite bis zum Zerschneiden. Auch KI-Bilder erscheinen ihr nun wie ein weiteres "schwaches Material". Für Watlington zeigt Trockel, wie man "neugierig und weird" bleiben kann: durch Loyalität, Unangepasstheit – und durch Kunst, die keine abschließende Deutung erlaubt.
In "Artnet News" porträtiert Jo Lawson-Tancred die britische Künstlerin Sonia Boyce, die 2022 für den Pavillon "Feeling Her Way" bei der Biennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Mit ihrer New Yorker Ausstellung "Improvise with what we have" bei Hauser & Wirth rückt sie erneut Black British Kultur ins Zentrum. Boyce zeigt u. a. den Film "Silent Disco", der "die unbewachte Freude" einer Gruppe tanzender Menschen feiert, sowie "Carmen" (2025), ein Porträt der Schauspielerin Carmen Munroe. "Trotz einer glanzvollen Karriere ist es schwierig, ihre Laufbahn zu rekonstruieren", erklärt Boyce und kritisiert das Fehlen Munroes im National Theatre Archive. Auch ihre künstlerischen Einflüsse benennt sie: von Cleo Laine über René Magritte bis zu Lorna Simpson – stets interessiert an "Discord, Disjuncture, Juxtaposition", also in etwa: Dissonanz, Bruch, Gegenüberstellung.
Das besondere Kunstwerk
Das inzwischen fast wieder verschwundene Werk des britischen Künstlers Banksy beschäftigt auch die Londoner Met Police. Das Graffiti an der Fassade eines Gebäudeteils des Royal Courts of Justice ist der Polizei am Montag als Sachbeschädigung gemeldet worden. Die Polizei-Beteiligung löste gleich Spekulationen aus. Durch die Ermittlungen könne die Identität des anonymen Künstlers womöglich bald enthüllt werden, berichtete etwa die britische Zeitung "The Independent". Bei Gerichtsverfahren werden die Namen der Angeklagten in der britischen Berichterstattung schnell genannt. Das neue Werk sorgt seit Beginn der Woche in London für Aufsehen. Das Graffiti, das einen Richter in bedrohlicher Pose über einem Demonstranten zeigt, war am Montag plötzlich am Queen’s Building, einem Gebäudeteil des Justizzentrums, zu sehen - da, wo eigentlich strenge Sicherheitsvorkehrungen gelten. Aktuell wird das Werk schon wieder von dem denkmalgeschützten Gebäude weggeschrubbt.