Medienschau

"Gesundheitseffekt der Künste auf biologischer Ebene"

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Kunst verlangsame laut Studie den Alterungsprozess, die Berliner "MuseumsMeileMitte" als Symptom einer städtebaulichen Fehlentwicklung und Patti Smith auf der Venedig-Biennale: Das ist unsere Medienschau am Dienstag

Museen

Stefan Trinks kritisiert in der "FAZ" die Berliner "MuseumsMeileMitte" als Symptom einer städtebaulichen und kulturellen Fehlentwicklung. Die Mischung aus Museen und Immobilienwirtschaft erscheint ihm weniger als Aufwertung denn als Instrument der Vermarktung. Hinter der Initiative stehe ein Immobilienunternehmen, das offenbar "eingesehen hat, dass es ganz ohne Kultur in dem Entwicklungsstadtteil nicht geht". Trinks beschreibt die Europacity als austauschbare "gebauten Wüste" mit "gesichtslosen Fassaden" und zieht Parallelen zu Frankfurt, wo ähnliche Quartiere entstünden. Besonders kritisch bewertet er die Kooperation von Museen und Immobilienfirmen: Wenn Museen gemeinsam mit einem Entwickler das Viertel als "lebenswerteren Stadtraum" vermarkten, werde Kultur zur Kulisse. Die direkte Nähe zu Investoren kommentiert er zugespitzt mit der Frage, ob hier nicht "etwas vergessen" worden sei. Insgesamt deutet Trinks die Museumsinitiative weniger als kulturelles Projekt denn als Teil einer "Vermarktungslogik", in der Museen unfreiwillig zu Werbeträgern für Immobilienentwicklung werden.

Venedig-Biennale

In der "SZ" stellt Peter Richter den deutschen Pavillon als Projekt dar, das ostdeutsche Biografien ausstellt und zugleich "Ostdeutschness" abprüft. Die Künstlerinnen Henrike Naumann und Sung Tieu würden, so Richter, die Nachwendezeit als "Jahre der fremdenfeindlichen Gewalt" und "des Aufbruchs und der Zurückgebliebenen" inszenieren. Der Autor beschreibt den Pavillon als von "angestauter Gewalt" durchzogene Rauminstallation und zitiert zustimmend die These, die Nachkriegszeit sei vielleicht schon "die nächste Vorkriegszeit". Richter liest Naumanns Szenografie als Überwältigungsästhetik, in der DDR-Alltag, Plattenbau und Wende-Möbel zu einem kulturellen Psychogramm verdichtet werden. Zugleich kritisiert er den identitätspolitischen Zugriff: Der Pavillon zwinge Besucher dazu, ihre Herkunft zu "checken". Bei Tieu hebt er zwar die formale Qualität hervor, etwa die Transformation des NS-Baus in einen Plattenbau (sie habe die Pavillonarchitektur "so zwingend in den Griff bekommen wie überhaupt noch niemand vor ihr"), bleibt aber skeptisch gegenüber der politischen Lesart von Ost- und Migrationsgeschichte als künstlerischem Material. Insgesamt erscheint ihm die Biennale als Ort, an dem nationale und regionale Identitäten wieder stark betont werden – weniger reflektiert als vielmehr ausgestellt.

Louise Benson berichtet auf "Ocula" über einen Auftritt von Patti Smith im Rahmen des Vatikan-Pavillons. In einer Kirche des 17. Jahrhunderts habe Smith ein "sonic prayer" inszeniert und damit den von Hans Ulrich Obrist und Ben Vickers kuratierten Pavillon eröffnet. Benson zeichnet die Performance als spirituell-emotionales Ereignis nach: Smith habe das Publikum mit der Vorstellung angesprochen, Künstler könnten ihrer Berufung nicht entkommen. "Wenn wir die Berufung eines Künstlers haben, können wir nicht vor ihr davonlaufen", sagte Smith laut Benson. Kunst müsse "Menschen anregen, aufregen und inspirieren". Die Autorin beschreibt zudem, wie die elektronischen Klangflächen von Soundwalk Collective "mehrere Zuhörer zu Tränen rührten". Benson ordnet den Pavillon als stillen Gegenpol zur lauten Biennale ein: Das Projekt greife Koyo Kouohs Idee auf, "langsamer zu werden und sich auf leisere Register einzustimmen". Besonders hebt sie Smiths Bezug auf Hildegard von Bingen hervor, die Smith als "Meisterin des klanglichen Gebets" bezeichnet habe.

Kunstszene

In der "Times" berichtet Wissenschaftsredakteur Kaya Burgess über eine Studie des University College London, laut der regelmäßiger Kunst- und Kulturkonsum den Alterungsprozess messbar verlangsamen könnte. Wer sich mindestens wöchentlich mit Kunst beschäftige – etwa durch Museumsbesuche, Musik oder Malerei –, altere biologisch bis zu vier Prozent langsamer als Menschen ohne kulturelle Aktivitäten. Studienleiterin Daisy Fancourt spricht von einem "Gesundheitseffekt der Künste auf biologischer Ebene". Kultur könne ähnlich gesundheitsfördernd sein wie Sport. Besonders wirksam scheine eine "Vielfalt" kultureller Aktivitäten zu sein, da unterschiedliche Formen verschiedene Reize wie soziale, emotionale oder kognitive Stimulation erzeugten. Burgess betont, dass die Effekte auch nach Bereinigung sozialer Faktoren sichtbar geblieben seien.

Kunstgeschichte

Im "Atlantic" fordert die Kunsthistorikerin Paris A. Spies-Gans eine Neubewertung von Mary Cassatt. Die Impressionistin sei heute vor allem als Lieferantin sentimentaler Mutter-Kind-Motive bekannt, tatsächlich aber eine "künstlerische Visionärin" und politische Figur gewesen. Spies-Gans beschreibt Cassatt als radikale Beobachterin weiblicher Lebensrealitäten, die "die rätselhaften Komplexitäten des Frauseins in der modernen Welt" sichtbar gemacht habe. Ihre Bilder zeigten nicht Harmonie, sondern die "harte Arbeit der Kinderbetreuung" und die Zwänge weiblicher Rollenbilder. Kritiker hätten damals ihre "virile" Technik hervorgehoben, ein US-amerikanischer Rezensent schrieb sogar, ihre Malerei "übertreffe die Kraft der meisten Männer". Spies-Gans argumentiert, Cassatts Radikalität sei später von Kunstmarkt und Museumspolitik "versüßt und weichgezeichnet" worden. Selbst ihr Einsatz für das Frauenwahlrecht sei hinter dem Image der harmlosen Muttertagsmalerin verschwunden.

Kunstmarkt

Annegret Erhard erklärt in der "Welt" die Mechanismen von Kunstauktionen als Mischung aus Transparenz, Psychologie und streng geregeltem Geschäft. Unerfahrene Bieter sollten sich von der Dramaturgie nicht einschüchtern lassen, schreibt sie, denn Auktionen folgten "klaren Regeln". Erhard beschreibt den Auktionator als Manager eines hochgradig kontrollierten Prozesses: Das oft missverstandene "Chandelier Bidding" sei "absolut nichts" Betrügerisches, sondern lediglich "Dramaturgie mit dynamischer Anschubqualität". Zugleich warnt sie vor Leichtsinn: "Zuschlag ist Zuschlag", Kaufreue gebe es nicht. Besonders kritisch blickt die Autorin auf Garantiesysteme im Hochpreissegment, die sie als vom Banken- und Versicherungsgeschäft adaptiertes Modell beschreibt, das "mit dem Kunstmarkt an sich nicht mehr so viel zu tun hat". Entscheidend sei letztlich nicht Renditefantasie, sondern die persönliche Beziehung zum Werk. Die Frage nach künftiger "Performance" sei "naiv", wichtiger sei: "Will und kann ich mit dieser Arbeit leben?"