Medienschau

"Verrannt in einer Fantasie endlosen Wachstums"

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Jerry Saltz rechnet mit Pace ab, Kuratorin Helen Molesworth über Trägheit, und Kind beschädigt Magritte-Gemälde: Das ist unsere Medienschau am Freitag

Debatte

Stefan Niggemeier kritisiert in "Übermedien" den Kulturstaatsminister Wolfram Weimer für dessen wiederkehrende Rhetorik um den Begriff "Eigentlichkeit". Weimer, so der Autor, nutze das Wort seit Jahren in Interviews, Reden und Kolumnen als eine Art intellektuelles Leitmotiv – ohne dass dessen Bedeutung je klar werde. Niggemeier zeigt, wie Weimer "Eigentlichkeit" systematisch gegen "Uneigentlichkeit" setzt und damit eine kulturelle Gegenwelt beschreibt, in der Bürgerlichkeit, Identität und Tradition als "Gehäuse" einer stabilen Ordnung erscheinen. Typisch sei etwa die Formel: "Das Gehäuse der Bürgerlichen ist immer die Eigentlichkeit, nicht die Möglichkeit." Der Text arbeitet sich dabei durch zahlreiche Zitate Weimers aus verschiedenen Jahren und Medien, in denen sich das Wort "Eigentlichkeit" wie ein roter Faden wiederholt – von Medienkritik über Kulturpolitik bis zur Bundestagsrede. Niggemeiers Pointe: Der Begriff werde so häufig und variabel benutzt, dass er letztlich selbst an Kontur verliere und eher als rhetorisches Ornament denn als inhaltlich greifbares Konzept erscheine.

Kuratorin Helen Molesworth reflektiert in "Cultured" über die "Sünde" der Trägheit und stellt sie bewusst gegen den heutigen Arbeits- und Leistungsdruck. Sloth sei für sie nicht nur Faulheit, sondern ein ambivalenter Zustand zwischen Rückzug, Begehren und Kreativität. Sie beschreibt eigene Wünsche nach Müßiggang und zugleich das schlechte Gewissen, das sie zur Arbeit treibe. Genau deshalb interessiere sie sich für Künstlerinnen und Künstler, die Nicht-Arbeit als Strategie nutzen: etwa Lee Lozano, die sich mit ihrer "General Strike Piece" bewusst aus dem Kunstbetrieb zurückzog, oder Robert Barry, der mit "Closed Gallery" erklärte: "Nichts erscheint mir so kraftvoll wie das". Auch Marcel Duchamp wird zitiert, der sagte: "Im Grunde bin ich unglaublich faul", während sein Werk Étant Donnés gerade aus diesem Rückzug entstanden sei. Molesworth verbindet das mit der Idee von Mierle Laderman Ukeles' "maintenance art", in der alltägliche Care-Arbeit selbst zur Kunst wird. Ihr Fazit ist provokativ: Vielleicht sei Trägheit keine Sünde, sondern eine Gegenfigur zur Logik des Kapitalismus – und Arbeit nicht unbedingt das, was "Gott für uns vorgesehen hat", wie sie mit Verweis auf Paul Lafargue andeutet.

Kunstmarkt

Jerry Saltz rechnet im "New York Magazine" mit der Pace Gallery ab, die er als Symbol einer gescheiterten Wachstumslogik im Kunstmarkt beschreibt. Die Galerie habe sich, so Saltz, in den vergangenen Jahren in eine "Fantasie endlosen Wachstums und Hypes" verrannt – getrieben von der Annahme, "dass größer automatisch besser ist". Saltz vergleicht Pace mit einem "Fyre Festival der Mega-Galerien": viel Branding, Expansion und Versprechen, die sich nicht einlösen. Unter der Leitung von Marc Glimcher sei das System auf "Metriken" und Größe ausgerichtet worden – mehr Künstler, mehr Standorte, mehr Projekte. Das Ergebnis sei eine überdehnte Struktur, die nun durch massive Kürzungen von rund 50 Künstlern und 50 Mitarbeitenden korrigiert werden müsse. Zwar erkenne der Autor an, dass Pace weiterhin wichtige Künstler vertrete, doch insgesamt fehle eine klare Identität. Die jüngste Umstrukturierung zeige, dass das Modell "optimiert für eine Vision des Kunstmarkts, die nie eingetreten ist", wie ein betroffener Künstler zitiert wird. Saltz’ Fazit: Die Krise von Pace sei ein Symptom eines Systems, in dem Expansion selbst zum Zweck geworden ist – mit entsprechend chaotischen und unpersönlichen Folgen.

Museen

Die "Times of Israel" berichtet, dass René Magrittes Gemälde "The Castle of the Pyrenees" im Israel Museum von einem Jungen mit einem Tannenzapfen beschädigt wurde. Das Kind habe den Zapfen im Skulpturengarten aufgehoben und die Leinwand "innerhalb weniger Sekunden" durchstochen, bevor das Aufsichtspersonal eingreifen konnte. Das Werk werde nun restauriert, so dass die Beschädigung später "nahezu unsichtbar" werde. Das 1959 entstandene Werk sei ursprünglich für den New Yorker Anwalt und Kunstsammler Harry Torczyner geschaffen worden, der damit den Blick aus seinem Bürofenster auf ein unansehnliches Nachbargebäude verdecken wollte. 1985 schenkte er das Gemälde dem Israel Museum und schrieb, es werde nun "eine weitere Reise durch Zeit und Raum" antreten.

Fotografie

Freddy Langer schreibt in der "FAZ" zum Tod des US-amerikanischen Fotografen Duane Michals und zeichnet ihn als radikalen Erzähler der Fotografie. Michals habe den Tod selbst "buchstäblich ins Bild geholt", etwa in Sequenzen wie "Death comes to an Old Lady" oder "The Spirit Leaves the Body", in denen Figuren sich auflösen, entsteigen oder ins Licht übergehen. Langer betont, Michals habe nicht das Beweisbild gesucht, sondern das "Verführerische": Seine Fotos seien flau, unscharf und zugleich präzise inszeniert, wodurch sie gerade aus der scheinbaren Durchsichtigkeit ihr Unheimliches bezögen. Berühmt sei seine Serie "Things are Queer", die in einer endlosen Bildschleife zeige, dass "die Dinge seltsam" seien ("the things are queer"), weil jedes Bild zugleich Teil und Spiegel eines anderen werde. Statt den Moment zu fixieren, habe Michals das Erzählen in die Fotografie eingeführt. Seine "Photo Stories" handelten von Liebe, Verlust und Vergänglichkeit, oft in wenigen Bildern verdichtet. Immer bleibe dabei etwas offen, so Langer indirekt: kein klares Ende, sondern Übergänge, Verwandlungen – selbst der Tod erscheine nicht als Abschluss, sondern als weiterer Zustand im Spiel der Möglichkeiten.

Malerei

Julie Belcove porträtiert in der "Financial Times" die US-amerikanische Künstlerin Jenny Holzer, die auf der Art Basel mit einem Icon-Award geehrt wird und parallel neue Arbeiten zeigt. Im Zentrum steht ihre Serie der "Redaction Paintings", in denen sie geschwärzte US-Regierungsdokumente – von Kriegsakten bis zu Epstein-Files – in Malerei überführt. Ein Werk etwa zeigt einen FBI-Bericht, in dem nur ein Wort sichtbar bleibt: "Trump". Belcove beschreibt sie als Künstlerin, die Macht durch Sprache sichtbar macht, dabei aber selbst oft im Hintergrund bleibt – bis hin zu dem Umstand, dass sie Eröffnungen gelegentlich bewusst meidet.

Alle paar Monate schreibt irgendwer über die sprechende Lücke in der Kanzlergalerie im Bundeskanzleramt: Während dort Porträts aller früheren Regierungschefs von Adenauer bis Schröder hängen, fehlt weiterhin das Bild von Angela Merkel. eine Offiziell verweist das Kanzleramt darauf, dass Ex-Kanzler ihre Porträts selbst in Auftrag geben, schreibt jetzt Jonathan Lindenmaier in der "Augsburger Allgemeinen"; zu Merkel heiße es lediglich: "Dazu geben wir zu gegebener Zeit Auskunft." Monopol hatte vor fünf Jahren eine Vorschlagliste für geeignete Künstlerinnen und Künstler veröffentlicht, auch zu Olaf Scholz' Bild haben wir uns Gedanken gemacht