Medienschau

"Delegitimation, Denunziation und Verunsicherung"

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Der rechte Eroberungskampf um die Kultur, eine neue Studie zum prekären Leben von Künstlern in Berlin und Meeses neues Volksbühnen-Stück ist abgesagt: Das ist unsere Medienschau am Mittwoch

Kunstbetrieb

Georg Seeßlen diagnostiziert in seiner "taz"-Kolumne einen rechten "Eroberungskampf" um die Kultur. Die Gesellschaft befinde sich in einem "Drei-Uhr-nachts-Zustand", schreibt er, in dem "alles geendet" habe, "und noch nichts Neues beginnen kann“. Rechte Akteure betrieben laut Seeßlen systematisch die "Delegitimation, Denunziation und Verunsicherung" liberaler Kulturinstitutionen, während Fördergelder umgeleitet und Schlüsselpositionen ideologisch besetzt würden. An die Stelle von Kritik trete zunehmend "das Empörungsspektakel". Kultur drohe von einem öffentlichen Gut zur "kreativwirtschaftlichen Ware" zu werden, öffentlich-rechtliche Kulturprogramme begingen aus Angst vor Angriffen gar "inhaltlich kollektiven Selbstmord". Seeßlen fordert deshalb offenen Widerstand statt Anpassung: "Keine Fraternisierung! Keine diplomatischen Kompromisse! Kein Aussitzen". Drei Uhr nachts sei nicht nur ein Moment der Angst, sondern auch "der Zeitpunkt, sich auf einen nächsten Morgen vorzubereiten".

In der "Stuttgarter Zeitung" deutet Adrienne Braun die neue Berliner Künstlerstudie als Beleg für ein strukturell dysfunktionales Kunstsystem. Zwar gelte Berlin weiter als Sehnsuchtsort der Kreativen, tatsächlich aber lebten viele Künstler in prekärer Armut: Das durchschnittliche Jahreseinkommen aus künstlerischer Arbeit liege laut Studie bei nur 6000 Euro. Braun beschreibt den Widerspruch zwischen milliardenschweren Spitzenpreisen auf dem Kunstmarkt und dem Alltag der meisten Kunstschaffenden als symptomatisch für den Betrieb. Die Autorin zeigt Verständnis für Forderungen nach Grundeinkommen oder besserer Absicherung, bleibt aber skeptisch gegenüber immer neuen Fördermodellen. Das eigentliche Problem liege tiefer: Kunsthochschulen bildeten "viel zu viele Künstler" aus, nicht wegen außergewöhnlicher Talente, sondern weil hohe Studierendenzahlen den Institutionen selbst nützten. Braun spricht von einem System, das junge Leute in einen Beruf dränge, "von dem [sie] nie werden leben können". Besonders kritisch sieht sie, dass im Kunstbetrieb Kuratoren, Vermittler und Institutionen bezahlt würden, während Künstler oft sogar Material- und Transportkosten selbst tragen müssten. Positiv hebt sie deshalb Ausstellungshonorare hervor wie zuletzt in Stuttgart: Es sei richtig, dass wenigstens jene bezahlt würden, "deren Werke offensichtlich gut genug sind, gezeigt zu werden".

In der "Berliner Zeitung" beschreibt Ulrich Seidler die Absage von Jonathan Meeses "Alaska Kid" an der Berliner Volksbühne Berlin als symbolischen Einschnitt kurz vor dem Intendanzwechsel. Hintergrund sei der Tod von Brigitte Meese, die für ihren Sohn weit mehr als Mutter gewesen sei: "Organisatorin, Muse und engste Vertraute". Seidler betont die fast symbiotische Verbindung zwischen beiden und deutet an, dass das geplante Theaterprojekt ohne sie kaum denkbar gewesen sei. Es hätte ein "fröhliches und wildes" Theater werden sollen, befreit von "Hierarchien und Traditionen des Gestaltens". Im "Spiegel" hatte Meese im April einen Nachruf auf seine Mutter veröffentlicht. "Du bist nun verschollen! Du bist nun Feenstaub und Sternenstaub!", schrieb der 56-Jährige. "Du bist nun in die ewigen Jagdgründe der Kunst entschwunden und dort in die Totalstkunst eingegangen!" Der Künstler würdigte seine verstorbene Mutter unter anderem als "Erzmami der Liebe" und "Chefin der Kunst".

In der "Zeit" beantworten zwölf Autorinnen und Autoren die Frage, welches Kunstwerk ihr Leben geprägt habe – ausgelöst durch Gigi Hadids ratlose Reaktion auf dieselbe Frage bei der Met Gala. Statt eines Kanons großer Meister entsteht ein sehr persönlicher Parcours durch Kunstgeschichte und Gegenwart. Julia Lorenz beschreibt Pipilotti Rists Video "Ever Is Over All" als "warme Einladung in einer mir fremden Sprache", Malin Schulz empfiehlt Hadid die schwarzen Leerräume von Anish Kapoor, in denen "das Auge Orientierung sucht" und man "ins Nichts" falle. Sabine Rückert erkennt sich selbst in Emil Noldes "Himmelsleiter" wieder: "Die Frau bin ich." Carolin Ströbele erinnert sich an Marina Abramovićs Performance "The Artist is Present" und fragt: "Haben wir alle damals ein Kunstwerk gesehen? Oder uns selbst?" Immer wieder geht es weniger um Bildungsgesten als um existenzielle Erfahrungen – um Tod, Erinnerung, Angst, Schönheit und das Gefühl, durch Kunst plötzlich anders auf die Welt zu schauen.

In der "Financial Times" beschreibt Melanie Gerlis die Oper als ungebrochenen Sehnsuchtsort für bildende Künstler – trotz Timothée Chalamets Spott über die angeblich "sterbende" Kunstform. Beim diesjährigen Glyndebourne-Festival inszeniert William Kentridge Monteverdis "L’Orfeo" mitsamt Zeichnungen, Animationen und Kostümen aus eigener Hand; seine "Fingerabdrücke seien überall", sagt Festivalleiter Stephen Langridge. Die Bühnenbildnerin Es Devlin erklärt die Faszination der Oper mit ihrem synästhetischen Zusammenspiel aus "Architektur, Skulptur, Bildern, Licht, Sprache und Musik" – als "Gesamtkunstwerk". Gerlis zeigt, wie Künstler von David Hockney bis Lubaina Himid die Oper als Experimentierfeld nutzen. Gerade die kollektive Arbeit ziehe viele an: Sara Berman sagt, die Zusammenarbeit habe ihr gezeigt, "wie einsam" ihre normale Praxis sei.

Venedig-Biennale

In "ARTnews" schildert Tessa Solomon einen neuen Streit um den russischen Pavillon als groteske Eskalation zwischen Staatsrepräsentation und Protestkultur. Auslöser ist ein Instagram-Post des Pavillons, der Pussy Riot "Selbstzensur" vorwirft, weil die Gruppe die Nutzung von Protestaufnahmen für eine Dokumentation über das Projekt untersagt habe. Der Pavillon beklagt, man habe "zeigen wollen, was wirklich passiert ist". Pussy Riot reagierte spöttisch und erinnerte daran, dass Instagram in Russland als "extremistische Organisation" gilt. Nadja Tolokonnikowa weist die Darstellung als harmlose Debatte zurück: Das russische Regime bestehe aus "Menschen, die andere für Kreidezeichnungen ins Gefängnis werfen". Im Gespräch mit SWR Kultur bewertet Monopol-Chefredakteurin Elke Buhr die Rückkehr Russlands als konfliktträchtig, aber grundsätzlich legitim. Eine Ausladung Russlands wäre ihrer Ansicht nach "ein relativ radikaler Schritt", weil die Biennale traditionell alle von Italien anerkannten Staaten akzeptiere. Buhr macht deutlich, dass sie eine Teilnahme trotz des Angriffskriegs nicht automatisch falsch findet – gerade weil Russland sich damit öffentlicher Kritik aussetzen müsse.

Podcast

Der vierteilige Video-Podcast "Der Fall Liebermann" vom Potsdamer Museum Barberini erzählt das Leben des Malers Max Liebermann als kunst- und zeitgeschichtliches Drama. Kulturjournalist Johannes Nichelmann zeichnet den Weg des jüdischen Künstlers von den skandalumwitterten Anfängen über seinen Aufstieg zum Präsidenten der Berliner Secession bis zur gesellschaftlichen Ächtung durch die Nationalsozialisten nach. Der Podcast verbindet Biografie, Kunstgeschichte und politische Analyse und fragt, wie schnell gesellschaftliche Anerkennung in Ausgrenzung umschlagen kann. Expertinnen wie Evelyn Wöldicke und Ortrud Westheider ordnen Liebermanns Werk und seine Epoche ein. Dabei entsteht ein vielschichtiges Porträt eines Künstlers, dessen Konflikte um Moderne, Antisemitismus und kulturelle Zugehörigkeit bis heute nachwirken. Der Podcast ist ab heute auf Spotify, Apple Podcasts sowie YouTube zu finden. 

Der sechsteilige Deutschlandfunk-Podcast "Heilsverbrechen" rekonstruiert die Missbrauchsvorwürfe gegen den slowenischen Priester und Mosaikkünstler Marko Ivan Rupnik. Mehrere ehemalige Ordensschwestern berichten von sexualisierten Übergriffen, spiritueller Manipulation und systematischer Kontrolle innerhalb der von Rupnik gegründeten Loyola-Gemeinschaft. Die Autorinnen verbinden investigative Recherche mit persönlichen Zeugnissen und zeigen, wie Machtmissbrauch, Abhängigkeit und Schweigen in kirchlichen Strukturen ineinandergreifen konnten. Zugleich beleuchtet der Podcast die Rolle des Vatikans und die zögerliche Aufarbeitung innerhalb der katholischen Kirche. Besonders eindrücklich ist, wie die Betroffenen ihren Kampf um Anerkennung und Gerechtigkeit schildern. 

Museen

In "Le Monde" beschreibt Roxana Azimi den Juwelenraub im Musée du Louvre vom Oktober 2025 als Symptom eines "erschöpften Museumsmodells". Ein Untersuchungsbericht der französischen Nationalversammlung sehe "die Sicherheitsfragen als blinden Fleck der Kulturwelt": Nur 23 Prozent der Museen verfügten über Notfallpläne, fast die Hälfte der staatlichen Sammlungen habe keine Videoüberwachung. Besonders alarmierend sei laut Bericht die Kombination aus maroder Infrastruktur, Personalmangel und wachsender Cybergefahr. Azimi schildert einen Kulturbetrieb, der unter dem Besucheransturm ächze: 73 Millionen Menschen besuchten 2023 französische Museen, während die Zahl des Aufsichtspersonals seit 2012 um 18 Prozent sank. Der Abgeordnete Alexis Corbière warnt vor einer "illusion sécuritaire" durch bewaffnete Museumsbesucher und fordert stattdessen strukturelle Reformen. Museumsdirektoren sollten nicht länger vom Präsidenten ernannt werden, damit sie sich weniger an "dem, was glänzt", orientierten als an langfristiger Sicherung und Pflege der Häuser.