Medienschau

"Betonklotz am Bein"

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Stimmen zum geplanten Oper-Neubau von Bjarke Ingels in Hamburg, Hauser & Wirth von britischen Steuerbehörden angeklagt, und David Shrigley will eine Million Pfund für ein altes Seil: Das ist unsere Presseschau am Freitag

Museen

Jörg Häntzschel hält in der "SZ" Markus Blumes verkündeten "Freispruch" für die Staatsgemäldesammlungen für reine Symbolpolitik. Zwar zitiere der bayerische Kunstminister pflichtbewusst die attestierte "solide Recherchepraxis", doch für Häntzschel zeigt der Bericht der Provenienzexpertin Meike Hopp vor allem ein System, das "organisatorisch unzureichend" arbeitet und jahrzehntelang Schlüsselbestände ignoriert hat. Der Autor, der die Diskussion mit seinen Berichten in Gang gesetzt hatte, betont, dass 82 rot markierte Werke und über 1400 weitere Fälle belegen, wie weit Bayern hinterherhinkt. Dass Blume nun plötzlich Restitutionen auch bei "nicht lückenlos aufklärbarer" Herkunft befürworte, wirkt für Häntzschel wie eine Kehrtwende, nachdem das Ministerium solche Schritte zuvor blockiert hatte. Sein Fazit: Dieser "Freispruch" sei keiner – das Vertrauen müsse erst wieder erarbeitet werden.

Im "Artnet News"-Podcast "The Art Angle" fragt Kate Brown nach der Aktualität reiner Frauenausstellungen. Sie erinnert daran, dass schon Christine de Pizan 1405 Misogynie "direkt herausforderte" und so frühe feministische Grundlagen legte. Linda Nochlin habe 1971 gezeigt, warum "es keine großen Künstlerinnen gegeben habe" – sie seien schlicht "übersehen, abgetan oder ausgelöscht" worden. Die neue Schau "The Woman Question: 1550–2025" im Museum of Modern Art Warschau versammelt "mehr als 200 Kunstwerke" von Sofonisba Anguissola bis Lisa Brice und zeige, "wie Frauen sich selbst und die Welt sahen". Kuratorin Alison M. Gingeras erklärt im Podcast, warum solche Ausstellungen trotz Fortschritten weiterhin nötig sind.

In der "NZZ" rekonstruiert Thomas Ribi, warum Nofretete seit 1913 in Deutschland blieb – und warum Rückgabeforderungen bis heute scheitern. Er schildert, wie Ludwig Borchardt die Büste "absolut legal" außer Landes brachte, obwohl der Fund "von außergewöhnlicher Qualität" war. Früh habe Ägypten die Rückgabe verlangt; doch Hitler habe später entschieden, die Büste sei ein "einzigartiges Juwel". Ribi betont, dass sie juristisch rechtmäßig in Berlin sei, "allerdings nach Gesetzen, die nicht Ägypten beschlossen hatte". Heute sammelten Aktivisten Unterschriften, im Grand Egyptian Museum sei "schon ein Platz reserviert" – falls Nofretete doch zurückkehrt.

Kunstmarkt

In "ARTnews" berichtet George Nelson, dass Hauser & Wirth von den britischen Steuerbehörden wegen des mutmaßlichen Bruchs der Russland-Sanktionen angeklagt wurde. Laut Gerichtsdokumenten soll die Galerie George Condos Werk "Escape from Humanity" 2022 einem "mit Russland verbundenen" Käufer zugänglich gemacht haben – trotz seit März 2022 geltender Verbote für Luxusgüter. Hauser & Wirth erklärte: "Wir fechten diese Anklage entschieden an und beabsichtigen, auf nicht schuldig zu plädieren." Alexander Popow, der Käufer, sei nicht sanktioniert. Der Fall gilt als erster seiner Art. Für die Galerie ist dies ein weiterer Rückschlag, nachdem ihre UK-Bilanz zuletzt einen "87-prozentigen Rückgang des Vorsteuergewinns" auswies.

Im "Guardian" beschreibt Eddy Frankel David Shrigleys neue Installation als "buchstäblich eine Ausstellung von zehn Tonnen alten Seils", das der Künstler "aufgehäuft und mit einem riesigen Preisschild versehen" habe. Dafür will der britische Künstler eine Million Pfund haben. Für Frankel ist es ein "ein Witz ohne Pointe", ein Kommentar darüber, "was Menschen bereit sind, für eine Idee zu bezahlen". Gleichzeitig sehe das Ganze "großartig" aus, weil es wie jede andere Konzeptkunstarbeit wirke. Zugespitzt werde es dadurch, dass die Galerie "finanziell ums Überleben kämpft". Trotzdem sei das Werk "obszön, lächerlich, lustig" – und am Ende eben nur: "ein altes Seil. Und das ist irgendwie großartig."

Architektur

Die Stadt Hamburg und die Kühne-Stiftung haben sich auf den Neubau einer Oper auf dem Baakenhöft in der Hafencity verständigt. In der "Zeit" feiert Hanno Rauterberg den Entwurf von Bjarke Ingels als radikal optimistische Offerte an die Stadt. Er schwärmt von einer Oper, die "kein Tempel, sie ist ein Pavillon: ein Sommerhaus, selbst im Winter" und spricht von einer "gelebten gesellschaftlichen Wahrheit". Rauterberg deutet an, die Hamburger Skepsis sei unbegründet, denn der Entwurf sei, so Ingels, "ein 'humble icon'", das Offenheit stifte und der Stadt Selbstvertrauen gebe – selbst, wenn die Kosten womöglich "bös viel teurer" würden. Ganz anders klingt Till Briegleb in der "SZ": Er beschreibt die Oper als "hypnotisch kreiselnde Großstruktur", aber sieht vor allem ein neues "Massenspektakel" und warnt, "in der Stadt des Finanzierungsdesasters um die Elbphilharmonie" lösten Finanzfragen nur noch "verlegenes Gelächter" aus. Die angebliche "Ästhetik der Bescheidenheit" sei reine Rhetorik. Ein Pro-&-Contra im NDR zeigt die Polarisierung: Daniel Kaiser nennt das Projekt ein Geschenk, "Hamburg kann hier nicht verlieren", und vergleicht es mit der einst unterschätzten Elbphilharmonie. Reinhard Postelt widerspricht: Was Hamburg weniger brauche als ein neues Opernhaus? "Einen neuen Fernsehturm." Geld solle in soziale Infrastruktur fließen; das Projekt sei ein "Betonklotz am Bein".