Debatte
Der Opernsänger Christian Gerhaher ist Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste und äußert sich gern quer zum Zeitgeist im Kulturbetrieb. Wie Christian Gohlke in der "FAZ" berichtet, kritisiert Gerhaher nun leidenschaftlich die politische Indienstnahme der Kunst, auch, wenn sie in bester Absicht geschehe. So hält er es für verfehlt, im Kampf um finanzielle Mittel für Kulturorte stets die "demokratiefördernde Wirkung" von Museen oder Theatern anzubringen. "Einem derart plumpen Kunstverständnis (Gerhaher spricht von problematischer 'Gesinnungskunst') stellt er mit Goethe und Feuerbach das Ideal einer autonomen Kunst entgegen, die nur eigenen Gesetzen verpflichtet sein soll: zweckfrei – und gerade darum auch sinnvoll und förderungswürdig", schreibt Gohlke. "Trost und Freude, Anregung zu kritischem Denken, Irritation durch die Konfrontation mit Unbekanntem, Identitätsstiftung – all das kann Kunst bewirken, nicht obwohl, sondern weil sie nicht explizite politische Botschaften pädagogisch zu senden versucht, sich hingegen der Eindeutigkeit entzieht und so für vielfältige Interpretationen offen bleibt."
Kleinkunst
Berlins Ex-Kultursenator Klaus Lederer macht jetzt auf humorvolle Kleinkunst – und holt in der Bar jeder Vernunft die Oper, allen voran Richard Wagner, von ihrem angeblich ehrwürdigen Sockel. "Zeit"-Autor Thomas E. Schmidt findet das so gar nicht witzig. Mit musikalischer Begleitung rechne Lederer den Opernhelden juristisch sauber, aber satirisch gemeint ihre Untaten vor: Mord, Betrug, Inzest, Machtmissbrauch – kurz, alles, was man im Opernhaus seit Jahrhunderten mit Genuss konsumiert. Die Idee: Hochkultur einmal durch die Brille des Strafgesetzbuchs zu betrachten und damit zu entzaubern. "Hinter der Idee mit dem Aufrechnen steht am Ende der alte Wunsch und niemals erlahmende Reflex, die Kunst vom Sockel reißen zu wollen, der hohen Kultur unter die Nase zu reiben, dass sie zu Unrecht hochstehe und eigentlich nicht besser sei als alles andere auch", schreibt Schmidt – und genau hier liegt für ihn das Problem. Die Grundidee des Abends zünde nicht, die alte Fehde zwischen Hoch und Niedrig sei längst befriedet. "Zwischen E und U existiert offenbar keine Spannung mehr, sodass der egalitäre Reflex für sich im Raum stehen blieb, eine Nostalgie des kritischen Bewusstseins, das inzwischen in der Bar jeder Vernunft gastiert."
Ausstellung
In der "Taz" beschreibt Katharina Granzin die Prager Ausstellung "Up in Flames" als eindringliche Wiederentdeckung von David Lynch als bildendem Künstler. Gleich zu Beginn werde man von einem "in Dauerschleife wiederholten Sirenengeheul" empfangen – Teil von Lynchs erstem Filmexperiment "Six Men Getting Sick" (1967), das Granzin als animiertes Gemälde liest. Schon hier seien zentrale Motive angelegt: der verletzliche Körper, Verfall, Zerstörung – und eine "widersprüchliche, um nicht zu sagen perverse Lust an jenem Ekel". Die Schau im DOX Centre for Contemporary Art, die mehr als 400 Arbeiten umfasst, konzentriere sich bewusst auf Papierarbeiten. Kurator Otto M. Urban erklärt, man habe sich auf "Aquarelle, Zeichnungen, Lithografien, Fotografien" fokussiert. Selbst die gezeigten Filme basierten fast alle auf Zeichnungen. Granzin hebt besonders Lynchs radikalen Umgang mit Schwarz hervor, die "verschiedenen Tiefen von Schwärze", verletzte Bildträger, deformierte Köpfe und Körperfragmente. Ihr Eindruck: eine Ausstellung von eigentümlicher Schönheit, in der das Unheimliche nicht illustriert wird, sondern sich körperlich einschreibt – und die Lynchs bildnerisches Werk endlich aus dem Schatten seiner Filme holt.
Schönheitskultur
Miriam Amro fragt sich im "Spiegel", warum berühmte Frauen um die 60 jetzt eigentlich alle wie 35 aussehen. Lange habe in der Schönheitskultur ein Ideal von "je jünger, desto besser" geherrscht, schreibt die Autorin. "Doch das Kindchenschema ist out. 35, heißt es in der Beautyindustrie, sei jetzt das Alter der Stunde, die neue ästhetische Zone, an der sich die plastische Chirurgie orientiere. Frauen um die 40, 50, 60 wirken plötzlich nicht mehr glatt gespritzt oder aufgepolstert, sondern frisch, ausgeruht und 'dennoch natürlich'. Nicht jung, nicht alt, schlicht so, als hätten sie ein paar Wochen in einem Wellness-Retreat verbracht." Die Experten, die Amro befragt, sehen darin ein Bedürfnis nach Authentizität, aber in engen Grenzen, ein Hinwenden "zur reiferen, aber keinesfalls zu reifen Frau". Letztlich kommt der Text zu dem Schluss, dass das "Forever-35 Face" wieder einmal vor allem ästhetische Ansprüche an weiblich gelesene Personen stellt und menschliche Gesichter als Konsumgut begreift, das Trends unterliegt. "Wer einfach nur so alt aussehen will, wie er oder sie ist, wird als Kundschaft nicht gebraucht."
Porträt
In "Artnet News" beschreibt Annikka Olsen die New Yorker Künstlerinnengruppe Gossip als Gegenmodell zu einem Kunstbetrieb, der Erfolg heute vor allem über Markt, Reichweite und Sichtbarkeit definiert. Seit 2009 trifft sich das rein weibliche Kollektiv regelmäßig zu klassischen crits – Gesprächen unter Künstlerinnen ohne Publikum, ohne Verkaufsabsicht, ohne Institution im Rücken. Ausgangspunkt war ein Gefühl der Isolation, erinnert sich Mitgründerin Jessica Stoller: "Nach einem Tag allein im Atelier platzte es aus mir heraus: Ich muss hier raus." Der Name Gossip ist programmatisch. Inspiriert von der feministischen Theoretikerin Silvia Federici steht er für Klatsch als historisch weibliche Wissensform – bevor er diffamiert wurde. Was hier verhandelt wird, sind keine Marktstrategien, sondern Zweifel, Sackgassen, formale Entscheidungen. "Das ist das beste Publikum, das ich mir wünschen kann", sagt Virginia Wagner, "anders als Kritiker oder ein Publikum, das vielleicht kommt oder auch nicht." Olsen macht deutlich: Gruppen wie Gossip tauchen selten in Ausstellungshistorien auf, prägen aber künstlerische Praxis nachhaltig. Für das Mitglied Robin F. Williams ist die Wirkung sehr konkret: "Diese Gruppe hat mich gegen das Gefühl immun gemacht, ins Leere zu arbeiten."
Bildpolitik
Nach dem "Spiegel" (siehe Medienschau vom 13. Januar) kommentiert nun auch der "Tagesspiegel" das Porträt des US-Präsidenten Donald Trump in der National Portrait Gallery in Washington. Die neue monumentale Schwarz-Weiß-Fotografie zeige ihn, so die Autorin Nicola Kuhn, in einer Pose, "wie sich Klein Fritzchen einen Macher, Manager, Machtmenschen an seinem Schreibtisch vorstellt": mit zu Fäusten geballten Händen auf der spiegelnden Tischplatte, bullig nach vorn geschobenem Oberkörper und "einer Grimasse der Entschiedenheit". Die Wirkung sei karikaturesk – und dennoch kalkuliert. Der eigentliche Skandal liegt für Kuhn weniger im Bild selbst als in der begleitenden Tilgung von Kontext. Unter dem neuen Porträt stehe nur noch, dass Trump der 45. und 47. Präsident der USA sei; der Hinweis auf die beiden Amtsenthebungsverfahren sei verschwunden. Historiker werteten dies als Angriff auf die Geschichtsschreibung. Die Vereinigten Staaten würden so zur "Lachnummer in der westlichen Welt", warnt der Historiker Raymond Arsenault. Dass die National Portrait Gallery zur Smithsonian Institution gehört, verschärfe die Brisanz – zumal Trump dem Verbund seit Langem vorwirft, zu "ideologisieren". Kuhn liest das neue Porträt als Teil einer umfassenden Bildpolitik. Trump knüpfe gezielt an ikonische Vorbilder an: das berühmte Foto aus dem Situation Room von Barack Obama 2011 beispielsweise oder auch klassische Herrscherporträts. Da Zepter und Krone einem demokratisch gewählten Präsidenten nicht zur Verfügung stünden, übernähmen die "wuchtig auf den Schreibtisch gesetzten Fäuste" diese Funktion. Für Kritiker wirke die Pose lächerlich, doch Trumps Anhänger feierten gerade die Überzeichnung. Der mögliche Trost, so Kuhns Schluss, bestehe darin, dass solche Bilder eines Tages vor allem eines bewahrten: "eine Hybris, die zu Fall gekommen ist."
Medien und Wirtschaft
Der deutsche Werbemarkt wächst in diesem Jahr laut dem Wirtschaftsverband Die Mediaagenturen e.V. um 3,5 Prozent auf 31,6 Milliarden Euro, meldet Michael Hanfeld in der "FAZ" und kommentiert: "Die vermeintlich gute Nachricht könnte für viele, die an Werbung, insbesondere der digitalen, Geld verdienen, schlechter nicht sein." Denn für das Wachstum sorgt vor allem das Internet. Und von den 31,6 Milliarden Netto-Werbeumsatz entfallen 51,6 Prozent auf die drei US-Digitalgiganten Google, Meta und Amazon. Das Wachstum verteilt sich also nur auf wenige Akteure. "Wenn jeder zweite deutsche Werbeeuro bei drei außereuropäischen Plattformen landet, sollten wir alle den Weckruf hören", zitiert Hanfeld den Verbandsgeschäftsführer Klaus-Peter Schulz. Hanfeld sieht darin auch eine Mahnung für die Politik: "Denn hier geht es nicht allein um Werbeeinnahmen und Umsätze, sondern um eine digitale Megastruktur, die den Wettbewerb vernichtet, den öffentlichen Raum definiert und die Demokratie aushöhlt. Sie wächst und wächst und wächst. Nicht mehr lange, und der Marktanteil der ausländischen Techgiganten beträgt 75 und dann 100 Prozent. Und die anderen sind – weg."